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Studieren mit Behinderung: Die geliehene Stimme

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Gehörlos studieren
Dorothea Funk (l.) übersetzt für Olga Hertle. (Bild: Michael Bause)

Dorothea Funk leiht Olga Hertle ihre Stimme. Etwa dann, wenn die Studentin ein Referat hält oder in eine Dozenten-Sprechstunde geht. Wenn sie eine Vorlesung in der Kölner Fachhochschule besucht, wird sie von Dolmetschern begleitet. Die 26-Jährige ist taub. Um dennoch studieren zu können, ist sie auf Gebärdendolmetscher wie Dorothea Funk und Silke Lintz angewiesen.

Die Mitarbeiterinnen der Kölner Firma "Skarabee" arbeiten bei Einsätzen, die länger als eine Stunde dauern, im Zweier-Team. "Die Konzentrationsleistung ist enorm, daher wechseln wir uns nach 15 Minuten ab", sagt Lintz. Die Dolmetscherin steht während einer Vorlesung neben dem Dozenten, damit die gehörlose Studentin den Originalsprecher und dessen Mundbild sehen kann. Die Co-Dolmetscherin sitzt daneben und greift ein, wenn die Dolmetscherin etwas akustisch nicht verstanden hat.

Gebärdendolmetscher
Die Gebärdendolmetscher Silke Lintz (l.) und Dorothea Funk (Bild: Stefan Worring)

Viel Organisation nötig

Die Übersetzer begleiten die gehörlose Studentin auch in Seminare, Sprechstunden und Beratungsveranstaltungen. "Gehörlose haben das Recht, dieselben Veranstaltungen zu besuchen wie hörende Studenten, um barrierefrei studieren zu können", erklärt Lintz. Schwierig werde es bei privaten Lerngruppen, da dann die Finanzierung der Dolmetscher nicht gesichert sei. "Gehörlose Studenten haben einen größeren Aufwand als ihre hörenden Kommilitonen, da sie viele Anträge stellen und rechtzeitig Dolmetscher organisieren müssen", sagt Funk. Allerdings habe sich in den vergangenen Jahren viel getan im Hinblick auf eine Barrierefreiheit. Das hänge mit der Anerkennung der Gebärdensprache als eigene Sprache im Jahr 2002 durch das Behinderten-gleichstellungsgesetz zusammen. Seitdem haben Gehörlose ein Recht auf einen Dolmetscher - auch Studenten. Im Bildungsbereich kommt der Landschaftsverband Rheinland für die Kosten auf.

Für viele Studenten ist der Umgang mit Gehörlosen und deren Dolmetschern allerdings noch immer ungewohnt, denn gehörlose Studenten sind selten, "in Köln etwa ein knappes Dutzend", schätzt Funk. "Meine Behinderung ist nicht sichtbar, und für viele ist der Umgang mit Gehörlosen neu. Sie wissen zum Beispiel nicht, dass ich Blickkontakt mit dem Sprechenden benötige", sagt Olga Hertle in Gebärdensprache - übersetzt von Dorothea Funk.

Unbewusste Diskriminierung

"Bewusst diskriminiert fühle ich mich aber nicht. Das geschieht eher unbewusst." Etwa in der Pause, wenn kein Dolmetscher dabei ist. Die Gehörlose sieht, dass ein Thema heiß diskutiert wird, kann dem Gespräch aber nicht folgen. Anschließend fasst einer der Kommilitonen die Diskussion schriftlich in Kurzform für Hertle zusammen. "Aber das geht dann nicht mehr so tief. Einiges geht mir verloren", sagt Hertle. Sie kann das Mundbild ihres Gegenübers zwar teilweise ablesen - "aber manche nuscheln oder sprechen sehr schnell".

In eine mündliche Prüfung wird die Studentin ebenfalls von einem der Dolmetscher begleitet. "Ich bin manchmal auch nervös, vor allem wenn ein Student besonders aufgeregt ist", sagt Dorothea Funk. Wenn Olga Hertle ein Referat halten muss, steht ein Dolmetscher gemeinsam mit ihr vor dem Kurs, um zu "voicen", sie übersetzt also die Gebärden der Studentin in Lautsprache. "Auf ein Referat müssen auch wir Dolmetscher uns vorbereiten", sagt Funk. Spezielle Fachbegriffe müssen geübt werden, allerdings gebe es nicht für jeden Begriff eine Gebärde. "Manchmal muss man improvisieren oder der Student hat selbst einen Vorschlag. Wenn ich einen Fachbegriff nicht kenne, buchstabiere ich das Wort", sagt Lintz.

Viele verschiedene Fächer

Die Gebärdendolmetscher übersetzen für Studenten aus verschiedenen Fächern, von Pädagogik über Jura bis Chemie. Erwerben sie dadurch nicht selbst ein umfangreiches Wissen? Silke Lintz verneint das entschieden: "Das ist ein verbreitetes Vorurteil. Viele glauben, dass ich mich in allen Fächern auskenne und fragen, warum ich das Diplom nicht gleich mitmache." Die 36-Jährige betont, dass sie lediglich die Worte lerne, nicht aber die Inhalte. "Da wir uns so stark konzentrieren müssen, fließen die Inhalte nur durch uns hindurch. Wir sind sozusagen ein Medium", ergänzt Dorothea Funk. Nur bei besonderem Interesse an einem bestimmten Thema bleibe mehr hängen. Ansonsten müssten die Übersetzer die Vorlesungen genauso vertiefen und nachbereiten wie die Studenten.

Ein bestimmtes Lieblingsfach haben die beiden Dolmetscherinnen nicht, allerdings fühlen sie sich im pädagogischen Bereich wohler als im technischen. "Bei einigen unserer männlichen Kollegen ist das umgekehrt", sagt Lintz, die Sonderpädagogik studiert hat und anschließend eine Ausbildung zur Gebärdendolmetscherin gemacht hat. Die Dolmetscher übersetzen nicht nur einfach, sondern versuchen auch, die jeweilige Stimmung des Originalsprechers beziehungsweise des Gehörlosen zu übermitteln. "Der Gebärdenraum, den ein Gehörloser benutzt, ist entscheidend", erklärt Silke Lintz. "Jemand, der ruhig oder unsicher spricht, macht kleinere Bewegungen." Nervosität etwa spiegele sich in hektischen Gebärden wider. "Wenn jemand normalerweise große Bewegungen macht und plötzlich einen ganz kleinen Raum nutzt, dann ist das als Flüstern zu deuten." Je nach Student, dem sie ihre Stimme leihen, sprechen die Dolmetscher in einer unterschiedlichen Tonlage. "Wir versuchen auch herauszuarbeiten, wenn etwas ironisch oder zynisch gemeint ist", sagt Lintz.

Sprechen geübt

Ihr Studium "Pädagogik der Kindheit und Familienbildung" hat Olga Hertle vor kurzem abgeschlossen. Nun beginnt sie einen Job an einer Förderschule für Hörgeschädigte. Den Begriff 'Hörgeschädigte' mag die 26-Jährige eigentlich nicht, weil er das Defizit betone. 'Hörbehindert' ist ihr lieber. 'Taubstumm' hingegen sei schlichtweg diskriminierend - und falsch. "Das würde bedeuten, dass auch die Sprechorgane beschädigt wären, aber Gehörlose haben eine Stimme", erläutert Silke Lintz. Olga Hertle kann sogar sprechen. "Ich komme aus einer hörenden Familie und habe viel geübt." Sie ist von Geburt an taub, allerdings kann sie viele Geräusche mit Hilfe von Hörgeräten wahrnehmen. "Ich höre das Telefon klingeln, kann aber nicht rangehen. Ich kann auch unterscheiden, ob ein Mann oder eine Frau spricht - allerdings nicht, was sie sagen." Musik mag die Pädagogin auch, vor allem Soul und Hip Hop: "Die Inhalte kann ich zwar nicht verstehen, aber Melodie und Rhythmik nehme ich wahr."

Olga Hertle hat ihr Studium in derselben Zeit abgeschlossen wie ihre hörenden Kommilitonen. Dorothea Funk hat davor großen Respekt: "Gehörlose Studenten erbringen eine hohe Konzentrationsleistung. Das wird von vielen unterschätzt. In der Vorlesung müssen sie ununterbrochen auf den Dolmetscher schauen. Wenn sie kurz abschalten, ist der jeweilige Teil für sie verloren."

Viele Hürden überwinden

Auch wenn schon viel verbessert wurde - Gehörlose müssen im Vorfeld ihres Studiums viele Hürden überwinden, etwa Besuche bei der Studien- oder Bafög-Beratung. Spezielle Angebote gibt es für sie nicht. "Für viele Studenten sind Gehörlose immer noch etwas Exotisches.

Es wäre hilfreich, wenn sie und ihre Dolmetscher bei einer Einführungsveranstaltung ihren Kommilitonen kurz vorgestellt würden", findet Silke Lintz. Auch Olga Hertle wünscht sich mehr Aufklärung an den Hochschulen. "Es wäre schön, wenn ein Gebärdenkurs angeboten würde."

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