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Milch: Nutzvieh mit amerikanischen Wurzeln

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Ab den 70er Jahren wandelte sich die Züchtung und auch das Aussehen der Rinder. Diese sind etwas gedrungener als heutige Exemplare.  Foto: Privat
Die wichtigste Milchviehrasse auch in Rhein-Berg heißt Holsteiner. Ihr Ursprung liegt nicht in Norddeutschland, sondern in den USA: Auswanderer hatten ihre Rinder mitgenommen und importierten sie zurück nach Deutschland.  Von
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Rhein-Berg

Als die Jury naht, wird es hektisch auf der Bezirkskuhschau. Hier werden noch schnell ein paar Haare in Form geföhnt, dort mit einem weichen Tuch die Klauen auf Hochglanz poliert. Doch solch kleinen Schönheitskorrekturen sind wohl eher der Nervosität der Besitzer geschuldet, denn auf die Entscheidung haben sie nur geringfügigen Einfluss. Beurteilt werden vor allem Körperbau, Euter und gesunde Beine. Diesmal wird es Laurien aus dem Stall von Alois und Andreas Landwehr sein, die von der Züchterzentrale des Rheinisch-Bergischen Kreises als Schönste auf der Bezirkskuhschau Bergisch Land gekürt wird. Die Bergisch Gladbacher, Vater und Sohn, dürfen sich nun Züchter des Jahres nennen.

Die Kühe aus dem Bergisch Gladbacher Stall sind bereits vielfach prämiert. Der Erfolg ist das Ergebnis konsequenter und geschickter Zucht. Laurien ist eine waschechte Holsteinerin. „Das ist die weltweit wichtigste Milchrasse“, erklärt Karl-Jürgen Krings, Kreistierzuchtberater und Geschäftsführer der Züchterzentrale des Rheinisch-Bergischen Kreises. In Deutschland wird seit den 1960er Jahren fast nur in Richtung Milchproduktion gezüchtet. „Davor gab es zwei Nutzungsgründe, Rinder zu halten: Fleisch und Milch“, erklärt der gelernte Landwirt. Wie anders die Kühe in Deutschland noch vor wenigen Jahrzehnten aussahen, wird anhand alter Fotos deutlich, die 2011 in einer Ausstellung zum 50-jährigen Bestehen der Jungviehschau zu sehen waren.

Das moderne Rind trägt keine Hörner

Die Kühe auf den Weiden haben keine Hörner mehr. Bei Kälbern werden im Alter von etwa vier Wochen die Hornansätze entfernt. Inzwischen geht der Trend dahin, Rinder ohne Hörner zu züchten.

In der Vergangenheit wurden Rinder mit Hörner bevorzugt. Denn an den Hörnern konnte das Joch festgeschnallt werden, wenn die Rinder als Zugtiere eingesetzt wurden. Außerdem konnten sich im Anbindestall Kühe mit Hörnern nicht so leicht befreien. Nicht zuletzt war das gemahlene Horn ein beliebtes Düngemittel. Inzwischen wurde es durch den synthetisch hergestellten Stickstoffdünger fast komplett verdrängt. (lan)

Die Rinder auf den vergilbten Bildern sind viel kleiner und massiger als die Tiere, die heute auf den Weiden im Bergischen zu sehen sind. Dass sich heutzutage die Hüftknochen deutlich abzeichnen, ist gewollt. „Die Schenkel sind muskelarm, damit das Euter mehr Platz hat“, erklärt Krings. Das Rindvieh, das sowohl auf Fleisch und Milch gezüchtet wurde, gehört inzwischen der Vergangenheit an. „Die alte europäische Genetik ist komplett verdrängt“, erklärt Krings. Trotz des deutsch klingenden Namens liegt der Ursprung der Milchkühe in Amerika. Auswanderer nahmen ihr Vieh mit in die neue Heimat.

Dort wurde mit aus Holstein und Friesland stammenden Kühen gezielt auf Milchleistung gezüchtet. „Die Tiere wurden größer und hatten höher aufgehängte Euter“, so der Zuchtexperte. Von dort wurden die Tiere nach Deutschland importiert. Zunächst verlief die Zucht mit mäßigem Erfolg. „In den 1970er Jahren wurde der Fehler gemacht, zur Hälfte mit den heimischen Rassen zu züchten“, sagt Krings. Der Erfolg sei erst gekommen, als komplett mit amerikanischer und kanadischer Genetik gezüchtet worden sei. Parallel entwickelte sich die Betriebsstruktur der Bauernhöfe von der Anbindestallhaltung hin zum Boxenlaufstall. „Früher waren die Kühe im Winter angebunden und kamen im Sommer tagsüber auf die Weide“, erzählt Krings. Auch die Melktechnik veränderte sich stetig. Früher wurde im Anbindestall gemolken. Heute ist der Fischgrätenmelkstand am weitesten verbreitet. Krings: „Die Grube für den Bauern liegt tiefer, so kommt er besser an die Euter.“ Außerdem kam das Melkkarussell auf. Hier liegt die Grube für den Bauern in der Mitte eines Kreises. „Das Neueste ist der Melkroboter, bei dem die Kuh entscheidet, wann sie gemolken wird“, berichtet Krings. Nicht alle Rinder sind jedoch dafür geeignet, da das Euter der Kuh eine geeignete Form haben muss.

Haltung am besten auf der Weide

Im Rheinisch-Bergischen Kreis gibt es rund 7000 Milchkühe in 120 Betrieben. Im Durchschnitt gibt eine pro Kuh etwa 8350 Liter Milch pro Jahr. Das liegt unterhalb des NRW-Durchschnitts. Die höchste Milchleistung wird im Kreis Minden-Lübbecke mit 9500 Liter erwirtschaftet.

Eine gute, ältere Milchkuh kann am Tag bis zu 50 Liter Milch geben. Die Weidehaltung ist für das Wohlbefinden der Kühe wichtig und im Bergischen auch üblich, wegen der Bewegung und der Umweltreize, auch wenn das Futterangebot über das Weidegras nicht ausreicht. Deshalb muss die bedarfsgerechte Fütterung im Stall erfolgen. (lan)

Dabei geht die Tendenz zu größeren Betrieben. Anfang der 1990er Jahre hatte ein Landwirt im Bergischen durchschnittlich 35 Kühe, heute sind es 72. Aber bevor eine Kuh Milch gibt, muss sie kalben. Jedes Jahr. Mit rund eineinhalb Jahren wird ein Rind zum ersten Mal gedeckt. Die Kälber werden von der Mutter getrennt und zwei bis drei Wochen allein gehalten. „Ein Kalb kann nicht die Milchmengen trinken, die die Mutter produziert, und wenn der Euter nicht leer getrunken wird, entzündet er sich“, erläutert Krings.

Die meisten Bauern suchen die Bullen für ihre Kühe im Katalog aus. „Wie der Bulle Jetlag. Er hat 3635 Töchter in Milchleistung“, sagt Krings. Zwar ist es für einige Landwirte erstrebenswert, einen Bullen aus der eigenen Zucht in die Besamung zu bringen, doch das ist langwierig: „Es braucht mindestens zwei Generationen mit hervorragenden Werten in allen gewünschten Merkmalen, bis ein Bulle gute Bewertungen hat.“

In den 1970er Jahren wurde bei der Zucht ausschließlich auf die Milchleistung geachtet. „Heutzutage will man eine gut funktionierende und langlebige Kuh“, erklärt Krings. Auch deshalb wurden Alois und Andreas Landwehr als Züchter geehrt: „Sie haben ein hohes Durchschnittsalter in der Herde.“

Doch dass eine verdiente Kuh ihr Gnadenbrot bekommt, ist nicht üblich. Krings: „Wenn die Milchleistung nicht mehr stimmt, lasse ich eine Kuh schlachten. Das ist der Lauf der Dinge.“

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