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Nils: Ein Hirsch, der mit Pferden flirtet

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Spielt Nils etwa auch Fußball? Foto: Jens Höhner
Mitten im vergangenen Winter ist der kleine Hirsch Nils in Neunkirchen-Seelscheid aufgetaucht und wurde dort von der Stute Aviva adoptiert. Mittlerweile wird der Bock immer größer – auch ein Geweih deutet sich an.  Von
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Neunkirchen-Seelscheid

Frost schimmert auf den üppigen Weiden rund um Heister, die Dezembersonne ist noch jung. Verschlafen blinzelt Nils ins helle Licht, eine grüne Stelle im Weiß verrät, wo der Damhirsch die Nacht verbracht hat – im Garten von Inge und Clemens Huber.

Und das Ehepaar ist gleich zur Stelle: Frühstück! „Nils frisst alles aus der Hand“, sagt Huber und schneidet dicke Möhren in Stücke. „Nach Mandeln und Rosinen ist er geradezu verrückt.“ Doch auch Gemüse und eine große Portion Haferflocken schmecken dem Wildtier an diesem Morgen vorzüglich. Der junge Bock ist bald ein echter Hirsch – auf dem Kopf deutet sich ein Geweih an.

Mitten im vergangenen Winter, am 28. Januar – der 77 Jahre alte Huber weiß es genau – ist der Hirsch zum ersten Mal in dem kleinen Ort der Gemeinde Neunkirchen-Seelscheid aufgetaucht. Und seitdem ist er der Liebling fast aller Anwohner und ständiger Gast. Ein paar Häuser stehen dort mitten ins Grün gewürfelt, ringsherum viele Pferdeställe. Mehr gibt es nicht in Heister – Damwild erst recht nicht. „Ich dachte jedenfalls, ich sehe nicht richtig“, schildert Christine Scholle (45). Die Wachleiterin bei der Bonner Polizei hat den Hirsch seinerzeit entdeckt – unter ihren Pflegepferden. „Er stand mitten drin und fühlte sich pudelwohl“, erinnert sich Scholle. Die 31 Jahre alte Stute Aviva hat das Jungtier prompt adoptiert – und Nils ist ebenso gern bei ihr im Stall. „Aviva frisst nur noch, wenn er neben ihr steht.“ Die Suche nach dem rechtmäßigen Besitzer des Findel-Hirschs sei bis heute erfolglos, versichert die Beamtin. „Seine Herkunft ist ein Rätsel.“ Nils muss etliche Kilometer gelaufen sein, bevor er den Garten des Ehepaars Huber, die Ställe und den kleinen Ort zu seiner neuen Heimat erklärte.

Anderthalb Jahre, so schätzt man in Heister, ist der schlanke Hirsch jetzt alt. Damit steckt er in den Flegeljahren, sein ungestümes Wesen vergrätzt so manches Pferd: „Er schubst und pikst gern mit dem kleinen Geweih“, schildert Hüterin Christine Scholle. „Angst vor einem Pferd kennt er nicht. Wahrscheinlich glaubt er längst, er sei selber eins.“ Aber nicht nur deswegen hat der zahme Nils, dem ein 13 Jahre alter Nachbarsjunge den Namen gegeben hat, inzwischen auch Feinde.

Die Gärten sind für ihn ein Schlaraffenland, die Vorgärten eine Imbissstube und Jägerzäune nicht mal eine sportliche Herausforderung. Nils der Problemhirsch? Die Beschwerden mehren sich: Nils soll weg. Tatsächlich kümmert sich Christine Scholle bereits um einen neuen Platz für das Tier: Im Frühjahr, wenn Hirsche das Geweih abwerfen, soll es umziehen. Das städtische Wildgehege in der Bonner Waldau ist als neues Zuhause auserkoren.

Dass sich der zutrauliche Hirsch unter seinesgleichen wohlfühlen wird, steht für Albert Stobbe außer Frage: „Da wird es keine Probleme geben, auch wenn er an Handfütterungen gewöhnt ist“, urteilt der Damwild-Fachmann des Hochwildparks Rheinland in der Eifel-Stadt Mechernich. „Ihn aber in der freien Natur auszuwildern, das ginge nicht mehr.“
Bis zum Umzug seien noch viele Fragen zu klären und Gefahren zu vermeiden, betont der Bonner Stadtförster Sebastian Korintenberg und denkt dabei nicht nur an ein Gesundheitszeugnis für den Vierbeiner. Jener Umzug kostet Geld. Und darauf angesprochen, gibt sich die Stadtsprecherin Isabel Klotz sehr zögerlich. „Sicherlich ist Nils bei uns in Bonn willkommen, aber bestellt haben wir ihn nicht. Wer bezahlt?“

So hat die Stadt Bonn wiederum die Verwaltung des Rhein-Sieg-Kreises mit ihren Ämtern eingeschaltet. Die aber verweist darauf, dass Nils ein Wildtier ist und damit allein der Pächter des Jagdreviers Heister für ihn verantwortlich sei: „Den Hirsch ohne seine Zustimmung zu entfernen oder gar zu jagen, wäre eine Straftat“, erklärt Sprecherin Rita Lorenz. Obwohl das Frühjahr noch weit entfernt und mancher Anwohner Nils nicht wohlgesinnt ist, verspricht Jagdpächter Fritz Hackmann (77), dass er das Schicksal des Jungtiers nicht mit der Flinte entscheiden werde – obwohl er durchaus das Recht auf seiner Seite hätte: „Ich bin für Ruhe im Revier und danke Gott für jedes lebende Stück Wild.“ Und wenn es helfen würde, den Flegelhirsch zu bändigen, so würde er Nils sogar eine Hirschdame an die Seite stellen.

Auch Christine Scholle bereiten die Kosten für den Umzug ins nahe Bonn Kopfzerbrechen: „Als ich neulich eine Tierarztrechnung über 700 Euro für Nils bezahlen musste, haben alle Nachbarn zusammengelegt. Vielleicht klappt es ja dann noch einmal.“ Clemens Huber mag an den Tag des Abschieds gar nicht denken, unzählige Fotos hat er gemacht, viele Filme aufgenommen. „Ich kann mir gar nicht vorstellen, dass Nils einmal nicht mehr da ist, wenn wir morgens in den Garten gehen.“

Gegen Schaulustige haben die Menschen in Heister nichts einzuwenden. Ihre einzige Bitte: Weder der kleine Hirsch noch die Pferde sollten gefüttert werden.

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