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Wissenschaft: Keine Angst vor Menschenfressern

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1933 erkundete Emil-Heinrich Snethlage Südamerika. Foto: Privat
Alhard-Mauritz Snethlage editiert das Reisetagebuch seines Großvaters, der als Ethnologe die Indios im Regenwald erforschte. Einige seiner Mitbringsel sind noch heute im Völkerkundemuseum zu sehen.  Von 
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Der Empfang war nicht gerade vielversprechend: Als Emil-Heinrich Snethlage nach beschwerlicher Reise Anfang September 1933 am Ausgangspunkt seiner Amazonas-Expedition im Campamento Komarek eintraf, brannten die dort lebenden Moré-Indianer aus Wut über die Ankunft eines weiteren weißen Mannes noch in der Nacht seiner Ankunft das Werkstattgebäude der Farm nieder. Entmutigen ließ sich der junge Wissenschaftler dadurch nicht. Der brannte nämlich schon seit frühester Jugend darauf, als Wissenschaftler in Südamerika das Leben bisher unbekannter Indianerstämme zu erforschen. Die Leidenschaft kam nicht von ungefähr. „Sein großes Vorbild war seine Tante Emilie“, erzählt Alhard-Mauritz Snethlage, der gemeinsam mit seinem Vater Rotger das Leben seines Großvaters anhand von dessen umfangreichen Tagebucheintragungen nachzeichnet (siehe „Das Reisetagebuch“) und die Forschungsergebnisse der Nachwelt erhalten will.

Alhard-Mauritz Snethlage bearbeitet  mit seinem Vater das mehr als 1000 Seiten starke Reisetagebuch seines Großvaters.
Alhard-Mauritz Snethlage bearbeitet mit seinem Vater das mehr als 1000 Seiten starke Reisetagebuch seines Großvaters.
Foto: Christopher Arlinghaus

Emilie Snethlage hatte, ungewöhnlich für eine Frau ihrer Zeit, seit 1906 als Ornithologin in Brasilien gearbeitet. „Es war der Jugendtraum meines Großvaters, ebenfalls als Wissenschaftler nach Brasilien zu reisen“, so Snethlage, der seit einigen Monaten als Kaplan in der Pfarrgemeinde St. Nikolaus Bensberg tätig ist. Zielstrebig setzte Emil-Heinrich Snethlage sein Ziel in die Tat um, studierte, promovierte im Fach Botanik und trat 1923 seine erste dreijährige Forschungsreise nach Nordostbrasilien an. Mit seiner Tante untersuchte er die Vogelwelt des Regenwaldes. Dabei kamen die beiden auch in Kontakt mit den dort lebenden Indianerstämmen, was das wissenschaftliche Interesse des jungen Forschers aus Deutschland bald in eine ganz neue Richtung lenken sollte. „Er hatte die Ethnologie für sich entdeckt, eine Wissenschaft, die er nie studiert hatte, sondern in der er reiner Autodidakt war“, so sein Enkel.

Biografie
Emil-Heinrich Snethlage sammelte auf seinen Expeditionen Gebrauchs- und Kultgegenstände der Indianer.
Foto: Privat

Emil-Heinrich Snethlage wurde 1897 in Bremerhaven geboren, verlebte seine Jugend unter anderem in Pommern, in Schleswig-Holstein und Westfalen. Im Ersten Weltkrieg wurde er zur Kriegsmarine in Wilhelmshaven eingezogen. Nach Kriegsende studierte er Ornithologie, Zoologie sowie als Hauptfach Botanik und promovierte 1923 über ein botanisch-zoologischen Thema, das sich mit Südamerika befasste.

1923 bis 1926 unternahm er, zunächst gemeinsam mit seiner Tante Emilie, einer promovierten Zoologin, seine erste Forschungsreise nach Nordostbrasilien. Nach seiner Rückkehr legte er seinen Arbeitsschwerpunkt auf das noch junge wissenschaftliche Feld der Ethnologie und arbeitete für das Völkerkundemuseum in Berlin, dessen stellvertretender Leiter der Südamerika-Abteilung er wurde.

1931 heiratete er Anneliese Streichhan. Aus der Ehe gingen ein Sohn und eine Tochter hervor. 1933 brach Snethlage zu seiner zweiten Expedition auf, die ihn ins brasilianisch-bolivianische Grenzgebiet führte. Seine Erkenntnisse über die dort von ihm besuchten 13 Indianerstämme hielt er in einem umfangreichen wissenschaftlichen Tagebuch fest; die zahlreichen völkerkundlichen Objekte, die er mit nach Deutschland zurück brachte, befinden sich noch heute größtenteils im Besitz des Ethnologischen Museums (damals: Museum für Völkerkunde) Berlin. Snethlage starb 1939 mit nur 42 Jahren an den Spätfolgen einer Malariaerkrankung, die er sich in den Tropen zugezogen hatte. (spe)

Mit Maultieren und Booten drang Snethlage in den Urwald vor und stieß auf die ersten bei den Zeitgenossen als „zahm“ geltenden Indianerstämme, die allerdings noch wenig erforscht waren. Für einige Zeit ließ er sich bei einem Stamm im Quellgebiet des Rio Corda nieder und gewann das Vertrauen der Indianer.

Das war schließlich so groß, dass seine Abreise gefährdet war. „Ich sollte bei ihnen bleiben und ihr Häuptling werden“, berichtete Emil-Heinrich Snethlage später. „Hauptantrieb war wohl der Gedanke, sich mit Hilfe eines kriegerischen Deutschen und dessen Waffen an den verhassten, umwohnenden brasilianischen Ansiedlern rächen zu wollen. Ich nahm das zuerst nicht ernst. Als ich aber die Absicht zu erkennen gab, aufzubrechen, wurden mir Vorstellungen gemacht und zur Bekräftigung ein hübsches Indianermädchen, das höchstens elf Jahre zählte, zugeführt. Meine Proteste halfen nichts. Ich saß richtig in der Klemme, da ich meinen Diener und meine Lasttiere nach Barra do Corda zurückgeschickt hatte. Erst als ich den Indianern den Wunsch aussprach, meine Eltern doch noch einmal sehen zu wollen, verstanden sie sich dazu mich fort zu bringen.“

Der Forscher entdeckte im Amazonasgebiet acht bis dahin unbekannte Indianerstämme.
Der Forscher entdeckte im Amazonasgebiet acht bis dahin unbekannte Indianerstämme.
Foto: Christopher Arlinghaus

Zurück in Deutschland avancierte Snethlage schnell zum Betreuer der südamerikanischen Sammlungen des Berliner Museums für Völkerkunde. In dieser Funktion brach er 1933 zu einer weiteren dreijährigen Forschungsreise nach Bolivien und Brasilien auf. Die Tagebuchaufzeichnungen dieser Reise blieben erhalten und sollen bald, transkribiert, bearbeitet und mit einem Register versehen, veröffentlicht werden.

„Sechs Wochen war mein Großvater mit dem Dampfer unterwegs, dann ging es auf dem Amazonas nach Manaus weiter“, so Alhard-Mauritz Snethlage. Um mit den als wild geltenden Stämmen der Moré und der Itoreauhip in Kontakt zu kommen, errichtete er zunächst eine Tauschhütte. „Dort hinterlegte er bei den Indianern begehrte Waren wie Beile, Messer oder auch Perlen“, so Snethlage. Irgendwann fand er dann zwei Pfeile, die in der Erde steckten. „Das wertete mein Großvater als gutes Zeichen: Gekreuzte Pfeile hätten Krieg bedeutet.“ Das Eis war gebrochen, der Forscher erhielt von den Indianern im Gegenzug Mais und Sirup, Kleidung, Pfeil und Bogen, Federschmuck – vor allem aber wertvolle Einblicke in Sprache, Sitten und Gebräuche der Moré und der Itoreauhip. Die Stämme unterschieden sich damals nur durch Dialekt und Haartracht. Die Moré trugen ihre Haare offen, die Itoreauhip banden sie zu einem Knoten zusammen. Ihre Kleidung bestand aus meist gestreiften Rindenstoffhemden, doch meist liefen die Männer nackt herum.

Das Tagebuch
Eine frühe Publikation von Snethlage über die Guaporé-Indianer.
Foto: Christopher Arlinghaus

Die Erlebnisse seiner Forschungsreise nach Brasilien hielt Emil-Heinrich Snethlage in einem wissenschaftlichen Tagebuch fest. Es entstand in den Jahren 1933 bis 1935 und konnte von seiner Familie über den Krieg gerettet werden. Erhalten blieben 1042 Seiten des Tagebuchs, die Rotger und Alhard-Mauritz Snethlage bearbeitet haben, um die Forschungsergebnisse des Wissenschaftlers zu bewahren.

Seit 2000 ordneten sie den Nachlass, digitalisierten Fotos und übertrugen die Handschrift in eine insgesamt 700 Seiten starke Druckfassung, vervollständigt um ein umfangreiches Register und ein Glossar. Alhard-Mauritz Snethlage, der mit den abenteuerlichen Geschichten seines Großvaters aufgewachsen ist, reiste im vergangenen Jahr auf den Spuren seines Vorfahren durch Brasilien. Das größte Verdienst seines Großvaters, so der Geistliche, sei es gewesen, die indianischen Kulturen der Wissenschaft zugänglich gemacht zu haben. „Dadurch hat er vielen der inzwischen ausgestorbenen Stämme einen Platz in der Geschichte gegeben.“ (spe)

Mehr als 2000 Gegenstände brachte Emil-Heinrich Snethlage am Ende nach Berlin zurück, Exponate, die noch heute im Magazin des Völkerkundemuseums verwahrt werden. Zudem neues Wissen über acht bisher unbekannte Indianerstämme, die der Forscher im Urwald am Amazonas entdeckte und von denen viele heute längst ausgestorben sind. „Das Gebiet um Matto Grosso war bis dahin noch ein weißer Fleck auf der Landkarte“, so Enkel Snethlage. Nicht viele Weiße hatten sich vor seinem Großvater in das schwer zugängliche Gebiet gewagt, in dem auch Stämme lebten, die das Fleisch ihrer getöteten Feinde verzehrten. Dabei gab es durchaus unterschiedliche Vorlieben. „Während bei den Amniapä nur die Männer ihre auf dem Rost gebratenen Feinde verspeisten, gab es auch Stämme, die ihre eigenen Frauen jagten, erlegten und aufaßen, wenn sie es wagten, aus dem Dorf zu fliehen“, berichtet Alhard-Mauritz Snethlage mit Blick auf die Niederschrift seines Großvaters.

Weit gefährlicher als die gewöhnungsbedürftigen Essgepflogenheiten mancher Stämme waren allerdings die Mücken, die Malaria und Gelbfieber übertrugen und die auch den Wissenschaftler nicht verschonten. Alhard-Mauritz Snethlage: „An den Spätfolgen der Malaria ist mein Großvater am Ende auch gestorben.“

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