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Holzhäuser-Interview: „Es gab einen seltsamen Moment“

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Der scheidende Geschäftsführer von Bayer Leverkusen: Wolfgang Holzhäuser Foto: dpa
Ende September wird Wolfgang Holzhäuser sein Amt als Geschäftsführer von Bayer Leverkusen niederlegen. Im Interview mit dem „Kölner Stadt-Anzeiger“ spricht der Bayer-Boss über die Tiefen und Höhen während seiner Amtszeit.  Von
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Kaprun

Herr Holzhäuser, Sie begleiten in diesen Tagen zum letzten Mal als Klubchef ein Trainingslager von Bayer 04 Leverkusen – kommt da Wehmut auf?

WOLFGANG HOLZHÄUSER: Das kann ich nicht leugnen. Dieser enge Kontakt zur Mannschaft, zu den Sporttreibenden, das hat immer den besonderen Reiz in meinem Beruf ausgemacht, und das wird mir fehlen.

Durch die Festlegung des Zeitpunkts Ihres Ausscheidens auf den 30. September dieses Jahres steht zumindest eines fest: Sie werden sich Ihren beruflichen Lebenstraum nicht erfüllen können – Sie werden nie als Bayer-Klubchef die Meisterschale in den Händen halten.

HOLZHÄUSER: Träume müssen ja nicht unbedingt in Erfüllung gehen. Ich glaube aber, dass wir einige sehr gute Spielzeiten hinbekommen und mit relativ begrenzten Mitteln ordentliche sportliche Ergebnisse abgeliefert haben. Wir haben während meiner Tätigkeit in Leverkusen höchstens zwei- oder dreimal nicht international gespielt, waren mehrmals Vizemeister. Seit der Spielzeit 2001/2002, als wir in der Bundesliga Zweiter wurden, im DFB-Pokal- und Champions-League-Finale standen, war die vergangene Saison gefühlt die beste. Deshalb ist der Zeitpunkt zum Aufhören auch der richtige.

Und Sie haben ihn selbst gewählt und sind nicht von irgendwem gedrängt worden?

HOLZHÄUSER: Es war ganz allein meine Entscheidung. Weil es mir in den vergangenen zwei, drei Jahren immer schwerer gefallen ist, mit dem Druck umzugehen, den dieser Beruf mit sich bringt. 

Was werden Sie am meisten vermissen?

HOLZHÄUSER: Das ist schwer zu beschreiben. Nach unserem letzten Spiel der vergangenen Saison in Hamburg gab’s so einen seltsamen Moment: Die Mannschaft war gerade vom Stadion abgefahren, und ich bin unter einem Vorwand nochmal zurück in die Kabine, habe gesagt, ich hätte was vergessen. Und dort habe ich mich dann hingesetzt, umgeguckt und mir gedacht: Das siehst Du jetzt zum letzten Mal. Diese Nähe zur Mannschaft, sich am Spieltag in den Katakomben zu bewegen, den Spielern von der Ersatzbank aus beim Warmmachen zuzusehen – all diese Dinge werde ich vermissen.

Sie, den viele für einen eiskalten Technokraten halten, haben also doch Emotionen?

HOLZHÄUSER: Da kann man mal sehen, wie man sich in einem Menschen täuschen kann. Okay, ich kann in beruflichen Dingen auch schon mal technokratisch sein, das gebe ich zu. Man muss in diesem Job den Mittelweg finden zwischen der hingebungsvollen Liebe zum Sport und dem nötigen Abstand dazu. Das ist tatsächlich nicht immer einfach. Ich bin grundsätzlich ein emotionaler Mensch, aber wenn’s sein muss, kann ich das ganz gut kaschieren.

Was waren in der Rückschau die Highlights Ihres Funktionärslebens?

HOLZHÄUSER: In meiner Zeit beim DFB die Gründung des Ligaverbandes, eine epochale Geschichte, aber auch die Einführung des Lizenzierungsverfahrens, über das sich fast ganz Europa noch heute wundert. Das war mein Kind, auf das ich immer noch stolz bin.  Danach habe ich die Seiten gewechselt, habe an verantwortlicher Stelle für Bayer 04 gearbeitet, zuerst an der Seite von Reiner Calmund,  und seit neun Jahren als alleiniger Geschäftsführer. In dieser Zeit gehörte natürlich der Ausbau der BayArena zu den Höhepunkten.

Dabei wären Sie 2004 um ein Haar als Vorstandsvorsitzender zur DFL gewechselt, wenn nicht Reiner Calmund plötzlich bei Bayer zurückgetreten wäre

HOLZHÄUSER: An den Tag erinnere mich genau, als wenn es gestern gewesen wäre. Der Vertrag war längst unterschrieben, meine Frau war bereits auf Wohnungssuche in der Nähe von Frankfurt, als mich Werner Wenning (damals Vorstandsvorsitzender der Bayer AG, mittlerweile Vorsitzender des Gesellschafterausschusses der Bayer 04 Fußball GmbH, Anm. d. Red.) anrief und sagte: Wir haben ein Problem. Tut mir leid, ich kann mich nicht an mein Versprechen halten, ich kann Sie nicht gehen lassen. Aber ich habe nie bereut, dass es so gekommen ist.

Braucht Bayer noch Verstärkung?

Was bewerten Sie als größten Erfolg während Ihrer Zeit bei Bayer?

HOLZHÄUSER: Das war – ungeachtet aller anderen guten Platzierungen vorher und dreier Vizemeisterschaften – der dritte Platz in der vergangenen Saison. Einen Punkt hinter der zweitbesten Mannschaft Europas zu landen und die beste als einziges Bundesligateam besiegt zu haben – das ist schon was. Wir mit unseren begrenzten Möglichkeiten, mit unserem kleinen Dorf von 160000 Einwohnern, haben  uns klar durchgesetzt gegen Konkurrenten wie Schalke 04, die deutlich bessere Bedingungen haben.

Was war der Tiefpunkt?

HOLZHÄUSER: Ganz klar: Unterhaching! (dort verspielte Bayer im Jahr 2000 die sicher geglaubte Meisterschaft/Anm. d.Red.). Neulich bin ich mit meiner Frau auf der Autobahn Richtung Salzburg unterwegs gewesen und an München vorbeigekommen, als sie sagte: Warum fährst Du eigentlich so schnell? Da hab ich nur geantwortet: Weil ich Unterhaching nicht ertragen kann.

Erinnern Sie sich noch an jenes Heimspiel in der Saison 2004/2005, als Bayer souverän mit 6:1 gegen Kaiserslautern gewann und es dessen ungeachtet 90 Minuten lang aus dem Fanblock tönte: „Holzhäuser raus!“

HOLZHÄUSER: Ich erinnere mich, obwohl ich es eigentlich verdrängt hatte. Es war die Zeit in der Nach-Calmund-Ära, als  gewisse Medien ein falsches Bild von mir gezeichnet haben, das des Buchhalters, der jetzt alles kaputtmacht, was der Calli aufgebaut hat. Das tat schon weh, aber mit so etwas muss man auch leben können. Das ist auch schon anderen Leuten – zum Beispiel Martin Kind in Hannover – ähnlich ergangen.

Sie hätten ja auch hinschmeißen können.

HOLZHÄUSER: Auf keinen Fall. Man darf nicht kneifen, wenn’s mal problematisch wird.

Wird Ihnen vom 1. Oktober an das sich Einmischen nicht fehlen? Immerhin gefallen Sie sich in der Rolle des Querdenkers, der gerne mit gelegentlich provokanten Äußerungen für Aufsehen sorgt.

HOLZHÄUSER: Warten wir’s ab! Aber ich bin gerne ein Querdenker,  da haben Sie schon Recht. Man muss auch mal ein Thema von einer ganz anderen Seite anpacken wollen. Nicht alles, was man für normal hält, muss auch richtig sein. Nehmen Sie den Fußball: Alle wollen dort noch mehr Geld verdienen. Aber es ist die einzige Sportart, die sich nicht bewegt, um auf die Menschen, auf die Zuschauer, auf die Medien, auf die Vermarktung zuzugehen. Jetzt gerade jammern alle, dass Bayern und Dortmund vorneweg marschieren und der Rest kaum noch was zu sagen hat. Okay, dann lasst uns doch die deutsche Meisterschaft nicht nach 34 Spieltagen per Tabellenstand, sondern am Ende mit Halbfinale und Finale entscheiden. Stellen Sie sich doch mal vor, was da los wäre. Ich meine: Wer was bewegen will, muss schon mal querdenken.

Das Gespräch führte Christoph Pluschke

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