Bergisch Gladbach
Nachrichten, Bilder aus Bergisch Gladbach

Vorlesen
0 Kommentare

Pfingstkirmes: Der Rummel als Normalzustand

Erstellt
Foto: Christopher Arlinghaus
Bereits am Mittwoch begannen die Aufbauarbeiten für die Pfingstkirmes in Bergisch Gladbach. Seit 30 Jahren ist Burkhardt Unrau ehrenamtlich Kirmesorganisator. Für ihn gibt es in diesen Tagen jede Menge zu tun.  Von
Drucken per Mail
Bergisch Gladbach

Es ist Mittwoch, 14.30 Uhr. Kaum ist der letzte Obstwagen des Wochenmarktes verschwunden, rollt die Karawane der Mega-Trucks an. Der Aufbau der Pfingstkirmes beginnt. Als Otto Breuer mit seinem Kinderkarussell auf den Platz fährt, lässt er die Seitenscheibe herunter und beginnt dröhnend zu singen: „Wenn der Burkhardt nit wör, dann wör he alles anders...“. Burkhardt heißt mit Nachnamen Unrau und ist seit mehr als 30 Jahren ehrenamtlicher Kirmesorganisator. Er ergänzt sich perfekt mit Ehefrau Ute Unrau, die als Leiterin der Allgemeinen Ordnungsbehörde die Organisation seitens der Stadt innehat.

Die Planung ist gelaufen, heute laufen die beiden Kilometer um Kilometer auf dem Konrad-Adenauer-Platz ab, weisen ein, besorgen Elektriker, Schlüssel für Wasserkästen und klären, warum ausgerechnet jetzt um die Treppe hinter dem Löwen ein Bauzaun gezogen ist. Die Schausteller begrüßen die Organisatoren wie Familienmitglieder: rau, aber herzlich. Einer von ihnen ist Günter Barth, 72 Jahre alt und seit 1978 mit seinem Auto-Scooter dabei. Schon vor Jahren haben er und Unrau eine dicke Schraube zwischen die Pflastersteine gerammt. Barth klettert behände in das Führerhaus seines Zugwagens und schiebt den gigantischen Anhänger vor sich her, bis der rechte Blinker exakt über der Schraube steht – so soll es sein. Ein Versuch – Treffer. Einparken in höchster Perfektion.

Überall auf dem Platz wird nun geschraubt, gehämmert und geputzt, Kabel werden ausgerollt, Glühbirnen gewechselt, Trostpreise sortiert. Mit Maßbändern und Sprühdosen vermessen die Schausteller ihre Stellplätze. Sicher ist sicher. Im hinteren Teil baut Heinrich Timm aus Herkenrath sein Kettenkarussell von 1942 auf. Während er und zwei Mitarbeiter rund 2000 Einzelteile in Handarbeit zusammensetzen, bemüht Dennis Ruppert (31) für sein 65 Tonnen schweres „Frisbee“ den Kran. Sein Vater war Schausteller und auch die fünf Generationen vor ihm.

„Mütterlicherseits sind es sogar acht oder neun“, sagt er. Damit ist Ruppert keine Ausnahme, sondern die Regel. Schausteller wird man nicht, als Schausteller wird man geboren. Neben dem Frisbee steht René Liebe, der „Mandelkönig“. Mandeln in der vierten Generation. Liebe erzählt von seiner Großmutter, die zwölf Kinder hatte und noch fünf zur Pflege. Und von Verwandten mit vielen „Ur“ davor, die vor Urzeiten Puppenspieler und Bänkelsänger waren.

Heiraten würden Schausteller „zu 70 Prozent“ andere Schausteller. „Außer uns macht das doch keiner“, sagt Liebe. „Welche Frau will schon 60 oder 70 Stunden in der Woche arbeiten?“ Geld lockt die Schausteller so wenig wie ein ruhiges Leben. Das Geschäft ist schlechter geworden, die Kosten höher. Es muss etwas anderes sein, das Männer wie Dennis Ruppert, der als Kind bei Pflegeeltern lebte, wenn seine Eltern von Ort zu Ort zogen, schon mit 14 Jahren sicher sein ließ: „Ich lerne keinen Beruf. Ich werde Schausteller.“

Infos

Die Pfingstkirmes findet vom 18. bis 21. Mai auf dem Konrad-Adenauer-Platz statt. Am Samstag um 12 Uhr eröffnen Wolfgang Bosbach, Lutz Urbach, Kreisdechant Norbert Hörter und Burkhardt Unrau das Fest. Nach der Eröffnung verteilen die rund 60 Schausteller kostenlos Fahrchips an Kinder.

Große Fahrgeschäfte sind das „Frisbee“, das seine Fluggäste 19 Meter in die Höhe mitnimmt, der „Musik-Express“, der Auto-Scooter „Route 66“ und der sich um die eigene Achse drehende „Break Dance“. Das „Verrückte Hotel“ sorgt auf zwei Etagen für Frohsinn, für Kinder fahren Kettenkarussell, Kinderkarussell und Schweinchenbahn. Drumherum gibt es Stände mit Essen und Getränken und natürlich Losen, den letzten Losen. Seit 170 Jahren halten bereits Schausteller Einzug in Bergisch Gladbach – für Freizeitvergnügen, menschliche Begegnungen und Brauchtumspflege. Am Dienstagabend wird die Kirmes traditionell mit einem Feuerwerk beendet. (kgr)

Wie der Anfang, so das Ende. „Nein“, sagt Günter Barth auf die Frage, ob er mit 72 Jahren langsam ans Aufhören denke. Das erwartungsvolle Schweigen bricht er schließlich mit: „Ich habe doch nein gesagt.“

Die Kirmes ist ihr Leben, der Wohnwagen ihre Heimat und die Tradition eine, der die Schausteller sich so verbunden wie verpflichtet fühlen. In Worte fassen können sie das alles nur schwer. „Kultur ist mehr als Theater“, versucht sich Burkhard Unrau an einer Einordnung. Das heißt: Kirmes ist Kultur – wegen der Tradition, wegen des Brauchtums. Und wo sonst gibt es das, dieses süße Gefühl von Zuckerwatte auf dem Kinn, das Flaue im Magen nach dem Fahrgeschäft? Und auch die Erkenntnis, es locker überleben zu können, wenn das Handy für zwei Stunden ungehört bleibt.

Auch interessant
Anzeige
Umfrage - Kunstorte

Mehrere Initiatoren wollen in Bergisch Gladbach ein Kultur-Netzwerk gründen und rufen alle Interessierten auf, mitzumachen. Eine ihrer Thesen: Die Kunstorte in Bergisch Gladbach seien zu wenig vernetzt, wer gemeinsam plane und auf sich aufmerksam mache, sei stärker. Stimmen Sie der Einschätzung zu?

FACEBOOK
Nachwuchs-Autoren

Szene, Lifestyle, Trends, coole Events: Schüler, Studenten und Auszubildende schreiben für junge Leute.

Kleinanzeigen