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Blog: Eine aufgewärmte Liebe

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Das RheinEnergieStadion: Hier haben sogar Kinder beste Sicht auf den Platz. Foto: Rainer Dahmen
Als KStA-Redakteur Christian Löer sein Hobby zum Beruf machte und Fußballreporter wurde, wurde ihm bald klar: Er hatte sein Hobby verloren. Nach einem Jobwechsel versucht er nun, sein Hobby zurückzugewinnen. Ein Blogbeitrag.  Von 
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Für einen, der vorher Fan war, hat die Entscheidung für den Sportjournalismus weitreichende Folgen. Denn wenn er Pech hat, wird ihm irgendwann klar: Indem er zum Beruf gemacht hat, was einmal sein Hobby war, hat er sein Hobby verloren.

Wer schreibender Sportjournalist wird, zumal bei einer Tageszeitung, sollte zum Beispiel damit rechnen, die Spiele, über die er berichtet, nur in Teilen zu erleben. Ein Reporter im Stadion schaut während des Spiels mehr in seinen Laptop als auf den Rasen.

Zehn Jahre lang im Fußball unterwegs

Mehr als zehn Jahre lang war ich im Fußball unterwegs, und ich war gern Sportreporter: Ich habe das deutsche WM-Aus 2006 gegen Italien erlebt, Ballacks Tränen. Die Final-Niederlage von Wien 2008. 2010 in Durban wieder eine Pleite gegen die Spanier. Milans Triumph über Juve im Champions-League-Finale von Manchester, Mourinho mit Porto gegen Monaco. Deutschlands Sieg im ersten Spiel im neuen Wembley. Überhaupt, die Länderspielreisen: Yokohama, Busan, Johannesburg, Schanghai, Dubai, Luxemburg und Kasachstan.

San Siro mit seinem einzigartigen Hall und dem Gong, der die Wechsel ankündigt. Bernabeu, mitten in der Stadt; Dublins Croke Park, in dem ich sogar auf den Handrücken Gänsehaut hatte. Und immer wieder der FC. Auf und ab, von Lienen bis Schaefer, von Linßen bis Finke. In der Rückschau fühlt sich das alles an wie ein einziges Spiel. Ein ewiger Kampf gegen den Redaktionsschluss.

„Jahrelang nichts gesehen“

Heute Stellvertretender Leiter der Lokalredaktion des Kölner Stadt-Anzeiger: Christian Löer.
Heute Stellvertretender Leiter der Lokalredaktion des "Kölner Stadt-Anzeiger": Christian Löer.
Foto: Archiv

Ich kann mich an fast alle Spiele erinnern, zu denen ich als Kind mit meinem Vater und meinem Bruder gefahren bin. An die Gespräche auf der Autobahn oder die Hoffnung, dass uns meine Mutter bei der Rückkehr sagen würde, dass die Niederlage annulliert sei, weil der Gegner zu zwölft gespielt habe. Vom Spiel nicht viel mitzubekommen, lernte ich schon als Kind: Ich erinnere mich, wie ich am 10. Oktober 1987 beim Kölner 4:1 gegen Borussia Mönchengladbach auf Stehplatz-Mitte unten an der Mauer stand, weil ich zu klein war, um auf der Tribüne etwas sehen zu können.

Hinter den Rollstuhlfahrern, den Balljungen, den Leuten vom Wachdienst. Eigentlich habe ich jahrelang nichts gesehen für meine Dauerkarte. Stehplatz-Mitte, 150 Mark für 17 Heimspiele plus Sonderspiele in Pokal und, ja: Im Uefa-Cup. Alle Karten der Saison zum Abreißen, hübsch perforiert in einer weißen Kunstledermappe. Auf eine dieser Dauerkartenmappen hat mir Jürgen Kohler mal ein Autogramm geschrieben, mit rotem Stift.

Spiele im Tunnel

Wer beruflich Fußball schaut, legt die Spiele in den Konzentrationstunnel. Darum fühlen sie sich an, als dauerten sie gerade eine Viertelstunde. Ein Fußballreporter muss in der Regel für den nächsten Tag arbeiten. Beginnt das Spiel um 17.30, endet es mit Nachspielzeit und Nebengeräuschen um 19.18 Uhr, das liegt ziemlich nah am Redaktionsschluss – streng genommen sogar dahinter. Jede Minute zählt also. Man verfolgt die erste Halbzeit konzentriert, um mit dem Halbzeitpfiff mit dem Schreiben zu beginnen. Wenn bis dahin nichts passiert ist, über das sich zu schreiben lohnte, macht das die Sache nicht gerade leichter.

Nach 15 Minuten Halbzeitpause verfolgt man das Geschehen bis etwa zur 60. Minute. Den Rest der Partie verbringt man schreibend und blickt nur noch von seinem Laptop auf, wenn es laut wird im Stadion. Also: noch lauter, als es ohnehin schon ist.

Die Fehlerquellen sind unendlich

Etwa in der 85. Spielminute müssen alle Texte in die Redaktion geschickt sein, wofür man allerdings ein Datennetz benötigt, das nicht gerade zusammengebrochen ist, weil 25.000 Menschen aus dem Stadion daheim anrufen, SMS verschicken und Fotos auf Facebook laden. Die Kollegen in der Redaktion sollten den Text wenigstens noch überfliegen können, denn sie müssen schließlich noch die Überschrift texten. Und die Unterzeile und die Bildunterzeilen und wahrscheinlich noch die Zeilen auf der Titelseite.

Was zum Beispiel blöd ist, wenn eine Partie jenseits der 80. Minute kippt. Die Fehlerquellen sind unendlich, die Quote ist schmerzhaft hoch. Man weiß vor fast jedem aktuellen Spiel, dass Fehler passieren werden. Nur nicht, an welcher Stelle.

Ständig in Erklärungsnot

Um das zusammenzufassen: Ich habe auf der Pressetribüne nie mehr die Freude am Fußballgucken erlebt, die ich von früher kannte. Wenn meine Freunde mir in der Halbzeitpause unsachlich-lustige SMS schickten, hatte ich kaum die Zeit, sie zu lesen. Bei Wurst und Bier über das Spiel zu quatschen, hat mir gefehlt. Irgendwann würde ich wieder die Tribünen wechseln, das stand fest.

Ein weiterer Faktor ist, dass ein Reporter ständig in Erklärungsnöte gerät. Ein Fan wird nichts dagegen haben, wenn der Stürmer, der stets versagt, plötzlich fünf Tore in einem Spiel macht. Ein Reporter muss begründen, wie das passieren konnte.

Rückrunde 2011 ausgelassen

Der Fan lacht sich kaputt und freut sich über das Wunder. Wenn an einem Tag die schlechtere Mannschaft gewinnt, sagt der Fan: Hauptsache gewonnen. Wer aber aktuell schreibt, dem ist es lieber, dass Spiele nach Plan laufen, früh entschieden und Resultate leicht erklärbar sind. Dabei hat man doch eigentlich den Job angefangen, um Jahrhundertspiele zu erleben.

Seit Januar 2011 habe ich eine neue Aufgabe im Leitungsteam der Lokalredaktion des „Kölner Stadt-Anzeiger“, die Rückrunde 2011 ließ ich aus, um wieder eine unkritische Distanz herzustellen. Heute kann ich mit Stolz behaupten: Ich kenne keine Interna mehr, null. Und das ist auch gut so. Wenn man erst die handelnden Personen kennengelernt hat, verliert ein Verein rasch seinen Mythos.

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Obwohl ich in meinen Jahren mit dem FC viele kluge, freundliche und sogar fleißige Menschen kennengelernt habe, gab es viele unschöne Erfahrungen. Zwischendurch habe ich dem FC nicht mehr gegönnt, erfolgreich zu sein. Jetzt will ich wieder Siege, denn ich gönne sie mir und den Leuten auf den Tribünen. Ob die handelnden Personen im Verein diese Erfolge verdient hätten, wenn sie sich denn einstellten, ist mir herzlich egal.

Seit der Saison 2011/2012 habe ich wieder eine Dauerkarte, nicht weit entfernt von der Stelle, an der ich früher auf Stehplatzmitte stand. Dass der FC gleich in meiner ersten Rückkehrsaison aus der Liga in die nächste Riesenkrise krachte, lag erstens nicht an mir und hat mich zweitens natürlich nicht davon abgehalten, in dieser Saison wieder hinzugehen. Beziehungsweise: Zu fahren.

Vom Aufstieg überzeugt

Samstagmittags mit dem Fahrrad durch den Stadtwald zum FC zu radeln hat den höchsten Freizeitwert, den man sich nur denken kann. Und obgleich ich in der Hinrunde überzeugt und auch zu recht vom schwächsten FC der Vereinsgeschichte gesprochen habe, bin ich natürlich vom Aufstieg überzeugt. Als Reporter wären beide Ansichten innerhalb einer Saison schwierig zu vermitteln.

Aber darum muss ich mich nicht mehr kümmern. Ich habe bis vor ein paar Tagen darauf gehofft, dass uns Milivoje Novakovic mit 25 Rückrundentoren zurück in die Erste Liga schießt. Ich glaube an das Duo Ujah/Maierhofer, an Stanislawskis 4-4-2; daran, dass Horn der nächste Illgner wird und eigentlich auch daran, dass der neue brasilianische Verteidiger eine Rakete ist. Und das ist nur der Anfang. Um den 28. Spieltag werde ich damit begonnen haben, noch an ganz andere Sachen glauben. Ich bin sicher: Auch aufgewärmte Liebe kann schön sein.

Hoffen auf ein lohnendes Spiel

Aber nun geht es erstmal weiter mit dieser seltsamen Zweitligasaison, in der wir sogar schon gegen Aalen verloren haben (da war ich allerdings im Urlaub). Ich werde am Samstag zur Unzeit um 12 Uhr zum Stadion radeln und mir vorstellen, ein Spiel des Clubs von Hans Schäfer, Hansi Sturm, Bodo Illgner und Pierre Littbarski gegen den FC Erzgebirge Aue sei etwas, wofür es sich zu fiebern, zu zahlen und zu begeistern lohne.

Und fest an den Aufstieg glauben und daran, dass der FC eines Tages wieder da steht, wo er hingehört. Obwohl man das ja nicht sagen darf. Weil der FC ja nirgendwo hingehört. Was natürlich Unsinn ist.

Dieser Text ist der Auftakt zu einem Blog, in dem Christian Löer schildert, wie er sein Hobby, das er einst zum Beruf machte, für sich zurückerobert. Weitere Folgen erscheinen vor und nach den Spielen des 1. FC Köln.

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