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Vereinsporträt: Nur der Geist bleibt

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Immer wieder murmeln die Meditierenden die Silben „Karmapa schenno“.  Foto: Ringendahl
Die Brühler Gruppe des Vereins Diamantweg-Buddhismus trifft sich mehrmals in der Woche zum gemeinsamen Meditieren. Mal sind 20 Minuten angesetzt, mal drei Stunden. Manchmal ist es sogar ein ganzer Tag.  Von
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Michael Barton hält die Gebetskette mit den 108 Perlen locker zwischen den Fingern. Mit geschlossenen Augen sitzt er im Schneidersitz auf seinem Gebetskissen. Die Hände ruhen geöffnet auf den Knien. „Karmapa schenno“ murmelt er immer wieder, während die Finger von Perle zu Perle gleiten. Das heißt übersetzt: Tatkraft aller Buddhas, arbeite durch mich und werde mit mir eins. Aus den Mündern der anderen Mit-Meditierenden fließen die gleichen Silben. Sodass der Raum, getragen von diesem Gemurmel, ins Schwingen gerät.

Im Meditationsraum in Brühl finden sich zahlreiche Buddha-Figuren.
Im Meditationsraum in Brühl finden sich zahlreiche Buddha-Figuren.
Foto: Ringendahl

Die Brühler Gruppe des Vereins Diamantweg-Buddhismus trifft sich mehrmals in der Woche zum gemeinsamen Meditieren. Mal sind 20 Minuten angesetzt, mal drei Stunden. Manchmal ist es sogar ein ganzer Tag. Heute ist es die 16. Karmapa-Hauptmeditation. „Wir erinnern uns der eigenen Vergänglichkeit. Nur der Geist bleibt“, liest Barton vor. Um anschließend das Prinzip von Ursache und Wirkung zu vergegenwärtigen. „Wir bestimmen selbst, was passiert und säen so den Samen für unsere Zukunft“, sagt er in ruhigem Ton. Unter den 28 Vereinsmitgliedern, die sich hier treffen, ist vom Künstler über Beamte und Selbstständige bis zum Schüler alles vertreten. Was sie eint, ist die Suche nach der Buddha-Natur, wie sie es nennen. Diese ist nach Auffassung der Diamantweg-Buddhisten nicht weniger als „das höchste Potenzial, das uns innewohnt“ und die „allem zugrunde liegende Wirklichkeit“. Klingt ziemlich abstrakt, das fällt Barton auch auf. Man suche halt etwas, das mehr ist als der Körper, versucht er zu erklären. Eine höhere Entwicklung des Geistes und das totale Aufgehen im Hier und Jetzt. Eine Form von Erleuchtung jedenfalls, die sie in ihrer Herkunftsreligion nicht gefunden haben.

„Ich war mal fest verankert im Protestantismus“, erzählt etwa Maike Rehse aus Hürth. Selbst Bibelkreise habe sie mitgestaltet. „Aber irgendwie war an diesen dogmatischen Lehren immer etwas, das ich nicht unterstützen konnte.“ Ein Buch des Dalai Lama hat ihr vor sechs Jahren den Buddhismus nähergebracht. „Ich fand hier eine Antwort auf fast alle meine Fragen. Vor allem war mir sympathisch, dass ich hier für mein Handeln und Tun selbst verantwortlich bin.“ Kein Gott, keine Schuldgefühle, kein schlechtes Gewissen. Das empfand auch Ulrike Kiefer, die aus einem streng katholischen Elternhaus kommt, geradezu als Befreiung.

An einer  Gebetskette gleiten beim  Meditieren die Finger  von Perle zu Perle.
An einer Gebetskette gleiten beim Meditieren die Finger von Perle zu Perle.
Foto: Ringendahl

Der Diamantweg-Buddhismus, den man auch Laien-Buddhismus nennt, fußt im Wesentlichen auf der Meditation, die getragen ist von vier Grundgedanken, die die Meditierenden immer wieder in sich einsinken lassen: die eigene Vergänglichkeit und die Erkenntnis, dass alles, was zusammenhält, auch auseinanderfallen kann. Ferner vom Gesetz aus Ursache und Wirkung: Was ich sage und tue, hat Auswirkung auf meine Zukunft. Jeder bestimmt selbst, was passiert. Und schließlich die Überzeugung, dass man nichts für andere tun könne, solange man selbst verwirrt ist oder leidet. Lehrer des Diamantweg-Buddhismus und damit spirituelles Oberhaupt ist Lama Ole Nydahl, ein Däne, der seit 40 Jahren den Buddhismus im westlichen Europa verbreitet. Sein Foto hängt auch im Meditationsraum, direkt neben der klassischen Buddha-Statue. Sie alle hier verehren den außerhalb seiner Anhängerschaft nicht immer unumstrittenen charismatischen Dänen: Motorradfreak, Fallschirmspringer, Frauentyp. Dass ihr spirituelles Oberhaupt den irdischen Freuden nicht abgeneigt ist und Vorstufen der Erleuchtung durchaus auch in Extremsituationen findet, stellt für die Diamantweg-Buddhisten keinen Widerspruch dar. Auch wenn ihr Ziel ist, sich in der Meditation von sogenannten Störgefühlen wie der Anhaftung an Materielles, Zorn oder Begierden zu lösen. „Lama Ole weiß auch, dass er sein Motorrad am Ende nicht mitnimmt“, sagt Barton lapidar.

Für die Mitglieder der Gruppe hat das regelmäßige Meditieren ganz konkrete Auswirkungen auf den Alltag. „Alle wollen Glück haben und Leid vermeiden“, erklärt Rehse. Und wenn man sich vergegenwärtige, dass die Leute sich nicht blöd verhalten, weil sie per se schlecht sind, sondern ihr Glück suchen, verändere das gerade bei Konflikten den Blick. „Ich kann im Job zum Beispiel Reklamationen jetzt einfach weglächeln“, erzählt Achim Pohl. Statt wie früher impulsiv zu reagieren und erst mal alles persönlich zu nehmen, kann er jetzt gelassen reagieren. Man gewinne durch den besseren Kontakt zu sich selbst einfach mehr Abgeklärtheit und Ruhe. „Ich kann die Dinge heute viel besser so nehmen, wie sie kommen. Auch die, die nicht rund laufen“, sagt Ulrike Kiefer. „Wenn man es schafft, im Hier und Jetzt zu sein, ist das einfach geil“, bringt Barton es für sich auf den Punkt. Im Meditationsraum neigt sich die 16. Karmapa-Meditation dem Ende zu: „Wir verweilen mühelos im Einssein aller Erscheinungen“, murmelt Barton zum Abschluss der Meditation, die ausklingt im vielstimmigen, langgezogenen Om.

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