Campus
Nachrichten und Berichte aus der Hochschule

Vorlesen
0 Kommentare

Studenten auf der Berlinale: Auf dem Weg ins Filmgeschäft

Erstellt
Die Zwillinge Martina (links) und Monika Plura haben beim Empfang der Filmhochschulen "Brücken Bauen" in Berlin ihren Abschlussfilm "Cuba Libre" präsentiert. Foto: Laura Hansen
Sich selbst bewerben, darum geht es hier. Der Empfang der Filmhochschulen bietet Studierenden die Möglichkeit, Kontakte zu knüpfen. Wir haben die KHM-Studentin Martina Plura und ihre Schwester beim Empfang begleitet.  Von
Drucken per Mail
Berlin

Mit einem dampfenden Becher Kaffee in der einen und einer Zigarette in der anderen Hand stehen Martina Plura von der Kölner Kunsthochschule für Medien (KHM) und ihre Schwester Monika vor der Landesvertretung NRW in Berlin. Die Schwestern überlegen, was sie bei ihrer Präsentation am Abend sagen wollen. Auch vier Stunden später im Kinosaal, das lässt ihr anhaltendes Tuscheln schließen, scheint diese drückende Ratlosigkeit noch immer nicht gebannt. Dann startet der Film.

Langsam geht die Sonne über Kuba auf, das Bild überbelichtet, so hell strahlt sie. Der nächste Schnitt zeigt Havanna von oben, am Tag. Ein Straßenhund liegt unter einem Auto. Verschiedene Musiker erscheinen auf der Leinwand: tanzende Hippies, ein Rapper, eine Metal-Band. Nach zwei Minuten geht das Licht wieder an. „Wir haben uns in die Subkultur von Havanna geworfen“, erzählt Martina Plura auf der Bühne. „weil wir zeigen wollten, dass es in Kuba viel mehr gibt als Salsa.“

Eine Plattform für Filmstudenten

„Der Film ist 83 Minuten lang, wir würden ihn gerne ins Fernsehen bringen und suchen noch Sender und Redakteure“, ergänzt Monika Plura. Sich selbst bewerben, darum geht es hier. Beim Empfang der Filmhochschulen „Brücken Bauen“ auf der Berlinale präsentieren die Schwestern ihren Abschlussfilm. Der Empfang findet zum sechsten Mal statt, er wurde von Studierenden organisiert und bietet Filmstudenten eine Plattform, um ihre Projekte zu präsentieren. Im Publikum sitzen Produzenten, Filmverleiher und Fernsehredakteure. Mit ihren Präsentationen wollen die Studenten Vertreter aus der Filmbranche für sich gewinnen.

Die Qualität der gezeigten Filmausschnitte ist hoch, so hoch, dass man glaubt, man würde Filme von Profis schauen. Anders als bei sonstigen Berlinale-Empfängen haben die Studenten hier fest das Zepter in der Hand. Sie entscheiden, wer von den rund 3000 Bewerbern aus der Medienbranche zu den 800 zählt, die zum Empfang eingeladen werden. Hier kommen die Produzenten auf die Absolventen zu, nicht anders herum. „Dieser Empfang ist einer der begehrtesten auf der ganzen Berlinale“, sagt Professor Richard Reitinger, Studiengangsleiter an der Hamburg Media School und Drehbuchautor. „Das ist für Produzenten und Redakteure der Markt, um an frisches Blut zu kommen.“

Tatsächlich ist in diesem Jahr ein junger Produzent hier, der im Vorjahr seinen Abschlussfilm vorgestellt hat und so entdeckt wurde. Jetzt darf er sich fest angestellter Junior Producer nennen.

60 Filme bis zum Abi

Martina und Monika Plura haben auf der Bühne Ausschnitte aus ihrem Film über die alternative Musikszene in Kuba gezeigt und etwas zu dessen Entstehung erzählt. Ihre Worte haben sie letztlich spontan gewählt, nervös waren sie nicht. „Ich rede gerne vor vielen Leuten. Als Regisseurin muss man auch eine Rampensau sein“, sagt Martina Plura lachend. „Also zumindest darf man keine Berührungsängste haben.“ Fünf Jahre lang hat sie an der Kölner Kunsthochschule für Medien (KHM) „Audiovisuelle Medien“ studiert, „Cuba Libre“ ist ihr Diplomfilm.

Schon mit elf Jahren haben sie und ihre Zwillingsschwester Monika begonnen, Filme zu drehen. In den Sommerferien erlernten die beiden damals in einem Videokurs die Grundlagen, alles andere brachten sie sich selbst bei. Jeden Nachmittag nach der Schule drehten sie, an den Abenden brüteten sie über neuen Drehbüchern. Mit 13 gewannen die Zwillinge einen ersten Filmpreis, bis zum Abitur produzierten sie rund 60 Filme. Danach arbeiteten sie als Praktikantinnen am Set von Kinofilmen. Dann gingen die Zwillinge künstlerisch getrennte Wege – Martina Plura wurde an der KHM angenommen, Monika studierte an der Hamburger Hochschule für Bildende Künste. Viele Projekte, etwa einen Kurzfilm über die Büdchen-Kultur in Köln, realisierten sie gemeinsam. Während des Studiums ging Martina für acht Monate an eine Filmhochschule in Havanna. Dort kam sie schon am ersten Wochenende in Kontakt mit der Hippie-Familie, die sie jetzt unter anderem im Film porträtiert. „Das war meine Ersatzfamilie.“ Für ihren Abschlussfilm kehrte Martina gemeinsam mit Schwester Monika im Sommer 2012 nach Havanna zurück. Nach drei intensiven Recherchewochen begleiteten sie an 33 Drehtagen die Hippie-Familie, einen Rapper und eine Metal-Band. „Das, was diese Menschen gemeinsam haben, ist nicht unbedingt ein göttlicher Gesang, sondern die Leidenschaft für die Musik“, sagt Martina Plura. „Das sind Menschen, die in einem Land ohne Meinungsfreiheit trotzdem versuchen, ihren Traum zu verwirklichen.“ Als Erinnerung an den Dreh haben beide sich ein Tattoo stechen lassen. Eine Frau in einem Herz. Bei Martina prangt es an der Innenseite des Oberarms, bei Monika auf dem Unterarm.

Seit Herbst 2012 sind die Zwillinge wieder vereint – und machen an der Hamburg Media School ihren Master. Monika studiert Kamera, Martina Regie. Zur Berlinale ist der komplette Studiengang aus 24 Leuten zusammen angereist und wohnt in zwei großen Appartements. Auf dem Empfang ist die Atmosphäre freundschaftlich, man kennt sich. „Hier entsteht ein Gemeinschaftsgefühl unter uns Filmstudenten“, findet Monika Plura. Von Rivalität keine Spur, und das obwohl der Weg ins Filmgeschäft hart ist.
Das war nicht immer so.

Brücken Bauen
72 Projekte
800 Gäste

Der Empfang der Filmhochschulen unter dem Titel „Brücken Bauen“ fand zum sechsten Mal in der Landesvertretung NRW in Berlin statt. Ausgerichtet wird das Treffen traditionell von sieben Hochschulen, unter anderem auch von den beiden Kölner Hochschulen KHM und ifs.

Insgesamt wurden 72 Projekte aus Sparten wie Drama, Komödie oder Non-Fiction präsentiert. Zu sehen waren Kurz- und Langfilme sowie Serien.

800 Gäste besuchten den Empfang, rund die Hälfte von ihnen waren Produzenten. (as)

Konkurrenz unter den Hochschulen

Yannik Paul Petzold, einer der beiden Hauptorganisatoren, erzählt: „Die Hochschulen schürten früher richtige Konkurrenzkämpfe untereinander. Aber es gibt doch überall tolle Filme.“ Deswegen beschlossen vor über sechs Jahren Studenten von sieben Filmschulen, daran etwas zu ändern. 2008 organisierten sie zum ersten Mal den Empfang der Filmhochschulen, 2009 den Verbund deutscher Filmhochschulstudenten e.V. Petzold, sein Kollege Mathieu Miville und ein 15-köpfiges Team haben einen Empfang vorbereitet, der sich mit anderen messen kann.

„In den vergangenen drei Monaten war die Organisation für mich ein Vollzeitjob“, sagt Yannik Paul Petzold. Geld bekommt er für seine Arbeit nicht. Während des Interviews klingelt sein Smartphone, das Funkgerät piepst. Eigentlich studiert der 22-Jährige im dritten Jahr an der Filmakademie in Ludwigsburg. „Der Empfang ist eine Sache, die ich unterstützen wollte“, sagt er. „Und als Organisator kann ich Kontakte knüpfen.“

Kontakte knüpfen möchten auch Florian Ross, Annik Kreuels und Finn Stroeks. „Wir würden gerne ins Gespräch mit einem Fernsehsender kommen, der uns coproduzieren möchte“, sagt Kreuels. Die drei Studenten der Internationalen Filmschule Köln (ifs) präsentieren ihren Abschlussfilm „Das Gewehr“. Es geht um Männerfreundschaft. Die drei Studenten befinden sich in der Vorproduktion und stellen hier ihre Idee vor. Ein Drehbuch haben sie, Filmmaterial noch nicht. Ross, Kreuels und Stroeks haben sich gut überlegt, was sie sagen wollen. Nervös sind sie nicht. Auf der Bühne kommt alles ganz spontan rüber.

Keine direkten Zusagen

Das Publikum liebt Drehbuchschreiber Finn Stroeks und seinen trockenen Humor. Später werden verschiedene Personen aus der Filmbranche auf Stroeks zukommen, und ihn um Arbeitsproben bitten. Ein Vertreter von Columbia Pictures Deutschland habe ihm seine Karte in die Hand gedrückt und gesagt „wenn du so schreibst, wie du sprichst, will ich was von dir lesen“, erzählt Florian Ross später. Finn Stroeks sagt vor lauter Bescheidenheit gar nichts dazu. Doch auch das Team insgesamt hat Kontakte geknüpft, etwa zu einer Redakteurin vom ZDF. Direkte Zusagen gab es keine.

„Die Präsentationen sind nur so Appetithappen“, findet Verena Gräfen-Höft, selbstständige Produzentin, die beim Empfang schauen will, was zurzeit in der jungen Szene passiert. „Ich knüpfe mit den Studenten Kontakte unter Vorbehalt und schaue mir ihre Arbeiten nach der Berlinale in Ruhe an. Ich mache keine konkreten Zusagen, um keine falschen Hoffnungen zu schüren.“ Auch die Pluras haben für ihren Film noch keine Zusage. Aber eine Produzentin ist neugierig auf den ganzen Film. Deswegen wollen die Schwestern ihn schnell fertig schneiden. Ab April widmen sie sich einem neuen Projekt: Einer sarkastischen schwarz-weißen Komödie über eine Frau, die sich das Leben nehmen will. Realisieren werden sie den Film natürlich nur zusammen.

Auch interessant
Service
Hörsaal-Knigge

Was nervt euch in einer Vorlesung am meisten?

Bildergalerien
alle Bildergalerien
Sonderveröffentlichung
Fortbildung
Mitarbeiter sollten in Ruhe darüber nachdenken, wie ernst es ihnen mit den guten Vorsätzen ist – so kann man vermeiden, unrealistischen Zielen nachzueifern.

Mehr Gehalt fordern oder sich für eine Fortbildung anmelden? So klappt´s im Job!

Kleinanzeigen