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Gleichstellungsbeauftragte: Frauenquote wäre sinnvoll

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Gleichstellungsbeauftragte Annelene Gäckle fordert mehr Professorinnen an der Kölner Universität.  Foto: Michael Bause
Die Gleichstellungsbeauftragte der Kölner Universität, Annelene Gäckle, spricht im Interview über Projekte zur Chancengleichheit an der Uni, Männernetzwerke und die Schwierigkeiten für Frauen, wissenschaftlich Karriere zu machen.
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Frau Gäckle, gibt es viel Diskriminierung an der Kölner Uni?
Annelene Gäckle: Wir sind eine Kleinstadt mit bald 50 000 Studierenden und 5000 Beschäftigten und haben dieselben Probleme wie andere Institutionen auch. Wir befinden uns aber derzeit im Aufbruch. Finanzielle Mittel von Bund, Land und Wissenschaftsorganisationen, die an Gender-Projekte und Antidiskriminierungsprojekte geknüpft sind, machen das möglich. Das hat viel bewirkt: Geld erhöht die Sensibilität enorm.

2010 waren nur 19,5 Prozent der Professoren weiblich. Wie hoch ist der Anteil jetzt?
Gäckle: 23,3 Prozent bei allen Professorinnen, 17,4 Prozent bei den Professoren im C4-Bereich. Das entspricht dem Landesdurchschnitt. Wir haben uns gesteigert und werden dies weiter tun.

Große Diskrepanz

Der Anteil der Frauen unter den Studierenden beträgt aber 57 Prozent.
Gäckle: Die Diskrepanz ist natürlich groß. 50 Prozent der Promotionen werden von Frauen gemacht, bei den Habilitationen liegt die Quote bei nur noch knapp 30 Prozent. Ein Grund ist sicher, dass es für Frauen schwieriger ist, eine wissenschaftliche Karriere zu verfolgen. Auf dem Weg zur Habilitation hält man sich mit halben wissenschaftlichen Stellen oder befristeten Verträgen an der Uni über Wasser. Studien weisen nach, dass Männer auf die vollen Stellen kommen, Frauen eher die halben Stellen angeboten werden oder sie sich mit Stipendien über Wasser halten. Ein großer Bruch tritt in der wissenschaftlichen Karriere meist ein, wenn ein Kind hinzukommt, denn Frauen tragen immer noch die Hauptlast in der Familienverantwortung.

Wären Sie für eine Frauenquote?
Gäckle: Ja, aber eine angemessene. Das Landesgleichstellungsgesetz gibt bereits eine Soll-Quote von 50 Prozent vor. Die Besetzung von Professuren ist ein langwieriges Verfahren und die Quoten lassen sich hier nicht schnell steigern.

Tradierte Männernetzwerke

Ihre Bonner Kollegin, Ursula Mättig, sagte kürzlich, die Idee der Gleichstellung sei noch nicht in allen Köpfen an der Uni angekommen.
Gäckle: Ja, da sind teilweise noch tradierte Männernetzwerke aktiv. Gleich beruft gern gleich. Die Mehrheit in den Berufskommissionen ist immer noch männlich, weiß, Mitte 40, ohne Migrationshintergrund. Es gibt eine Affinität dazu, genau solche Personen einzustellen. In den vergangenen fünf Jahren hat es aber politischen Druck für mehr Chancengerechtigkeit gegeben. Zuversichtlich stimmt mich, dass wir seit anderthalb Jahren eine Prorektorin für Finanzen, Planung und Gender, also Geschlechterrollen, haben.

Sie arbeiten derzeit an einem Konzept zu chancengerechteren Berufungsverfahren. Was ist das?
Gäckle: Wir müssen gucken, wie die Kommissionen zusammengesetzt sind, die einen Professor oder eine Professorin auswählen. Da sollten auch Frauen oder gendersensible Männer drinsitzen. Laut Gesetz sollte der Frauenanteil in den Kommissionen 50 Prozent betragen. Praktisch lässt sich das kaum umsetzen, weil es in manchen Fakultäten zu wenig Professorinnen gibt. Ebenso müssen auch Gutachterinnen externe Bewertungen von Kandidaten und Kandidatinnen beisteuern. Publikationsleistungen müssen auch vor dem Hintergrund von Kindererziehungszeiten bewertet werden.

Setzen Sie Head-Hunter ein, um Professorinnen aufzuspüren?
Gäckle: Wir haben kein Geld, um Head-Hunter zu beschäftigen, sondern machen das selbst. Die Berufskommission fertigt Listen von hochkarätigen Frauen im internationalen Umfeld an. Wir sprechen sie anschließend gezielt an.

Zur Person
Chancengleichheit

Annelene Gäckle (35) ist seit einem Jahr zentrale Gleichstellungsbeauftragte der Kölner Universität. Die Sozialpädagogin war unter anderem Projektleiterin bei Pro Familia und der Katholischen Hochschule Aachen sowie Koordinatorin der Landeskonferenz der Gleichstellungsbeauftragten der Hochschulen und Universitätskliniken des Landes NRW.

Die Kölner Universität hat gerade ihren Endbericht für ein Programm der Deutschen Forschungsgemeinschaft zur Chancengleichheit von Frauen und Männern an Hochschulen vorgelegt. Dem Papier zufolge hat sich der Anteil der Frauen an den Professuren seit dem Zwischenbericht im Jahr 2010 um vier Prozent erhöht.

Was bringen die Mentoring-Programme?
Gäckle: Wir fördern mit fünf Mentoring-Programmen derzeit ungefähr 60 Studentinnen und Wissenschaftlerinnen beim Übergang von der Hochschule in den Beruf und bringen sie mit Mentoren und Mentorinnen aus Wirtschaft und Wissenschaft zusammen. Männer verfügen schon lange über Netzwerke, die in der wissenschaftlichen Karriere Tür und Tor öffnen. Das klassische Vitamin B. Das erschließen wir Frauen. Über Seminare geben wir parallel Karriere-Fähigkeiten weiter. Dort wird gezeigt, wie man Forschungsgelder einwirbt oder welche Konfliktstrategien es gibt. Das kostet natürlich Geld – pro Platz und Jahr kann man mit 1500 Euro rechnen. Das Geld ist aber gut investiert.

Familien unterstützen

Sie unterstützen Frauen auch durch den Dual Career & Family Support.
Gäckle: Damit wir keine hochkarätigen Wissenschaftlerinnen verlieren, unterstützen wir auch deren Familien, in Köln Fuß zu fassen. Wir helfen dabei, Wohnungen zu finden, einen Kindergartenplatz oder einen Arbeitsplatz für den Partner oder die Partnerin zu organisieren.

Worum geht es im Zentrum für Geschlechterforschung?
Gäckle: Wir wollen Forschungsprojekte im Gender-Bereich bündeln. Forschung muss dafür die Perspektive wechseln. Zum Beispiel in der Physik: Beschreibt ein geworfener Ball eine andere Kurve, wenn ihn ein Mann oder eine Frau wirft? Vielleicht fliegt der Ball anders, weil Männer im Durchschnitt über 30 Prozent mehr Muskelmasse verfügen? Oder in der Wirtschaft: Sind die Wünsche von Konsumentinnen anders als die von Konsumenten? Unser Ziel ist es, einen Gender-Studies-Master über unser neues Zentrum für Gender Studies zu entwickeln, also einen eigenen Studiengang. Im April starten wir bereits mit einem Zertifikat, das man zusätzlich zu allen Studiengängen erwerben kann.

Das Gespräch führte
Dirk Riße

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