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Forschungsgelder: „Konkurrenz, Neid und Angst“

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Christian Elger kritisiert die Bürokratie in Wissenschaft und Forschung in deutschen Universitäten. Foto: Peter Rakoczy
Ein halbes Jahr lang einen Antrag für Forschungsgelder schreiben, anstatt zu forschen? Hört sich skurril an, ist aber Realität. Professor Christian Elger spricht über die Bürokratie in der Forschung und Nachwuchstalente in der Medizin.  Von
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Herr Professor Elger, vielversprechende junge Mediziner verlassen Deutschland, weil Unikliniken und Universitäten ihnen keine Perspektive bieten können. Warum?

Christian Elger: Wir wollen ihnen gern eine feste Beschäftigung bieten, aber ein Stellenpool ist an der Universität dafür nicht vorhanden. Es bedarf eines Antrags beispielsweise bei der Deutschen Forschungsgemeinschaft. Nur 20 Prozent der Anträge werden bewilligt. Bis es zu einer – oft nicht ganz nachvollziehbaren – Bewilligung oder Ablehnung vergeht manchmal ein Jahr oder mehr Zeit. In dieser Zeit hängen die Mediziner sprichwörtlich in der Luft. Bietet sich ihnen woanders eine Chance, dann sind sie weg.

Nennen Sie mal ein Beispiel?

Elger: Ein Professor in unserer Einrichtung ist mit seinen Mitarbeitern seit einem guten halben Jahr fast ausschließlich mit dem Antrag für einen Sonderforschungsbereich beschäftigt. Er untersucht krankhafte Abläufe in neuronalen Netzwerken des Hirns bei Epilepsie und Alzheimer. Er kommt aber nicht zum Forschen, weil er mit dem Antrag vollauf beschäftigt ist. Das ist Vergeudung von Kraft und Intelligenz. Man muss wissen: Ein Forscher, der einen solchen Antrag stellt, gehört eigentlich immer zu den Besten seines Fachs.

Im Gegensatz zu herkömmlichen Kliniken erhalten Sie für die Uniklinik Fördermittel?

Elger: Aber viel zu wenig, vor allem, weil Fördermittel gleichmäßig verteilt werden. Der Arbeitsaufwand, um an zusätzliche Mittel zu kommen, ist enorm. Anträge müssen geschrieben werden. Die sind so umfangreich wie ein Buch, und man weiß nicht, ob sich der Aufwand auch lohnt, also ob man die Mittel erhält. Das bindet über Monate die Wissenschaftler, die in der Zeit nicht forschen können.

Was passiert mit den Anträgen?

Elger: Der Antrag wird begutachtet und – im Fall der DFG – noch von einem Fachkollegium beurteilt, dessen Entscheidung ausschlaggebend ist. Die Frage ist, ob sie das wirklich immer beurteilen können. Konkurrenz, Neid und vor allem Angst um die eigenen Anträge, die bei den begrenzten Summen nicht mehr bedient werden können, könnten das Urteil wesentlich beeinflussen.

Was bedeutet das für die Verteilung der Forschungsgelder?

Elger: Da die Gesamtsumme, die verteilt wird, unterm Strich immer gleich bleibt, wird der eine gefördert, und der andere hat das Nachsehen. Das macht dem Mittelmäßigen nicht viel aus, aber der Gute bricht fast zusammen. Bei der Verteilung der Geldmittel wünsche ich mir den diagonalen Rasenmäher und nicht das Gießkannen-prinzip. In den Gremien, die das Geld verteilen, herrscht aber immer noch die Meinung vor, dass Wissenschaft breit aufgestellt sein muss. Daher wird das wenige Geld eben auf viele Stellen verteilt. Es gibt mittlerweile richtige Antrags-Junkies, denn oft reichen die Mittel nicht aus und man muss dann weitere Anträge stellen, um zusätzliches Geld zu organisieren. Denn eins ist klar: Auf Pepita kann man nun mal kein Schach spielen.

Zur Person
Klinik
Deutsche Forschungsgemeinschaft

Professor Christian Elger ist Leiter der Klinik für Epileptologie der Uniklinik Bonn und vielfach ausgezeichneter Hirnforscher. Am Beispiel seines Fachgebiets und seiner Klinik plädiert er für gezielte Förderung junger Talente in der Medizin. Elger wurde jüngst mit dem europäischen Epilepsie-Preis für sein Lebenswerk ausgezeichnet.

Der Professor gehört in der Epilepsie zu den Top-Fachautoren weltweit, seine Klinik ist auf Platz zwei der Top-Institutionen weltweit, gefolgt von Harvard und Yale. Auf Platz eins rangiert die University of California, LA.

Die Deutsche Forschungsgemeinschaft in Bonn ist eine Einrichtung zur Förderung der Wissenschaft in Deutschland. 2011 hatte sie einen Förderetat von 2,457 Milliarden Euro, nahezu vollständig finanziert von Bund und Ländern. (ksta)

Was kommt nach dem Antrags-Marathon?

Elger: Ausschlaggebend sind Publikationen in einem weltweit anerkannten Fachblatt wie „Nature“. Wer in „Nature“ publiziert hat, hat einen gewaltigen Pluspunkt bei der Begutachtung seines Projekts. So einen kann man nur schwer abschmettern. In der klinischen Medizin publiziert man besser noch in dem angeseheneren „New England Journal of Medicine“. Eine solche Veröffentlichung ist wie der päpstliche Segen und Garant dafür, dass Drittmittel fließen.

Zurück zum Forschungsalltag. Wie viel Geld ist nötig, um ein Projekt sinnvoll durchzuziehen?

Elger: Eine kleine Forschungsgruppe umfasst drei Experten. Eine wissenschaftliche Stelle kostet im Jahr 80 000 bis 90 000 Euro, eine Medizinisch-Technische Assistenz 50 000 bis 60 000 Euro. Bei drei Experten sind das über 200 000 Euro pro Jahr. Hinzu kommen noch Mittel für Materialien und die Nutzung von Geräten, was rund 30 000 Euro pro Jahr ausmacht. Fließen die Forschungsmittel nicht ausreichend oder zu spät, dann ist das so, als hätte man sein Haus fertig gebaut, aber für Haustür oder Inneneinrichtung kein Geld.

Hinken wir in Deutschland mit der Förderung der Forschung im internationalen Vergleich hinterher?

Elger: In den USA ist die Vergabe sogar noch strenger. Dort werden prozentual noch weniger Anträge bewilligt. Dafür laufen die Anträge über fünf Jahre und werden großzügig finanziert. Für Deutschland aber ist bedrohlich, dass beispielsweise große Bereiche der klinischen Forschung praktisch nicht mehr existieren. Insbesondere die vergleichende Wertigkeit von Medikamenten zu untersuchen ist extrem kostenaufwendig. Die Pharmaindustrie hat wenig Interesse daran, weil ja herauskommen könnte, dass das neue Medikament nicht besser ist als das alte. Eine Förderung durch die öffentliche Hand ist dringend erforderlich. Es könnte zu enormen und sinnvollen Einsparungen im Gesundheitswesen führen. Der wissenschaftliche und medizinische Betrieb hat sich mittlerweile angewöhnt zu argumentieren: Wie präsentiere ich mich, damit ich möglichst viele Fördermittel erhalte? Immer seltener wird argumentiert: Was müssen wir wissen, damit wir eine Krankheit besser verstehen und sie besser behandeln können?

Gibt es in der Forschung auch Dinge, die gut laufen?

Elger: Die Max-Planck-Gesellschaft und ihre Institute. Deren Devise ist: Wer berufen wird, muss zu den Besten der Welt zählen. Also gehen die Besten zur Max-Planck-Gesellschaft und die Zweitbesten an die Universitäten. Bei der Max-Planck-Gesellschaft gilt: Was muss ich dir bieten, damit du zu uns kommst.

Sollten Universitäten und Max-Planck-Gesellschaft nicht enger zusammenarbeiten?

Elger: Eindeutig ja. Die Universitäten haben das, was Max-Planck-Gesellschaften oft neidvoll beäugen: große Nachwuchsreserven an hervorragenden Wissenschaftlern. Die, die in die Medizin streben, sind eine Top-Klientel. Bestnoten sind zwar kein Garant dafür, dass diese Elite auch gute Ärzte stellt, aber vielleicht umso bessere Forscher.

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