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Schicksale: Neuer Anfang hat Leben geändert

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Stephan Hansen geht mit Hündin Kira am Concordiasee in Erftstadt-Kierdorf spazieren. Sie hilft ihm, die „Fatigue“ zu bekämpfen.  Foto: Beissel
Drei Menschen, drei Schicksale: Zum Start ins neue Jahr haben wir Personen aus dem Rhein-Erft-Kreis getroffen, die sich 2012 nicht haben unterkriegen lassen und ganz neu angefangen haben.  Von
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Rhein-Erft-Kreis

Der Geheilte

Nach Stephan Hansens Erkrankung kam Kira in die Familie.
Nach Stephan Hansens Erkrankung kam Kira in die Familie.
Foto: Beissel

Am 26. Januar 2013 feiert Stephan Hansen seinen ersten Geburtstag, sagt er. Eigentlich wird er 40 Jahre alt, aber nach seiner Krebserkrankung beginnt für ihn ein neues Leben. Am 23. Januar 2012 haben die Ärzte bei ihm einen Lymphknoten-Tumor in der Brust diagnostiziert. 20 Zentimeter lang, 12 breit, 7 tief. Zwei Jahre muss der Krebs gewachsen sein, gemerkt hat Hansen nichts. Erst als im Januar 2012 sein Arm aufgrund einer Thrombose stark anschwillt, geht er zum Arzt.

Dann geht es schnell. Biopsie am 26. Januar. 12 Wochen Chemotherapie, ein Monat Pause, 26 Tage lang Bestrahlung. Der Tumor ist zerfallen. Mitte September beginnt er wieder mit seiner Arbeit im Vertrieb einer Bio-Mühle. Hansens Chancen sind gut, er gilt als medizinisch geheilt, aber wirklich fest wird seine Heilung erst in fünf Jahren stehen. „Die Zukunft ist nebulös und könnte Gefahr bedeuten. Ob ich in Zukunft gesund bin, weiß ich ja nicht“, sagt er. „Deswegen lebe ich viel mehr im Hier und Jetzt.“ Früher konnte Hansen das nicht. War mit seinen Gedanken immer schon einen Schritt weiter, beim nächsten Termin. Hat sich oft über Kleinigkeiten aufgeregt, obwohl er das gar nicht wollte. Ändern konnte er sich erst durch seine Erkrankung, weil er gesehen hat, wie schnell seine Welt zusammenbrechen kann.

Im Oktober ist Hündin Kira in die vierköpfige Familie der Hansens gekommen. Sie zwingt ihn, sich zu bewegen. Und hilft ihm so gegen die „Fatigue“, eine Folgeerkrankung des Krebses mit großer Erschöpfung, zu kämpfen.

Neben seiner Krebserkrankung musste Hansen auch noch den Tod des Vaters verkraften. Im März, der Hochphase von Hansens Chemotherapie, wurde bei seinem 66-jährigen Vater Lungenkrebs festgestellt. Im Juli starb er. Aber Stephan Hansen hatte keine Zeit, zu trauern. „Ich dachte: Wenn ich jetzt emotionale Schwäche zeige, dann schlägt der Krebs direkt wieder zurück.“ Erst im Herbst konnte er sich richtig von ihm verabschieden. Eine schwerer Prozess. Für seinen Stiefvater, der ihn ohne die Mutter großgezogen hat, und vor dem Jugendamt immer wieder für ihn gekämpft hat, empfindet er sehr große Dankbarkeit, wollte ihm im Alter etwas zurückgeben. „Aber dann war ich selbst so geschwächt von der Chemo, dass ich ihm nicht beistehen konnte.“ In dieser Zeit waren Freunde und Familie für ihn da. Tränen stehen in Hansens Augen. „Ich hatte wirklich großes Glück.“ Über Weihnachten ist Hansen mit der Familie im Skiurlaub. Für 2013 ist ihm vor allem eines wichtig: „Dass die Kinder und die Ehefrau lachen.“

Der ewige Patient

Reinhold Gorges hatte starke Symptome durch seine Herz-Medikamente. Seit 2012 kann er wieder „mitmischen“.
Reinhold Gorges hatte starke Symptome durch seine Herz-Medikamente. Seit 2012 kann er wieder „mitmischen“.
Foto: Beissel

„Eigentlich“, sagt Reinhold Gorges, „sollten Medikamente einen gesund machen – und nicht krank.“ Im Jahr 2006 erleidet Gorges einen Herzinfarkt, in der Uniklinik Köln werden ihm zwei Stents gesetzt, nach einem Jahr ist eines der beiden Röhrchen wieder so zu, dass die Ärzte ein Implantat in das Implantat setzen. Dann verschreiben sie ihm Tabletten, täglich nimmt Gorges vier Stück. Zunächst bessert sich sein Zustand, doch ab 2009 fühlt er sich zunehmend schlechter. Er spürt Stiche in Schultern und Waden, später auch in den Knie- und Hüftgelenken. Irgendwann kann Reinhold Gorges, 65 Jahre alt, kaum noch gehen.

Die Ärzte sind ratlos. Weder Neurologen, noch Herz- oder Venenspezialisten finden eine Ursache. Sie schieben seine Schmerzen auf das Alter und einen Arbeitsunfall von vor zehn Jahren. Seine Diagnose stellt der Horremer schließlich selbst: „Eines Nachts, als ich mal wieder vor Schmerzen nicht schlafen konnte, fiel mir die Geschichte einer Dame aus der Reha ein, deren Mann die Herzmedikamente nicht vertragen hat.“

Gorges studiert die Beipackzettel, markiert alle Nebenwirkungen, die auf ihn zutreffen. Er hat eine Vergiftung durch die Medikamente, das bestätigt ihm auch sein Kardiologe. Nach und nach setzen sie drei von vier Mitteln ab. „Viele hatten mir sogar vorgeworfen, ich würde mir alles einbilden“, sagt er. Seit 15 Monaten versucht er mit Hilfe einer Homöopathin die Vergiftung aus seinem Körper zu vertreiben. Die Fortschritte sind sichtbar, aber sie benötigen viel Zeit. „Zwischendurch habe ich schon mal resigniert und mich gefragt, warum es mir nicht schneller besser geht.“ 2012 war sein Neuanfang, ein Jahr, in dem er wieder „mitmischen“, wieder seine Pflichten im Haus erledigen, Fahrrad fahren und mit ehemaligen Kollegen kegeln gehen konnte. 2013 aber soll sein Glücksjahr werden – „obwohl eine 13 ja eigentlich Pech bedeutet“.

Die Wunderheilerin

Margret Korecky arbeitet seit 2012 als geistige Heilerin. Jeden Morgen meditiert sie an ihrem Altar.
Margret Korecky arbeitet seit 2012 als geistige Heilerin. Jeden Morgen meditiert sie an ihrem Altar.
Foto: Beissel

Margret Korecky hat in diesem Jahr alle finanziellen Sicherheiten verloren. Freiwillig. Am 31. Dezember 2011 gab sie ihre Festanstellung im Hospiz auf, um als geistige Heilerin zu arbeiten. In dem Kellerraum ihres Hauses in Stommeln mit Altar und Massageliege behandelt sie körperlich und seelisch kranke Personen. Mit ganzheitlicher Rückenbehandlung, Edelsteintherapie oder Handauflegen. „Mein Ziel ist es, die Menschen heil zu machen, auch, wenn das bedeutet, dass sie noch eine Krankheit haben“, erklärt Korecky. „Sie sollen ihren inneren Frieden finden.“ Die 62-Jährige sieht sich als einen Kanal, durch den Christus-Energie in ihre Klienten fließt.

Skeptiker gibt es viele, sie selbst gehörte dazu. „In meiner Ausbildung zur Heilerin hat eine Kollegin einen skeptischen Mann behandelt“, erzählt sie. „Seit Jahren musste er am Stock gehen – aber am nächsten Tag brauchte er ihn nicht mehr.“ Auch sie selbst habe schon erlebt, wie verformte Rücken nach einer mehrstündigen Therapie wieder gerade würden. „Da werde ich dann ganz demütig – denn das war Gott.“ Vor vielen Jahren, als ihr Sohn an Leukämie erkrankte, hat die studierte Sozialpädagogin begonnen, sich mit Heilmethoden zu beschäftigen. „Ich wollte nie akzeptieren, dass es keine Hilfe für ihn gibt.“

Dass sie ihren Job gekündigt hat, sei eine Bauchentscheidung gewesen. „Mein Mann hat erst geschluckt, aber mich dann sehr unterstützt.“ Seit der Eröffnung ihrer Praxis arbeitet ihr Mann als Küchen- und Möbelmonteur härter als zuvor. In ihrem Jahr des Neuanfangs hat Margret Korecky die festen Strukturen verloren. „Aber ich habe mich noch nie so frei gefühlt.“

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