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Jugendliche in Chorweiler: „Die gucken nur böse, die tun nix“

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„Die Hochhäuser gehören dazu“: Daniél Piedrola, Lorena Kolberg und Gaby Wegmann auf dem Dach des Bürgerzentrums.  Foto: Bause
Jung sein in Chorweiler. Bei all den Negativschlagzeilen aus dem Viertel erscheint das Umfeld nicht sonderlich geeignet für eine sorgenfreie Jugend. Doch weit gefehlt. Wir haben Jugendliche aus dem Quartier getroffen.  Von
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Chorweiler

Daniél Piedrola hätte sich einen schöneren Tag gewünscht, um durch Chorweiler zu spazieren. Einen Sommertag, nicht diesen grau-weißen Winterhimmel, der so gar keinen Kontrast bildet zum Beton der Hochhäuser. „Na ja“, sagt der 18-Jährige. „In anderen Stadtteilen sieht es heute auch nicht freundlicher aus.“

Daniél Piedrola lebt mit seiner Mutter, seinem Bruder und seiner Schwester in Chorweiler. Er lebt gerne dort und ärgert sich über Berichte, die Chorweiler in einem schlechten Licht zeigen. „Es gibt so viele Vorurteile“, sagt er. „Aber niemand kommt, um sich einen eigenen Eindruck zu machen.“

Er steht auf dem Dach des Bürgerzentrums, zwischen zwei Hochhäusern ist in weiter Ferne der Colonius zu sehen. Jeden Dienstag trifft er sich hier mit Lorena Kolberg (16), Gaby Wegmann (15) und drei anderen. Sie produzieren für das Medienprojekt „Pegasus Film & TV“ Kurzfilme, die sie einmal jährlich im Bürgerzentrum vorführen. Zuletzt dokumentierten sie den Zustand des Bahnhofs Chorweiler-Nord. Der Beitrag zeigt genervte Eltern, die ihre Kinderwagen die Treppen hoch und runter schleppen, weil die Rolltreppe trotz aufwendiger Modernisierung stillstand.

„Die Jugendlichen setzen die Themen selbst“, sagt Projektleiter Martin Schorn. Der 63-Jährige kennt Daniél Piedrola seit sechs Jahren. „Anfangs standen er und die anderen oft eine Stunde lang rum, bis sie sich endlich getraut haben, Passanten ihre Fragen zu stellen.“ Heute sei das anders. „Jetzt quatscht er den Oberbürgermeister an, ohne nervös zu sein. Ich glaube, er könnte mittlerweile auch Barack Obama interviewen.“

Graffiti-Künstler Puya Bagheri widmete dieses Bild am Uppsalasteig „Allen Menschen in Chorweiler“.
Graffiti-Künstler Puya Bagheri widmete dieses Bild am Uppsalasteig „Allen Menschen in Chorweiler“.
Foto: Bause

Wenn Daniél Piedrola durch Chorweiler geht, trifft er ständig Leute, die er kennt. „Klar gibt es hier unter den Jugendlichen mal Ärger, aber das ist woanders doch auch so.“ Er habe keine Angst, wenn er nachts nach Hause gehe. „Es gibt ein paar Leute, die gucken vielleicht böse, aber die tun nix.“ Man sehe sich ja ständig im Stadtteil. „Es wäre doch schön blöd, jemandem auf die Nase zu hauen, wenn man ihm am nächsten Tag wieder begegnet.“ Er mag den „bunten Mix“ in Chorweiler.

„Hier leben viele Jugendliche aus 100 Nationen – das ist sehr spannend. Ich könnte mir gar nicht vorstellen, in einem Viertel zu leben, in dem nur Deutsche wohnen.“ Wenn seine Schwester mal wieder ihren Schlüssel vergessen habe, gebe es immer jemanden im Haus, der sie reinlässt. „Meistens sitzt sie dann bei Nachbarn in der Küche und isst mit.“

Lorena Kolberg und Gaby Wegmann gehen auf die Heinrich-Böll-Gesamtschule, die an einen großen Park grenzt. „Der Park führt in den Wald, und von dort ist es nicht weit zum Fühlinger See – das ist im Sommer schon super“, sagt Lorena Kolberg. „Und wenn es ausnahmsweise mal geschneit hat, fahren wir auf dem Hügel im Olof-Palme-Park Schlitten.“ Am Eingang zum Park liegen Stofftiere, Kerzen und Briefe, die an die getötete Lea Sophie erinnern sollen.

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Auf dem Mäuerchen vor dem Bezirksrathaus brennen auch an diesem Tag unzählige Kerzen für das Mädchen. „Mich haben Freunde aus ganz Deutschland angerufen, als klar war, dass sie tot ist“, sagt Daniél Piedrola. Alle würden in Chorweiler um das Kind trauern. Viele hätten Angst, dass ihr Stadtteil seinen schlechten Ruf nie verliert. „Solche schweren Verbrechen passieren leider überall.“

Blick in den Olof-Palme-Park: Die 6,5 Hektar große Grünfläche liegt am Athener Ring/Tiberstraße.
Blick in den Olof-Palme-Park: Die 6,5 Hektar große Grünfläche liegt am Athener Ring/Tiberstraße.
Foto: Bause

Daniél Piedrola möchte nach dem Abitur im kommenden Jahr eine Ausbildung zum Mediengestalter machen, dann vielleicht studieren. Er will im Bezirk bleiben. „Wenn ich mal eine Familie habe, würde ich gerne in einem Häuschen in Esch oder Pesch leben.“ Bis dahin gehören die Hochhäuser fest zu seinem Leben.

„Sie sehen von außen vielleicht nicht schön aus, aber von drinnen hat man einen super Blick.“ Und die Chorweiler-Skyline sei schon von weitem zu erkennen. „Das ist wie mit dem Dom und der Innenstadt.“

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