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Triales Studium: Im Blaumann in die Vorlesung

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Andrea Ries will nach dem Studium den Betrieb der Eltern übernehmen.  Foto: privat
Lehre, Meisterausbildung und Studium in einem: Beim trialen Studium der Kölner Handwerkskammer erhalten Studenten nach erfolgreichen fünf Jahren gleich drei Titel. Die Ausbildung ist bisher einzigartig in Deutschland.  Von
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Derzeit lebt Marcel Kohlbecher in zwei unterschiedlichen Welten: In der Woche lässt er sich zum Anlagenmechaniker für Heizung und Sanitär in einer Firma in Frechen ausbilden, am Wochenende studiert er BWL. Mit 17 anderen Studenten absolviert Kohlbecher das triale Studium der Handwerkskammer Köln und der Fachhochschule des Mittelstandes. In knapp fünf Jahren erlangen die Studenten hier drei Titel – Geselle, Meister und einen Bachelor im Handwerksmanagement. Manchmal vermischen sich auch beide Welten – etwa wenn Kohlbrecher im Blaumann an die Fachhochschule kommt.

Vor vier Jahren hat Michael Brücken, Bildungsberater bei der Handwerkskammer Köln, die Ausbildung konzipiert, im Herbst 2010 wurde sie gestartet. Sie ist einzigartig in Deutschland: Die verschiedenen Ausbildungsbausteine sind ineinander verschachtelt: Während der Lehre absolvieren die Azubis bereits Kurse, die für den Meisterabschluss relevant sind. Rund ein Drittel der Studenten hat einen handwerklichen Hintergrund und will später zum Beispiel das Familienunternehmen übernehmen. Ein wichtiger Schritt, denn das Kölner Handwerk braucht neue Führungskräfte, sagt Brücken: „Rund ein Viertel aller Unternehmer in Köln sind über 50 Jahre alt und suchen dringend Nachfolger.“

Studium und Lehre miteinander verzahnen

Brücken wollte mit der Ausbildung mehr Abiturienten ins Handwerk locken. Der übliche Ausbildungsweg im Handwerk über die Lehre und den berufsbegleitenden Meister, Betriebswirt und Bachelor dauere zehn bis zwölf Jahre. „Das ist für Abiturienten nicht attraktiv.“ Deswegen habe man den Ausbildungsweg verkürzen und Studium und Lehre miteinander verzahnen wollen. Unter der Woche gehen die Studenten in die Lehre, jede zweite Woche freitagabends und samstags gibt es Vorlesungen, einmal in der Woche eine Online-Vorlesung. Nach der Gesellenprüfung studieren die jungen Leute in Vollzeit und bereiten sich weiter auf die Meisterprüfungen vor. Die Studenten kommen aus sehr unterschiedlichen Gewerken – sie sind beispielsweise Bäcker, Fliesenleger oder auch Bestatter.

Kohlbrechers Kommilitonin Andrea Ries (27) will nach ihrer Ausbildung zur Fotografin und dreijähriger Berufserfahrung – gemeinsam mit der Schwester – den Betrieb der Eltern übernehmen. Jetzt macht sie bei den Eltern in Wipperfürth eine Ausbildung zur Optikerin. Seit vier Generationen ist das Geschäft (Optik, Schmuck, Uhren) im Besitz der Familie.

Sechs-Tage-Woche

Ries ist froh über die kombinierte Ausbildung: „So habe ich später im Betrieb ein höheres Ansehen, weil ich auch das Handwerk verstehe. Wenn ich nur BWL studiert hätte, würde ich vielleicht nicht ernst genommen.“ Trotzdem ist die Ausbildung anstrengend. Ihre Freunde, sagt Ries, hätten Verständnis, Respekt – und Mitleid. Die gute Stimmung im Kurs sei aber ein Grund, die Sechs-Tage-Woche durchzuhalten: „Ich denke mir, wenn die anderen es schaffen, kann ich das auch.“ Für Klausuren lernt sie am Wochenende. In der Woche habe sie einfach nicht mehr die Energie dazu.

Marcel Kohlbecher ist mit dem Handwerk aufgewachsen. Sein Stiefvater ist Schlosser, er selbst war am Bau von drei Häusern beteiligt. „Sonst wäre ich wohl schon mit der Ausbildung überfordert.“ 432 Euro verdient Kohlbecher als Lehrling, zieht er die Studiengebühren ab, bleiben genau sechs Euro übrig. Deswegen wohnt der 21-Jährige noch bei seinen Eltern und wird finanziell von ihnen unterstützt. Erst im Vollzeitstudium können die Studenten sogenanntes Meisterbafög beantragen. „Ich hoffe, dass sich das Geld später wieder auszahlt und ich eine leitende Position bekomme“, sagt er.

Nicht nur Studenten aus Köln

Ob das klappt, ist unklar: Weil die ersten Studenten nicht vor Ende 2014 fertig werden, kann Michael Brücken noch kein Resümee ziehen. Doch er glaubt: „Den Studenten wird die Berufserfahrung fehlen, um als Führungskraft zu arbeiten.“ Vermutlich würden sie zunächst als Angestellte arbeiten.

Auch über die Kölner Grenzen hinweg ist das triale Studium längst bekannt. Für das neue Semester hat sich eine Abiturientin aus Bremen beworben, in Kohlbechers und Ries’ Kurs reist ein Student aus Hameln an. „Am Anfang wurde ich von den anderen Handwerkskammern für das Konzept ausgelacht“, so Brücken. „Jetzt rufen sie an und bitten um Hilfe.“

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