Irgendwann löst die verhakte Stelle sich und die Platten holen die Bewegung in Sekunden nach, die sie in den letzten Jahrzehnten versäumt haben.
Ein solcher schlagartiger Ruck hat am gestrigen Morgen die italienische Stadt L'Aquila und die umliegenden Abruzzen getroffen. Die Stärke dieses Erdbebens konnten die Wissenschaftler des GeoForschungsZentrum (GFZ) der Helmholtz-Gemeinschaft in Potsdam recht genau auf einen Wert von 6,3 bestimmen. Bei der exakten Ursache aber tappen auch sie im Dunkeln: „Gerade im Bereich Italien, Adria und Balkan ist die Situation sehr unübersichtlich“, berichtet der GFZ-Seismologe Rainer Kind.
Zuverlässige Prognosen sind schwierig
Genau das aber verhindert es bis heute, Erdbeben zuverlässig vorherzusagen. Dabei gibt es eine ganze Reihe von Vorboten, die auf ein Beben in den nächsten Stunden oder Tagen hinweisen. So bilden sich vor einer solchen großen Erschütterung offensichtlich neue Risse im Gestein. Während sich neue Spalten bilden, werden andernorts Poren zusammen gequetscht, darin enthaltenes Wasser wird so in die Umgebung gedrückt. Dadurch verändern sich Brunnenpegelstände und die elektrische Leitfähigkeit des Bodens - genau das gleiche hatte man ebenfalls vor verschiedenen Beben beobachtet. Leben Tiere unter der Erde, bekommen sie solche Phänomene viel eher mit als der Mensch und fliehen in Panik aus ihren Höhlen.
Auch das hat man schon vor großen Erdbeben beobachtet. Und manchmal entladen sich die Spannungen auch in kleinen Vorbeben. Als chinesische Wissenschaftler 1975 mit Hilfe dieser Vorläuferphänomene ein großes Beben bei der Stadt Hai Cheng voraussagten, die Region völlig evakuiert wurde und kurze Zeit später ein starkes Beben den Ort zerstörte, schien die Prognose-Methode den Durchbruch geschafft zu haben. Bald aber kam die große Ernüchterung. Ein Jahr später forderte ein weiteres Beben in China mehrere hunderttausend Tote, nichts hatte davor gewarnt.
Auch 1995 im japanischen Kobe und 1999 nahe der türkischen Stadt Izmit forderten heftige Erdbeben Tausende von Menschenleben, ohne dass auch nur eines der bekannten Vorzeichen auf eine nahende Katastrophe hingewiesen hatte. Prognosen mögen also zumindest heute noch nicht möglich sein, die Erdbebengefährdung einer Region aber können Seismologen wie Birger Lühr durchaus bestimmen. Sie können inzwischen gut berechnen, welche Schwingungen dann in den Schichten direkt an der Erdoberfläche auftreten - und wie Gebäude auf diesen Schichten auf das Beben reagieren. Wenn die Frequenzen des Erdbebens zu den Eigenfrequenzen der darauf stehenden Gebäude passen, fallen diese wie Kartenhäuser in sich zusammen. Ermitteln Erdbebenforscher also die möglichen Frequenzen auf bestimmten Böden, können Bauingenieure dort Gebäude mit anderen Eigenfrequenzen errichten, die auch ein größeres Beben überstehen.


