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50 Jahre Türken in Brühl: Leben zwischen den Welten

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Die fünf Generationen der Familie Öztürk auf einem Sofa: Urgroßvater Muzaffer Öztürk (Mitte) mit (v.l.) Enkel Ugur, Sohn Cengiz, den Urenkeln Ozan und Can sowie Sohn Engin. Foto: Ringendahl
1965 kam Muzaffer Öztürk als einer der ersten türkischen Arbeiter nach Brühl - und ist dort geblieben. Was als Einwanderergeschichte begann ist mittlerweile eine deutsch-türkische Familiengeschichte in vierter Generation.  Von
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Brühl/Köln

Eigentlich war alles ganz anders geplant. Ein paar Jahre richtig hart bei Ford am Band malochen und dann mit dem Ford-Taunus, den erstandenen Möbeln und der Olympus-Schreibmaschine für Sohn Cengiz zurück in die Heimat. Muzaffer Öztürk (74) sitzt auf dem Sofa in der guten Stube, lächelt und rührt einen Löffel Zucker in das Glas türkischen Tee. Um ihn herum sitzen seine Söhne, Enkelsöhne und die beiden kleinen Urenkel Can (2) und Ozan (2 Monate). Aber der Familientisch steht immer noch im Rheinland und nicht wieder im türkischen Trabzon. Enkel und Urenkel wurden in Köln und im Rhein-Erft-Kreis geboren.

Eine Einwanderungsgeschichte in vier Generationen, 50 Jahre nachdem über das deutsch-türkische Anwerbeabkommen die ersten türkischen Arbeiter nach Brühl gekommen sind. 1965 kam der gelernte Bettdeckenmeister ins Rheinland. Frau und Kinder blieben in der Heimat. Schwer sei das damals gewesen, übersetzt sein Sohn Cengiz (49) die Worte des Vaters. Bis heute spricht der Senior nur Türkisch. Man blieb halt unter sich im Provisorium. Drei Jahre später kam seine Frau nach, um in der Schokoladenfabrik Stollwerk mitzuverdienen. Die Kinder blieben bei den Großeltern in der Türkei. „Ein sehr hoher Preis“, sagt sein Sohn Engin heute. Ohne Vater und Mutter groß zu werden, das sei nicht leicht gewesen. Eine Wunde – bis heute, da will er gar nicht drum herumreden. Und auch die Mutter habe ihren Kindern auf dem Sterbebett gestanden, dass sie jeden Abend im Bett die Trennung von ihnen beweint habe. Der Motor war, dass die Kinder es einmal wirtschaftlich besser haben sollten als sie. Dieses Ziel trieb sie an – durch alle Tränen hindurch. Es ließ sie in Kauf nehmen, dass die Söhne den Vater beim sommerlichen Heimaturlaub nicht erkannten. „Sie haben es für uns getan“, sagt Cengiz Öztürk im Rückblick.

Als die Rückkehr endlich 1979 feststand, war es der damals 16-jährige Sohn Cengiz, der auch seine Chance haben wollte im gelobten Deutschland. Bekniet habe er den Vater, dass er nachkommen dürfe, voll Ehrgeiz, in Deutschland die Karriere zu machen, die er für sich in der vom Militärputsch gebeutelten Türkei nicht sah. Der Vater, der immer das beste für seine Söhne wollte, gab nach. Aufschub in Deutschland. Lavamat und Olympus-Schreibmaschine blieben im Rheinland in Betrieb. Diesmal im Dienst der ganzen Familie.

Doch der Aufprall in der vermeintlichen Traumwelt war für Cengiz hart: „Mein Abschluss am Handelsgymnasium in der Türkei wurde vom Regierungspräsidenten als Hauptschulabschluss anerkannt.“ Trotzdem: Die Sprache wollte er lernen, für die Kurse machte sein Vater Geld locker. Cengiz Öztürk fand eine Anstellung bei den Mauser-Werken, dazu fuhr er Taxi, um sich was dazuzuverdienen. Karriere blieb ein relativer Begriff, aber Cengiz war zufrieden.
Er wollte dazu gehören, hier zu Hause sein: Als Sohn Ugur geboren wurde, zog die Familie nach Brühl-Vochem. „Damals waren wir erst die zweite ausländische Familie im Haus und wurden sehr herzlich aufgenommen.“ Eine tolle Zeit, Grillabende, gemeinsame Geburtstagsfeste, eine echte Gemeinschaft. Der deutsche Freundeskreis war größer als der türkische. „Ich hatte das Gefühl, wir sind angekommen.“ Er engagierte sich im Schwimmclub und als Fußballtrainer bei der Spielvereinigung Vochem. Und eröffnete 1993 den zweiten Dönerladen in Brühl.

Auch sein Sohn Ugur (27) schwärmt von damals, als er als kleiner Junge nach dem Kindergarten mit den deutschen Kindern auf der Straße spielte, täglich deutsche Spielkameraden nach Hause brachte und die Sprache ganz mühelos lernte: „So würde ich mir das auch für meine beiden kleinen Söhne wünschen.“ „Aber wahrscheinlich wurden wir einfach zu viele, waren nichts Besonderes mehr“, suchen die beiden Erklärungen dafür, dass heute vieles so anders ist. Ugur hat die Brühler Erich-Kästner-Realschule besucht, dann die Höhere Handelsschule in Badorf. „Ich habe danach viele Bewerbungen geschrieben, aber keine Lehrstelle gefunden“, erzählt der bescheidene junge Mann, dem jedes Jammern fernliegt. Wahrscheinlich seien die Noten nicht gut genug gewesen, schiebt er lapidar hinterher.

Dass es an seinem türkischen Namen gelegen haben könnte, kein Wort davon. Seit vier Jahren arbeitet er im Eisenwerk als Arbeiter in der Putzerei. Zusätzlich fährt auch er Taxi, um das Einkommen für seine eigene vierköpfige Familie aufzubessern. Er, der in der Grundschule fast nur deutsche Freunde hatte, kann die deutschen Bekannten heute an einer Hand abzählen. Im Laufe der Schulzeit, spätestens auf der Höheren Handelsschule seien die Türken dann irgendwann unter sich geblieben. Erklären kann er sich das nicht wirklich. Ob es an der wachsenden Zahl lag oder mit den Anschlägen vom 11. September zu tun hat. Wer weiß das schon so genau.

Die Klischees, die die Öztürks immer wieder zu hören bekommen, tun weh. „Dagegen wird man nie immun“, sagt Cengiz Öztürk und erzählt, wie Ugur als Jugendlicher von der Familie seiner damaligen deutschen Freundin fünf Jahre abgelehnt wurde. Wie sich die Männer als Taxifahrer immer wieder beschimpfen lassen müssen. „Bist du Moslem“, habe ihn gerade letzte Woche wieder ein Kunde gefragt. Als Cengiz bejahte, habe der Mann mit der Bemerkung „Ich mag Moslems nicht“, das Trinkgeld gekürzt. „Ich bin ein friedlicher Mensch, aber da kommt jedes Mal eine riesige Wut in mir hoch.“ Wut und auch Angst, die sie in Zeiten der so genannten Dönermorde wieder neu spüren. Sie zahlen hier Steuern, liefern ehrliche Arbeit. Die Eltern haben für das deutsche Wirtschaftswunder malocht. Nicht, dass sie ein Dankeschön erwarten. Aber irgendwie Respekt. Respekt für ein Leben zwischen zwei Welten. In der Türkei heißen sie Deutschländer, erkennbar an ihrem Akzent. In Deutschland sind sie Ausländer. Zuhause sind sie nirgends. Can (2) kommt im Sommer in den Kindergarten.

Sein Vater Ugur ist das, was die Deutschen „neuer Vater“ nennen. Er wickelt, füttert, spielt mit seinen Kleinen. Und macht sich viele Gedanken darüber, wie das für seine Söhne sein wird, das Leben in Deutschland. Es gibt keinen Weg zurück. Die Häuser, die Großvater Muzaffar damals von dem unter Entbehrungen ersparten Geld für seine Söhne in der Türkei gebaut hat, haben diese längst verkauft. „Wir werden dort nicht leben. Das muss man klar so sehen“, sagt Cengiz. Ob der Aufbruch damals den hohen Preis wert war? Cengiz und Engin lächeln.

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