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Vermisste Kinder: Wie vom Erdboden verschluckt

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Das Kind kommt vom Spielen nicht nach Hause – das versetzt Eltern in Panik. Foto: dpa
Der 25. Mai ist der "Tag der vermissten Kinder": Allein am vergangenen Wochenende haben der Polizei zehn Vermisstmeldungen vorgelegen. Die Gründe für das Verschwinden von Minderjährigen können vielfältig sein.  Von
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Rhein-Sieg-Kreis

Gesucht wurde eine 17-Jährige aus Bonn: Am 7. März gab die Polizei in Siegburg einen Fahndungsaufruf heraus. Vermisst wurde das Mädchen seit Anfang Dezember, doch üblicherweise tauchte es bald wieder auf, wussten die Beamten. Erst Ende Mai war das Mädchen wieder da.

An diesem Samstag wird der Internationale Aktionstag „Tag der vermissten Kinder“ begangen. Die Gründe für das Verschwinden von Minderjährigen können vielfältig sein, weiß Kriminalhauptkommissar Jürgen Beer. Er ist Leiter des Kriminalkommissariats 1 und bearbeitet in Siegburg Vermisstenfälle. Ein Verbrechenshintergrund ist dabei die absolute Ausnahme, sagt der erfahrene Beamte. „In den meisten Fällen sind es Kinder und Jugendliche, die ausreißen, die Freiheit austesten wollen. Die finden sich dann auch recht schnell wieder ein.“ Allein am vergangenen Wochenende hätten der Polizei zehn Vermisstmeldungen zu Jugendlichen vorgelegen. Am Mittwoch: „Alle wieder da.“ Das Abhauen sei ein Pubertätsphänomen, sagt Beer.

Die Abwägung, ob zur großangelegten Suche geblasen wird, oder nicht, ist deshalb auch für erfahrene Beamte schwierig. „Das Problem: Je jünger die Jugendlichen sind, umso mehr Gedanken macht man sich.“ Immerhin könnten die Betroffenen nicht nur Verbrechen zum Opfer fallen, auch weniger lebensbedrohliche, aber gleichwohl gefährliche Szenarien lauern: Alkoholmissbrauch, Drogenkonsum, sexuelle Belästigung. Oft verschwinden Jugendliche wochen-, manche sogar monatelang, ehe sie wieder auftauchen. Die 17-jährige Medina ist seit einem halben Jahr wie vom Erdboden verschluckt.

„Nach dem derzeitigen Sachstand verließ das Mädchen aus freien Stücken die Jugendschutzstelle in Bonn mit unbekanntem Ziel. Als es am Abend nicht zurückkehrte, meldeten Betreuer es als vermisst“ heißt es im damaligen Polizeibericht. Trotzdem: „Auch wenn das Mädchen schon einmal abgängig war und es keine konkreten Hinweise gibt, kann eine Gefahr für Leben oder Gesundheit der Minderjährigen kann nicht ausgeschlossen werden.“

Die Bonner Polizei leitete sofort nach der Erstattung der Vermisstenanzeige eine umfangreiche Fahndung ein. Das bedeutet: Kontaktpersonen anrufen, Verwandte, Freunde, Schulkameraden. Alle möglichen Anlaufadressen werden abgeklappert. Auch bekannte Aufenthaltsorte, etwa Bahnhöfe, Einkaufszentren oder Spielplätze, werden systematisch abgesucht. Doch die Möglichkeit unterzutauchen, so Beer, ist im Bermuda-Dreieck zwischen Köln, Bonn und dem Rhein-Sieg-Kreis groß.

Anlaufstellen

Weitere Hilfe für Betroffene Kinder oder Eltern gibt es beispielsweise bei der Sozialberatung des SKF Rhein-Sieg jeden Dienstag zwischen 9 und 12 Uhr für Familien in Notlagen: Terminvereinbarungen unter ☎ 02241-95 80 46 (Siegburg) oder ☎ 02241-794 50 (Troisdorf).

Beratung bieten auch städtische Einrichtungen, etwa das Familienbüro in Lohmar – eine Anlaufstelle zur schnellen Unterstützung von Familien zur Verbesserung der Lebenssituation, ☎ 02246/925 60 94.

Die Opferhilfeorganisation Weißer Ring unterstützt den bundesweiten Aktionstag „Tag der vermissten Kinder“ am 25. Mai. Bei einem Kriminalitätshintergrund hilft die Außenstelle Rhein-Sieg, ☎ 02241/127 62 09.

Der Aktionstag wurde 1983 in den USA ins Leben gerufen, zur Erinnerung an einen kleinen Jungen, der spurlos verschwand. (jkh)

Im Falle von Medina ergaben sich Hinweise, dass sich die 17-Jährige in Sankt Augustin aufhält. Zuletzt wurde sie dort Anfang Februar gesehen. Danach verliert sich ihre Spur.

Als neuer Suchort hat sich für die Polizei das Internet herausgestellt. „Soziale Netzwerke sind für uns ein großer Vorteil. Oft kommen Meldungen, dass sie jemand gesehen hat oder sie dort aktiv sind.“ Kleiner Hinweis, große Erleichterung: Wer entspannt chattet und postet, dem ist zumindest nichts Lebensbedrohliches zugestoßen. Dennoch befinden sich die Eltern, oft auch Jugendhilfeeinrichtungen in Sorge. „Die letzten, die ich hier hatte, sagten, dass sie sich im Heim nicht wohlfühlen“, berichtet Jürgen Beer. Manche Sorgenkinder reißen aus Einrichtungen aus und suchen ihre Eltern auf. Sie zurückzubringen, tut auch dem 57-Jährigen leid, der selbst Vater ist.

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Weniger Mitgefühl haben die Beamten, wenn bekannte Ausreißer bei ihnen anrufen und wissen lassen, sie würden gerne im Streifenwagen heimgefahren werden. „Alles schon vorgekommen“, so Beer. Und sind Jugendliche zur Fahndung ausgeschrieben, darf die Polizei einen Anruf auch nicht ignorieren – der Chauffeurdienst muss geleistet werden. Doch auch bei so viel Dreistigkeit überwiegt die Erleichterung: Es geht ihnen gut! Eine Gardinenpredigt hält der Kriminalhauptkommissar seinen jungen Delinquenten trotzdem. Und zu seiner Überraschung scheint sie bei einigen sogar zu wirken: „Manchmal treffe ich heute Jugendliche, die früher schlimme Ausreißer waren, mit denen wir dauernd zu tun hatten. Die haben heute selbst Familie und haben sich super gefangen.“

Die 17-jährige Medina Wachenberg hingegen wird immer noch vermisst. Ihre Eltern und die Polizei bitten das Mädchen, sich zu Hause, bei einer Jugendschutzstelle oder der Polizei zu melden.

Hinweise nehmen die Beamten in Bonn unter ☎ 0228/150 sowie jede andere Dienststelle unter der 110 entgegen.

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