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Kraftwerk Neurath: In Betrieb genommen

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Auf Knopfdruck wurde der Kessel heruntergefahren (v.l.): RWE-Technologie-Chef Hartung, Gesamtbetriebsratsvorsitzender Faust, Konzernchef Terum, Ministerpräsidentin Kraft, Landrat Petrauschke und RWE-Power-Chef Lambertz.  Foto: Beissel
RWE hat am Mittwoch das Kraftwerk in Neurath eingeweiht. Ministerpräsidentin Hannelore Kraft unterstrich die Bedeutung der Braunkohle für die Energiewende und sprach sich für einen neuen Block in Niederaußem aus.  Von
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Grevenbroich-Neurath

„Die Inbetriebnahme von BoA 2 und 3 ist energiepolitisch der richtige Schritt zum richtigen Zeitpunkt.“ Ministerpräsidentin Hannelore Kraft ließ bei der offiziellen Inbetriebnahme des Braunkohlenkraftwerks mit optimierter Anlagentechnik (BoA) keinen Zweifel: Der Braunkohle aus dem Rheinischen Revier komme für die Energiewende eine besondere Bedeutung zu. Vor zahlreichen Gästen sprach sie zugleich von den hohen Klimaschutz-Zielen für NRW und konkret von der angepeilten absoluten Senkung des Ausstoßes von Kohlendioxid (C02). Bis 2020 sollen die Emissionen um 25 Prozent, bis 2050 sogar um 80 Prozent sinken.

Neues Braunkohlekraftwerk

Um das zu erreichen, möchte die Landesregierung mit RWE Power einen Aktionsplan Rheinisches Revier entwickeln. Kraft weiter: „Zu diesem Aktionsplan sollte sicherlich auch das von Ihnen derzeit in Niederaußem projektierte Kraftwerk BoA-plus zählen.“ Dieses Kraftwerk verspreche ein so hohes Maß an Effizienz, wie sie vor wenigen Jahren noch niemand für möglich gehalten hätte. „Ich würde mich freuen, wenn RWE mit diesem Projekt ein weiteres Zeichen zur Effizienzsteigerung und zur Senkung der CO2-Emissionen setzen würde“, sagt sie unter großem Beifall.

Die Blöcke in Daten
Kohlegegner vor dem Werkstor

Die beiden BoA-Blöcke in Neurath haben laut RWE 2,6 Milliarden Euro gekostet. Sie leisten zusammen 2200 Megawatt und liefern zehn Milliarden Kilowattstunden im Jahr. Damit können 3,4 Millionen Haushalte versorgt werden.
Der Wirkungsgrad beträgt 43 Prozent, das heißt , dieser Anteil der Energie der Kohle wird in Strom umgewandelt. Im Vergleich zu alten Anlagen werden bei gleicher Stromproduktion laut RWE sechs Millionen Tonnen weniger CO2 ausgestoßen.
Ein flexibler Einsatz ist durch dünnwandige Bleche und eine digitale Leittechnik möglich. Die Blöcke können laut RWE nach Bedarf innerhalb einer Viertelstunde um rund 500 MW herunter- oder heraufgefahren werden, ähnlich wie Gaskraftwerke.
Am Bau der Blöcke haben 100 000 Menschen von 3000 Firmen mitgewirkt. Es wurden 91 000 Tonnen Stahl verbaut, 2500 Kilometer Kabel verlegt und 380 000 Kubikmeter Beton (60 000 Betonmischer) benötigt.
3000 Arbeitsplätze (2000 bei RWE und 1000 bei Zulieferern) werden laut RWE durch den Betrieb der neuen Blöcke gesichert. (ko)

Der Protest vor dem Werkstor gegen die Inbetriebnahme des neuen Kraftwerks und gegen die Stromgewinnung aus Braunkohle richtete sich auch gegen Ministerpräsidentin Hannelore Kraft. Etwa 30 Kohlegegner hatten sich dort am Morgen eingefunden und hielten etwa Transparente mit der Aufschrift „Braunkohle killt das Klima – Hannelore Kraft findet’s prima“ in die Höhe. Der Landesvorsitzende des Bundes für Umwelt und Naturschutz (BUND), Paul Kröfges, wertete den Besuch von Kraft zur Einweihung des Kraftwerks als einen Beleg für „die widersprüchliche Energie- und Klimaschutzpolitik der Landesregierung“. Hauptkritikpunkt der Umweltschützer: Solange RWE den Einsatz von Braunkohle nicht drastisch verringere, blieben die absoluten CO2-Emissionen auf gleichem Niveau. Der BUND fordert die Landesregierung auf, ein Ausstiegskonzept aus der Braunkohle vorzulegen. Dies müsse mit einer Änderung der Braunkohlepläne und der Rücknahme der Abbaugrenzen gekoppelt werden. Der Klimaexperte der Umweltschutzorganisation Greenpeace sprach von einem „Desaster für den Klimaschutz und von einem Rückschlag für die Energiewende“. (nk)

Kraft mahnte die RWE-Vorstände, die Kritik in der Bevölkerung am Bau von Kraftwerken und an der Verstromung von Braunkohle ernst zu nehmen. „Wirtschaft und Politik müssen gemeinsam auf die Menschen zugehen und ihnen erklären, warum neue Kohlekraftwerke für eine Übergangszeit notwendig sind und wie wir die CO2-Emissionen dabei deutlich reduzieren können.“

Einweihungsfeier bei der Inbetriebnahme des Kraftwerks.
Das Zusammenwirken von regenerativen Energien und Braunkohlestrom verdeutlichten Auszubildende an einem Modell.
Foto: Udo Beissel

Aus für 16 Alt-Blöcke

Weiterhin mahnte sie nicht nur die Stilllegung alter Anlagen an, sondern forderte auch deren Abbruch. Zum Jahresende will RWE Power 16 der alten 150-MW-Blöcke in den Kraftwerken Frimmersdorf, Niederaußem und Weisweiler endgültig stilllegen. „Wenn die Bürger erleben würden, dass nicht mehr benötigte Anlagen zurückgebaut werden, dass keine Industrieruinen vor ihrer Nase die Gegend verschandeln, sondern diese Flächen saniert und neu genutzt werden, dann würde vielleicht auch die Akzeptanz für neue Kraftwerksprojekte hier im Revier wachsen. Vor einem Rückgang der Akzeptanz warnte auch der Neusser Landrat Hans-Jürgen Petrauschke. Er forderte mit Blick auf die geplanten Umstrukturierungen im Konzern, keine Arbeitsplätze aus dem Braunkohlenrevier zu verlagern. „Das könnte die Akzeptanz der Braunkohlenverstromung gefährden.“ Der Vorsitzende der RWE AG, Peter Terium, wies vor allem auf das Zusammenspiel von „Wind und Sonne mit den konventionellen Energien“ hin. Es sei das Ziel gewesen, ein flexibles Kraftwerk zu bauen, das sich an die jeweils vorhandene Leistung der regenerativen Energien anpasse.

Gegen das neue Kraftwerk, gegen die Verstromung der Kohle und gegen Hannelore Kraft protestierten gestern Menschen in Neurath.
Gegen das neue Kraftwerk, gegen die Verstromung der Kohle und gegen Hannelore Kraft protestierten gestern Menschen in Neurath.
Foto: Udo Beissel

„Jeder Block kann in nur 15 Minuten seine Leistung um mehr als 500 MW verändern.“ Genau das mache „unsere modernen mit Gas und Kohle befeuerten Kraftwerke zum Trumpf der Energiewende“. Erneuerbare Energien bräuchten noch mehrere Jahrzehnte konventionelle Kraftwerke zur Ergänzung. Gleichzeitig versprach Terium den Ausbau von Wind, Sonne- und Bio-Anlagen. Zu den Windkraftanlagen auf der Neurather Höhe kämen bald noch Windparks in Titz und Jüchen hinzu. Weil die Energiewende aber Zeit und die Industrie in NRW daher noch konventionelle Energie brauche, treibe RWE „die Pläne für BoA plus voran“. Auch Bundesumweltminister Peter Altmeier bekannte sich zur Braunkohle und übte Kritik an den Kritikern. Man dürfe die konventionelle Energie nicht gegen die erneuerbare ausspielen, das sei dümmlich, sagte der Umweltminister. Für die Energiewende müssten moderne und hocheffiziente Braunkohlekraftwerke genutzt werden.

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