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Psychische Erkrankung: Leiden aus der Tabuzone holen

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Wenn Eltern psychisch krank sind, dann leiden auch die Kinder. Foto: dpa
Wenn Eltern psychisch krank sind, dann leiden auch die Kinder. Für diese Kinder hatte das Sozialpsychiatrische Zentrum Eitorf/Siebengebirge der Arbeiterwohlfahrt mit Unterstützung der Aktion Mensch das Projekt KiPES ins Leben gerufen.  Von
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Rhein-Sieg-Kreis

Depressionen, Persönlichkeitsstörungen, Psychosen: Wenn Eltern psychisch erkrankt sind, dann leiden auch die Kinder. Oft können diese Eltern die Versorgung ihres Nachwuchses nicht mehr gewährleisten, oft sind sie nicht mehr in der Lage, am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen und reißen die Kinder aus ihrem sozialen Umfeld mit in die Isolation. Viele betroffene Kinder leiden zudem an Schuldgefühlen und Desorientierung, weil sie die Auffälligkeiten im Verhalten ihrer Eltern nicht verstehen.

Für diese Kinder hatte das Sozialpsychiatrische Zentrum Eitorf/Siebengebirge der Arbeiterwohlfahrt mit Unterstützung der Aktion Mensch das Projekt KiPES ins Leben gerufen. Drei Jahre lang, von November 2009 bis Oktober 2012, wurden Kinder und Jugendliche mit psychisch kranken Eltern im Sozialpsychiatrischen Zentrum in Eitorf betreut. Allein in dieser Gemeinde waren im Jahr 2011 288 Erwachsene mit einer psychischen Erkrankung diagnostiziert, 83 Kinder waren unmittelbar betroffen, weil sie mit einem oder gar zwei erkrankten Elternteilen zusammenlebten. In Troisdorf, wo seit April 2012 das Projekt „Hilfen für Kinder und Jugendliche psychisch kranker Eltern“ läuft, waren es im selben Zeitraum bei 500 erkrankten Erwachsenen 70 Kinder. Kreisweit wurden bei 1287 Erwachsenen 234 betroffene Kinder gezählt.

Vier Faktoren

Um diesen Kindern helfen zu können, hatte Angela Hollmann, die Leiterin des Eitorfer Projekts, auf die Verzahnung von vier Faktoren gesetzt: Arbeit mit den Eltern, Betreuung der Kinder, Aufbau eines Netzwerks im sozialen Umfeld und die Entsendung von ehrenamtlichen Paten in die Familien, um ihnen in Krisensituationen beistehen zu können. Das Projekt habe auch das Thema psychischer Erkrankungen aus der Tabuzone geholt, erklärt Yvonne Hebbecker-Lüneberg vom Leitungsteam des Sozialpsychiatrischen Zentrums Eitorf: „Vorurteile gegenüber psychisch kranken Eltern werden so abgebaut und eine Stigmatisierung verhindert.“

Anstieg in den letzten Jahren

Drei Millionen Kinder deutschlandweit haben im Jahr Kontakt mit einem psychisch erkrankten Elternteil, 250 000 Kinder in Deutschland leben bei einem erkrankten Elternteil. Die stationäre Aufnahme in eine psychiatrische Klinik müssen 175 000 Kinder im Jahr miterleben.

Die Gesundheitsreports großer Krankenkassen verzeichnen seit Jahren einen Anstieg psychischer Erkrankungen. Das trifft insbesondere auch auf den Kinder- und Jugendbereich zu.

Die Zahl der stationären Aufnahmen aus dem Rhein-Sieg-Kreis in der Kinder- und Jugendpsychiatrie der LVR-Klinik Bonn stieg in den Jahren 2000 bis 2011 von knapp unter 160 Fällen im Jahr auf fast 260. (seb)

Nach dem Auslaufen des Projekts in Eitorf sollte KiPES dieses Jahr in den vier Sozialpsychiatrischen Zentren im Kreis weitergeführt werden. Sozialdezernent Herrmann Allroggen hält es auch „aus fachlicher Sicht für sinnvoll, diese Arbeit fortzusetzen“, erklärte er dem „Rhein-Sieg-Anzeiger“ auf Anfrage. „Die Not von Kindern, die psychisch kranke Eltern haben, kann sehr dringend sein. Diese Not wird oft erst erkennbar, wenn schon negative Veränderungen bei den Kindern stattgefunden haben.“ Eine frühzeitige Hilfe, bestenfalls sogar eine Prävention, so Allroggen weiter, sei – auch aus der Sicht der Jugendhilfeträger – sinnvoll.

Schließlich laufen 60 Prozent der Kinder, deren Eltern an einer psychischen Krankheit leiden, Gefahr, selbst psychisch zu erkranken. Und ihre Behandlung wird teuer: Je Fall kommen auf die Jugendhilfe pro Jahr 21 000 Euro an Kosten zu. Die meist mehrjährigen Behandlungen beliefen sich leicht auf eine Summe von über 60 000 Euro pro Kind. Für den Rhein-Sieg-Kreis, so hat das Jugendamt auf der Basis von Fallzahlen für 2011 überschlagen, könnten sich diese Ausgaben auf 110 Millionen summieren. Präventionsarbeit könne die Ausgaben deutlich senken.

Mit den Städten und Gemeinden sei bereits gesprochen worden, um das Projekt KiPES mit einigen Änderungen weiterführen zu können. Die Ausgaben von 140 000 Euro für die präventive Arbeit sind allerdings bis jetzt nicht im Haushalt vorgesehen. Mitte Dezember hatten die Fraktionen im Sozialausschuss des Kreises erklärt, diese Vorlage mit in die Haushaltsberatung nehmen zu wollen. Eine Entscheidung steht noch aus.

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