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Wandern, Staunen und Lernen: die besten Ausflugs-Ziele

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Natur erleben: Zurück zu den Wurzeln

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Eine Waldlichtung aus Jan Hafts Kinofilm "Das grüne Wunder - Unser Wald". Foto: Verleih
Der Drang nach Draußen ist eine alte Leidenschaften der Menschheit. Warum wir wieder eins werden wollen mit den Landschaften, die uns umgeben. Was simple Naturerfahrung uns mitgibt für ein besseres Leben.  Von
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Ein mächtiger Baumstamm thront auf bemoostem Grund, so gebieterisch und ehrwürdig wie aus dem Bilderbuch. Im Hintergrund ragt ein grauer Fels aus wabernden Nebelschwaden empor. Kaum erkennbar im gleißenden Strahl der ersten Morgensonne huscht die Silhouette einer Rotwildfamilie durch den dichten Urwald. Vom Ufer aus blicken die frühen Wanderer auf glänzende Kieselsteine in gluckerndem Gewässer.
Wie bitte, das soll mitten in Deutschland sein? Die Szene könnte auch in Nordamerika spielen. Tut sie aber nicht. Wir sind unterwegs in der Naturregion Sieg und streifen dort knorrige Eichen- und Hainbuchenwälder. Es geht steil bergan auf schmalen Pfaden, jeder Atemzug bringt eine Packung Sauerstoff extra. Zwischendurch innehalten für diesen besonderen Ausblick, für jene unvermutete Entdeckung im Unterholz. Wir horchen auf für das Rascheln im Laub, das Hämmern der Spechte, das Höhen-Spektakel der Singvögel.

Der nächste Braunbär eine Frage der Zeit

Im Rothaargebirge werden Wisente ausgewildert, aus Polen wandern Wölfe ein. Die Eifel ist wieder Heimat umherstreifender Wildkatzen und Brutstätte von Eisvögeln. Die Nachricht von Wildschweinrotten und Füchsen, deren Fährte irrtümlich auf urbanes Terrain führt, ist schon zur Gewohnheit geworden. Und erst neulich, da hat ein Lastwagen am brandenburgischen Havelufer, gleich hinter der Stadtgrenze nach Berlin, einen ausgewachsenen Elchbullen auf der Landstraße überfahren. Artenschützer warnen, es sei nur eine Frage der Zeit, wann der nächste Braunbär aus der Verwandtschaft von Problembär Bruno die Alpen überquert und den neuerlichen Versuch startet, in Bayern ansässig zu werden. Beim nächsten Mal müsse man für seine Ankunft besser gewappnet sein.

562 Ruhe-Oasen in Deutschland

Fast wie in der Karibik: Die unbewohnt Insel Bock in der Vorpommerschen Boddenlandschaft.
Fast wie in der Karibik: Die unbewohnt Insel Bock in der Vorpommerschen Boddenlandschaft.
Foto: National Geographic/Rosing

Scheinbar kehrt da ein Stück Wildnis zurück. Natürlich nur so viel wie es geht in einem so dicht besiedelten Ballungsraum mitten in Europa. Wiederum: Es muss gehen. Zwei Prozent unserer Landesfläche sollen einem nationalen Strategiepapier der Bundesregierung zur Artenvielfalt zufolge wieder wild und unberührt sein. Es gelte dabei auch, ein Stück Glaubwürdigkeit zurückzuerlangen, argumentieren Artenschützer vom Bundesamt für Naturschutz (BfN) in Bonn. „Wenn wir uns für den Erhalt der großen Wildnisgebiete in Afrika und Amazonien einsetzen, dann müssen wir uns auch fragen lassen, wie haltet Ihr es denn mit Eurer eigenen Wildnis?“

Schlusslicht Nordrhein-Westfalen

Noch rund ein Viertel der Gesamtfläche Deutschlands sind von „unzerschnittenen verkehrsarmen Räumen mit einer Mindestgröße von 100 Quadratkilometern bedeckt“, hat das BfN ermittelt. Von solchen Ruhe-Oasen, in denen weder Bahntrassen noch Bundesstraßen, Schifffahrtskanäle und erst recht kein Flughafen die Naturidylle stören, gibt es derzeit 562 in Deutschland. Ganz vorne liegen Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern. Schlusslicht ist das bevölkerungsreichste Bundesland Nordrhein-Westfalen mit gerade einmal vier Prozent ungeteilter Erholungsfläche.
Als absolute Wildnis kann aber nur ein Bruchteil der Republik bezeichnet werden – die Kernzonen der 14 Nationalparks von Husum bis Berchtesgaden. Nur wenige Jahre ist es her, da sollte auch das Siebengebirge nach Plänen der NRW-Landesregierung als Nationalpark ausgewiesen werden. Das Projekt scheiterte am Widerstand der Bevölkerung.

Eher Löwe als Luchs

Es gebe noch mehr Gegenden, die warten nur darauf, wieder wild zu werden, sagt Beate Jessel, Präsidentin des Bundesamtes für Naturschutz: Ehemalige Truppenübungsplätze, Bergbaufolgelandschaften, Flussauen und Moorgebiete. Solche Landstriche werden dringend gebraucht für die Rettung der Arten, für den Totholz bewohnenden Käfer, den umherstreifenden Wolf und den Fischotter, der gemeinhin als Indikator für ungetrübte Naturreinheit gilt. Die Chancen, auf eine Wildkatze wie den scheuen Luchs zu treffen, stehen im deutschen Wald deutlich schlechter, als im afrikanischen Busch einem Löwen zu begegnen.
Dabei ist Naturschutz den Deutschen eine Herzenssache – zumindest in Meinungsumfragen. „Die Liebe zur Natur ist unter den Deutschen stark ausgeprägt“, weiß Beate Jessel. 96 Prozent sehen es als eine Pflicht der Menschheit an, die Natur zu schützen, 62 Prozent fühlen sich sogar persönlich dafür verantwortlich, nur 43 Prozent sind der Ansicht, in Deutschland werde bereits genug für den Naturschutz getan. So das Ergebnis einer Befragung, die das Ecolog-Institut zuletzt im Auftrag von BfN und des Bundesumweltministeriums durchgeführt hat. Intakte Natur, so stellt sich heraus, ist uns nicht nur wichtig, weil sie einen wirtschaftlichen Wert besitzt, sondern weil sie einfach schön ist – und weil sie uns glücklich macht. Anders gesagt: Naturfreunde gehören schon lange nicht mehr zu einer Kaste verquaster Ökofreaks, sie kämpfen schlicht um ein Stück Lebensqualität. Mithin eine hoch emotionale Angelegenheit.

Abschalten von urbaner Reizüberflutung

Ihre Sehnsucht nach Naturerfahrung lockt die Menschen wieder dorthin, wo die Pfade noch nicht allerorten ausgetreten sind und der Natur seit Jahrhunderten nichts anderes beschieden ist, als ein Sinnbild ihrer selbst zu sein: Unversehrt, urtümlich, unberührt. Von 82 Millionen Menschen in Deutschland leben 60 Prozent in Groß- und Mittelstädten. In Scharen treibt es uns Städter daher hinaus in die grüne Wildnis, wo wir uns erden wollen und abschalten von der urbanen Reizüberflutung.
Dort draußen in der Natur macht die digitale Welt zum Glück mal eine Pause. Das gibt uns die nötige Luft zum Atmen zurück. Im Wurzelwerk der Natur, da sind sich Psychologen und Soziologen einig, findet der Mensch einen Augenblick lang zurück zu den eigenen Wurzeln. Das tut gut, das befreit. Trendforscher hatten für die Wiederentdeckung unserer selbst als Naturwesen auch sogleich den passenden Begriff zur Hand. Neo-Nature nennt das Hamburger Zukunftsinstitut die neue Lust auf Entschleunigung und Grenzerfahrung. Unsere Naturbegeisterung sei schon lange keine Metapher mehr für freudlose Katastrophenszenarien von Waldsterben bis Klimawandel. Mitnichten: Das Dasein im Draußen stehe für den Luxus kleiner Fluchten aus dem Alltag, für Selbsterfahrung, Genussabenteuer und aktives Leben, urteilen Anja Kirig und Ingrid Schick, die Verfasserinnen einer gleichnamigen Studie.

"Grün ist das neue Schwarz"

Mit dem ungebrochenen Aufschwung der Outdoor-Branche lasse sich das Phänomen vom Sehnsuchtsort Natur nicht erklären, winken die Experten ab. Deutschland ist mit Abstand der wichtigste Markt in Europa. Aber Naturverbundenheit ist jetzt mehr ein Lebensgefühl, weit über die Bio-Welle der letzten Jahre hinaus. Das Journal „Landlust“ hat als einziger Titel auf dem Zeitschriftenmarkt die Millionenauflage erreicht. Die Wildblumensaat von Guerilla-Gärtnern erobert die Brachflächen deutscher Großstädte. Ganze Firmenabteilungen werden zum Zwecke der Selbsterfahrung in den Hochseilgarten geschickt. „Grün ist das neue Schwarz“, verkündete die britische Modekritikerin Suzy Menkes und meint damit, dass Schwarz nicht mehr die einzige Farbe sei, die auf dem Kleidersektor für eine Haltung steht. „Auch Grün bezieht Stellung. Erobert alle Lebensbereiche. Verändert das Wertebewusstsein in der Gesellschaft“, notierte die Frauenzeitschrift „Elle“. „Passion for Nature“, Leidenschaft für die Natur, betitelt der italienische Männermodemacher Ermenegildo Zegna, bekannt für feien Zwirn im oberen Preissegment, seine aktuelle Herbstkollektion aus Leder zum passenden Tweed.

Exotische Heimat

Begegnung mit einem Eichelhäher im Film Das grüne Wunder - Unser Wald.
Begegnung mit einem Eichelhäher im Film "Das grüne Wunder - Unser Wald".
Foto: Verleih

Wir züchten Tomaten auf der Terrasse und machen Urlaub im eigenen Land. Viele haben mit Anfang 30 schon die halbe Welt bereist, es zieht sie kaum mehr in die Ferne. Was könnte auch exotischer sein als ein heimisches Biosphärenreservat? Das Land der Wanderer, das Deutschland einmal war, habe die Natur zu Hause wieder entdeckt, jubelt der Deutsche Wanderverband, Dachvereinigung von 58 Gebirgs- und Wanderclubs mit 600 000 Mitgliedern: „Wer sich wandernd auf die Natur einlässt, hat die Chance Körper und Geist ins Gleichgewicht zu bringen und auf elementarste Weise seine Sinne zu trainieren.“ Zweiflern halten Forscher die empirischen Beweise für den stressreduzierenden Charakter von Naturkontakten entgegen. Schon fünf Minuten körperliche Aktivität im Grünen heben die Stimmung und steigern das Selbstwertgefühl, wollen britische Wissenschaftler von der University of Essex herausgefunden haben.

Zurück zur Natur heißt zurück zu uns

Auch wenn die Bewegung keineswegs neu ist, so stimmt doch die Aussage mehr denn je: Zurück zur Natur heißt auch zurück zu uns selbst. Sanfte Landschaften wirken wie Antidepressiva, bauen Stresshormone ab und erzeugen positive Gefühle, meint der Natursoziologe Rainer Brämer aus Marburg: „Das Biotop Natur ist auch ein Psychotop.“

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Der Bonner Psychologe Michael Winterhoff rät alltagsgestressten Familien eine Auszeit im Freien zu nehmen: „Lassen Sie sich mal darauf ein, fünf Stunden durch einen Wald zu gehen“, sagt der Buchautor und Therapeut. „Wichtig wäre, dass Sie nicht wandern, sondern einfach gehen, ohne Ablenkung. Sie hören keine Musik, Sie haben weder ein Handy noch einen Hund dabei, und Sie joggen nicht.“ Aus diesem Selbstversuch kommt keiner zurück wie er war. Der Wohlfühl-Effekt ist spürbar, die Krise weit weg, das Rattern im Kopf wird weniger.

Von der Wurzel bis in die Wipfel

Der Trend geht in ebendiese Richtung. „Deutschland und seine Natur erleben gegenwärtig eine Renaissance wie lange nicht“, bestätigt Martin Bethke, Verlagsleiter bei National Geographic in Hamburg. „Wildes Deutschland“ überschrieb der deutsche Ableger der US-Wissenschaftsorganisation einen Fotobildband, der die ursprünglichsten Ecken der Republik beleuchtet – und nebenbei ein Bestseller wurde. Das ZDF legte nach und ließ den Abenteurer Andreas Kieling aus der Eifel für die Doku-Reihe „Terra X“ die heimische Wildnis durchkämmen. Dem Naturfilmer glückten Nahaufnahmen von so seltenen Exemplaren wie Seeadler und Haselhuhn – und Top-Einschaltquoten vom Fernseh-Publikum.
Den Wald in nie gesehenen Bildern zeigt auch ein Film, der gerade erst in die Kinos gekommen ist: „Das grüne Wunder – Unser Wald“, eine Dokumentation des Naturfilmers Jan Haft, der uns nach sechs Jahren Drehzeit mitnimmt in die Wälder. Wir sehen alles, von der Wurzel bis hinauf in die Wipfel – im Zeitraffer, in Zeitlupe – aus 230 Stunden Drehmaterial und hundert Nächten im Tarnzelt: Leuchtkäfer, Schleimpilz, Wildsau, Schwarzstorch.
Solche Filmaufnahmen im Gehölz einzufangen ist kein leichtes Unterfangen. Denn die heimische Natur ist eine Diva. Wer mit der Kamera in der Wüste oder in der Arktis unterwegs ist, sagt Filmregisseur Haft, der könne praktisch nichts falsch machen, um gute Bilder zu bekommen. Anders im deutschen Wald: Eine Lichtung, das Sonnenlicht blendet, im dunklen Dickicht steht das Rotwild. Kaum erkennbar ist unsere Wildnis da. Einen flüchtigen Augenblick lang, mitten in Deutschland.

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