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Stadtführung: Entdeckung der starken Frauen

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Stadtführerin Roswitha Wirtz (2.v.l.) hat in der Stadtgeschichte viele interessante Frauen entdeckt, die kaum bekannt sind. Foto: Roland U. Neumann
In der neu konzipierten Stadtführung des Frauenbüros geht es um besondere Frauen in Bergisch Gladbach – engagiert, mutig und zu wenig bekannt. Die interessanten Bürgerinnen sollen historisch stärker beachtet werden.  Von
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„Sehen Sie da das potthässliche Haus? Dort hat sie gewohnt“, sagt Stadtführerin Roswitha Wirtz zu ihrer 22 Frau starken Gruppe, die sich in der Paffrather Straße um sie schart. Dann erzählt sie von Ilse Edelmann, jener Frau, die 104 Jahre alt wurde, Gründungsmitglied der Gladbacher SPD war und mit ihrer jüdischen Abstammung den Nationalsozialisten trotzte. Michaela Fahner vom Frauenbüro der Stadt steuert noch ein Anekdötchen dazu: „Als die Nazis das Auto ihres Vaters abholen wollten, hat sie kurzerhand den Zündverteiler ausgebaut.“

In der neu konzipierten Stadtführung geht es um besondere Frauen in Bergisch Gladbach – engagiert, mutig und zu wenig bekannt. Der Weltfrauentag hatte Michaela Fahner auf die Idee gebracht, und Roswitha Wirtz setzte sie um. „Ich musste aber auch erst mal recherchieren“, sagt sie. Sie fragte im Stadtarchiv nach. Den männlichen Mitarbeitern dort fielen jedoch spontan nur die Fußballerinnen von Bergisch Gladbach 09 ein und Katharina Güschen aus Odenthal, die vor 400 Jahren als vermeintliche Hexe verbrannt wurde. Wirtz fand viel mehr. Die Nonnen vom Maria-Hilf-Krankenhaus zum Beispiel, oder die Ärztin Barbara Fleischhauer, die auch an der Entwicklung des ersten Syphilis-Gegenmittels beteiligt gewesen sein soll.

Keine Ehrenbürgerin

Oder das Ehepaar Lübbe, das jahrzehntelang seinen Verlag in der Stadt gemeinsam leitete. 1993 gab es dafür die Ehrenbürgerschaft – für Gustav Lübbe, nicht für Ursula. „Überhaupt ist unter den 17 Ehrenbürgern der Stadt keine einzige Frau“, sagt Roswitha Wirtz.

Frauen ist es zu verdanken, dass die Endstation der Linie 1 heute offen, ohne Säulen und dunkle Ecken gestaltet ist. Bürgermeisterin Maria Theresia Opladen setzte sich trotz höherer Kosten dafür ein, dass die von Frauen eingebrachten Verbesserungsvorschläge zur ursprünglichen Planung umgesetzt wurden.

Es ist kalt, und die Teilnehmerinnen sind froh, sich in einem der ältesten Gebäude der Stadt etwas erwärmen zu können. Schnell sind Kälte oder Wärme aber egal, denn wie der Teil des alten Fronhofs, der noch erhalten ist, von innen aussieht, hatte bislang niemand gesehen. Staunend lassen sich die Frauen durch das Haus von 1522 führen, das großartig restauriert ist _ von einer Frau.

Architektin Lisa Wendling hat hier auch das „Bauoffice“ gegründet, ein Zusammenschluss von Handwerkern verschiedener Gewerke. Es geht um Netzwerke, Kommunikation, Zusammenarbeit. „Typisch weiblich“, sagt eine Teilnehmerin. Eine andere übt Kritik an den Skulpturen der entblößten Frauen, die sich zwischen den Fachwerkbalken präsentieren. „Nur ein einziger Mann“, empört sie sich scherzhaft, „und ohne Brille sieht man nix.“

Zwischen den Frauengeschichten lässt Roswitha Wirtz immer auch Gladbacher Geschichte und Geschichten einfließen.

Vor dem Gasthaus „Paas“, in dem sich früher die Poststation der Stadt befand, erklärt sie zur großen Erheiterung ihrer Zuhörerinnen, wie Gladbach zu dem Vorsatz Bergisch kam. Es lag schlicht an einer Überforderung der Post. Die offizielle Bezeichnung „Gladbach im ehemaligen Herzogtum Berg“ war im wahrsten Sinne des Wortes unpassend für jeden Stempel. Per Dekret bekam die Stadt 1863 ihren bürokratisch handhabbaren Namen, der auch auf Poststempel passte.

Als die Führung zu den besonderen Frauen in der Villa Zanders endet, gibt es viel Applaus für Idee, Konzept und Umsetzung. Offen bleibt nur eine einzige Frage: Warum war eigentlich kein Mann unter den Teilnehmern?

Für die Führungen am 20. April und am 8.Juni, jeweils von 14.30 bis 16 Uhr, sind noch Plätze frei. Treffpunkt ist jeweils am Rathaus, Konrad-Adenauer-Platz, die Führung kostet sechs Euro pro Person. Eine Anmeldung ist möglich im Frauenbüro der Stadt Bergisch Gladbach unter ☎ 02202/14 26 47, auch per E-Mail.

frauenbuero@stadt-gl.de

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