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Studieren in Afghanistan: „Frau aus der Provinz hat es schwer"

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Zwischen Krieg und Alltag: Szenen aus Martin Gerners Dokumentation „Generation Kunduz“. Foto: Gerner
Martin Gerner ist Dozent und Filmemacher an der KHM in Köln. Aber auch Korrespondent in Afghanistan. Unser Autor Dirk Riße sprach mit Gerner über Studenten, Hochschulen und Subkultur in Afghanistan.
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Herr Gerner, in den Medien wird Afghanistan oft auf Krieg reduziert. Welches persönliche Afghanistan-Bild haben Sie?

Martin Gerner: Afghanistan ist eine alte Kulturnation. Mein Bild ist das eines Landes, das trotz Kriegstraumata sehr vital ist. Die Jugendlichen sind ehrgeizig und erfolgshungrig, vor allem in den Städten. Der Islam der überwiegenden Mehrheit der Afghanen ist tolerant. Hängen bleiben bei uns allerdings nur die negativen Schlagzeilen. Über den Kriegsalltag der Einheimischen wird in Deutschland allerdings kaum berichtet. Es zählen vor allem unsere Soldaten. Zugleich mangelt es in Deutschland an einem Grundwissen über Land und Leute. Provokativ formuliert: Die meisten Deutschen sind Afghanistan-Analphabeten. Mein Film versucht hier, eine Lücke zu schließen.

Mit ihrem Film „Generation Kunduz“ versuchen Sie den Alltag im Krieg zu dokumentieren. Was ist Alltag in Kunduz?

Gerner: Die Sorge zwischen die Fronten von Isaf und bewaffnetem Widerstand zu geraten. Die Gefahr, Opfer von Sprengfallen zu werden. Auf dem Land gehen Mädchen oft nur bis zur sechsten Klasse in die Schule, für die zwölfte Klasse muss man in eine Stadt ziehen. Reiche Afghanen werden zudem häufig entführt. Mit dem Teilabzug der ausländischen Truppen sorgen sich viele Menschen vor einem wirtschaftlichen Vakuum. Wegen der schwierigen Sicherheitslage sitzt ein Teil der Menschen auf gepackten Koffern, ein anderer Teil will auf jeden Fall bleiben und das Land von innen heraus verändern.

Martin Gerner
Generation Kunduz
Filmvorführung

Martin Gerner (geboren 1966) arbeitet seit 2004 als Korrespondent in Afghanistan – unter anderem für die ARD, das Deutschlandradio und mehrere Tageszeitungen.

Seine Dokumentation „Generation Kunduz“ gewann Preise bei Festivals in Schanghai und Leipzig.

Die Kunsthochschule für Medien, Filzengraben, zeigt den Film am Donnerstag, 16. Mai, um 19 Uhr. Außerdem werden am Donnerstag, 23. Mai, 19 Uhr, afghanische Kurzfilme präsentiert. (ris)

Sie haben in Afghanistan Journalismus an einer Uni unterrichtet. Welche Eindrücke haben Sie dort gesammelt?

Gerner: Einige Fächer wie Computerwissenschaft entwickeln sich rapide, andere wie Journalismus folgen oft noch veralteten Lehrplänen aus der Zeit vor 2001. Die Hochschulen können einen Großteil der Abiturienten nicht aufnehmen. Deshalb gibt es immer mehr private Hochschulen, deren Qualität sehr unterschiedlich ist. Manche stecken viel Geld in eine gute Lehre, manche nicht. Aber vermutlich ist es besser, dass es zumindest diese Hochschulen gibt, als dass die jungen Leute auf der Straße stehen.

Wie unterscheidet sich das Leben der afghanischen Studenten von dem der deutschen?

Gerner: Eine Frau aus der Provinz hat es schwer, in einer Stadt zu studieren. Konventionen und Sicherheitsprobleme führen dazu, dass Studentenwohnheime für Frauen, die der Westen mitfinanziert hat, mitunter leer stehen. Den Film-Studenten fehlt es an Kameras und anderem Equipment. Der DAAD, der viel für den akademischen Austausch tut, täte gut daran, auch Stipendien im Film-, Medien- und Kunstbereich zuzulassen.

In der KHM werden auch von Ihnen kuratierte Kurzfilme zum Thema „Subkultur“ gezeigt. Was ist Subkultur in Afghanistan?

Gerner: Zum einen das, was wir im Westen als Subkultur empfinden und wahrnehmen. Die Graffiti-Sprüherin, die nachts unterwegs ist. Oder die Skateboarderin, die auf den Straßen Kabuls ihr Brett rollen lässt. Andererseits gibt es eine Subkultur, die im Westen nicht als solche wahrgenommen wird. Zum Beispiel die junge Filmemacherin, die eine Dokumentation über die ausländischen Militärs dreht, und nur in Begleitung ihre Arbeit machen kann. Oder die Menschen, die kritische Gedichte schreiben und Stellung zu Themen wie Religion und Tradition beziehen. Die junge Generation drückt sich außerdem gern in den sozialen Netzwerken aus – und schreibt hier zum Beispiel über das Tabuthema Liebe.

Welches Verhältnis hat die Bevölkerung zum ausländischen Militär?

Gerner: Oft ist es ambivalent. In den Städten schätzt ein Teil der Bevölkerung ihre Anwesenheit. Man fürchtet, dass nach 2014 nicht nur die Taliban, sondern auch die Warlords wieder ungestörter operieren können. Deutlich kritischer ist die Meinung über die Isaf meiner Erfahrung nach im Süden und Südwesten, vor allem auf dem Land, wo Operationen durchgeführt werden und es immer wieder unschuldige Opfer gibt. Hier wünschen sich mehr Menschen einen Abzug.

Martin Gerner: Dozent, Filmemacher, Korrespondent
Martin Gerner: Dozent, Filmemacher, Korrespondent
Foto: Privat

Was passiert, wenn die ausländischen Truppen teilweise abziehen?

Gerner: Was passieren wird, kann niemand sagen. Viel hängt vom Ausgang der Wahl ab, und ob die afghanischen Sicherheitskräfte in dieser Form Bestand haben werden. Ich hoffe, dass die junge Mittelschicht bleibt, das Land braucht diese Generation.

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