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Hochwasser in Rhein-Berg: Die unterschätzte Gefahr

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Hochwasser an der Sülz Foto: Christopher Arlinghaus
Eine Flut wie an Elbe und Saale droht in Rhein-Berg nicht. Trotzdem können gerade die kleinen Flüsse der Region ungeahnte Probleme bereiten. Und auch die oft zu kleinen Kanäle können bei starken Regenfällen zu Stürzbächen führen.  Von 
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Rhein-Berg

Mit Schaudern und Mitgefühl schauen sich die Menschen im Bergischen seit Tagen die Hochwasserbilder aus dem Osten und Süden der Republik im Fernsehen an. Und mit einem gewissen Gefühl der Erleichterung: „Furchtbar! Aber bei uns kann so etwas ja nicht passieren“, heißt es dann. Von wegen! Vor fast genau einem Jahr mussten die Einwohner von Untereschbach, Steinenbrück und Immekeppel miterleben, dass so etwas sehr wohl auch bei uns geschehen kann. Keller standen unter Wasser, die Schäden waren immens.

„Land unter“ im Bergischen hat allerdings eine ganz andere Qualität als die Flut an Elbe, Saale und Donau. Es sind kurzzeitige Ereignisse. Sie kommen plötzlich und sind auch schnell wieder verschwunden. Typische Hochwasser-Phänomene mit Flüssen, die langsam zu Strömen anschwellen und erst nach vielen Tagen wieder in ihr Bett finden, sucht man in Rhein-Berg vergebens. „Bei uns dauert das in der Regel nur zwei bis fünf Stunden“, sagt Walter Büttgens. Er ist Abteilungsleiter beim Kreis und unter anderem zuständig für die Wasserwirtschaft. Und er weiß sehr anschaulich von den Anstrengungen zu berichten, die die Behörden unternehmen, um Großschadensereignisse nach Möglichkeit zu verhindern.

In Rhein-Berg gibt es zwei Arten von Hochwasser. Besonders unangenehm, weil auf eine ziemlich unvorbereitete Bevölkerung treffend, sind die Sturzbäche, die über die Kanalisation nach oben gespült werden. Sie treten meist nach heftigen Gewitterregen auf, wie dem am 29. Juni 2012 im Overather Sülztal. Eine kleinräumige, aber ungewöhnlich ergiebige Gewitterzelle sorgte innerhalb von Minuten dafür, dass Hauptverkehrsstraßen einen halben Meter unter Wasser standen. „Die Kanalisations-Sünden stammen aus den 1950er und 1960er Jahren“, sagt Walter Büttgens: „Damals wurde zu klein gebaut und auch der bauliche Zustand lässt nach all den Jahren sehr zu wünschen übrig.“ Seit man das weiß, versucht man diese Probleme in den Griff zu bekommen. Aber man kann nicht das ganze Kanalnetz auf einen Rutsch austauschen.

Die zweite Form von „Land unter“ ist in der Tat mit den Flüssen, aber auch mit den kleinen Bächen verbunden. Agger und Sülz sind die üblichen Bösewichte, Holzbach und Dresbach in Overath sowie Strunde und Frankenforstbach in Bergisch Gladbach aber die ganz speziellen. Weil man es ihnen nicht zutraut, überhaupt für Probleme zu sorgen.

Doch es gibt längst Karten, auf denen eingezeichnet ist, wie diese kleinen und natürlich die großen Wasserläufe bei Hochwasser reagieren. Die Behörden unterscheiden zwischen Pegelständen, die alle zehn, alle hundert oder alle tausend Jahre eintreffen können – wobei sich die Natur selten an den Kalender hält. Für jedes dieser sogenannten Schadensereignisse ist genau ausgerechnet worden, welche Flächen überflutet werden.

Bauverbot ist nicht gleich Bauverbot

Im Einzugsgebiet eines potenziellen Jahrhundert-Hochwassers ist das Bauverbot löchrig. Es gibt Möglichkeiten, den Behörden doch noch eine Baugenehmigung abzuringen. Schwierig ist dies für Kommunen. Sie müssen zum Beispiel nachweisen, dass sie nur an dieser einzigen Stelle noch den Platz haben, ein Objekt hochzuziehen. Privatleute haben mehr Möglichkeiten. Sie können sich die Genehmigung erkaufen. Dabei geht es wirklich um Geld, nämlich um das sogenannte Ersatzgeld.

Mit dieser Zahlung soll ermöglicht werden, dass an anderer Stelle eines Wasserlaufs Grundstücke gekauft und als Überflutungsfläche ausgewiesen werden können. Die Städte und Gemeinden entlang der Agger haben sich in diesem Punkt zusammengetan. Sie reichen das Ersatzgeld an den Aggerverband weiter, der dann entsprechende Grundstücke kauft. Trotz einer auf diese Weise erkauften Baugenehmigung müssen die Privatleute noch zusätzlichen Hochwasserschutz etwa für Kellerräume und Erdgeschoss nachweisen. (ew)

Zum Beispiel Overath: Beim Zehn-Jahres-Hochwasser sind keine größeren Schäden zu erwarten. Die Agger nutzt die paar Überlauf-Areale in der freien Landschaft, die ihr der Mensch noch zugebilligt hat. Beim Hundert-Jahres-Hochwasser wären Teile der Innenstadt überschwemmt, wenn am nördlichen Aggerufer nicht von Menschenhand ein Schutzdeich angelegt worden wäre.

Beim Tausend-Jahres-Hochwasser legt man die entsprechende Karte besser schnell wieder weg. Denn dann reicht der Deich nicht mehr, die Innenstadt würde komplett voll laufen. Ob es jemals dazu kommen wird, steht in den Sternen. Seit Beginn der örtlichen Wetteraufzeichnungen hat es in Overath ja noch nicht einmal das Hundert-Jahres-Ereignis gegeben. „Das extremste Hochwasser bei uns war am 22. Februar 1970“, erinnert sich Walter Büttgens. Damals lag Schnee, der kurzzeitig taute, dann wieder fror. Und auf diesen Eispanzer regnete es ergiebig. Das Wasser konnte nicht versickern und ließ die Flüsse mächtig anschwellen. Agger und Sülz traten besonders heftig über die Ufer.

Umfrage - Hochwasserschutz

Die Hochwasserkarten der Kreisverwaltung sind noch nicht ganz fertig und deshalb nicht zur Veröffentlichung freigegeben. Sie sind die Konsequenz der „Hochwasserrisikomanagementrichtlinie“ der Europäischen Union. Die EU fordert erhebliche Anstrengungen der Behörden. Denn es geht auch um zukünftige Schäden. So darf zum Beispiel im Gebiet eines möglichen Hundert-Jahres-Hochwassers eigentlich nicht mehr gebaut werden – wobei es aber gewisse Ausnahmen von dieser Regel gibt.
Die Umsetzung dieser Richtlinie ist Ländersache, doch konkret tätig werden nun die Kreisverwaltungen und Kommunen. Büttgens: „Das macht auch Sinn, denn wir wissen am besten, wo etwas passieren kann.“ Dazu lernen müssen aber auch die Menschen. Büttgens: „Je seltener Hochwasser auftritt, desto schlechter ist die Bevölkerung darauf vorbereitet.“

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