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Punktlandung: Spargel in endlosen Weiten

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Ein vorbeisausender Radfahrer hat schon Seltenheitswert in der einsamen Gegend zwischen Worringen und Fühlingen. Foto: Bause
Dort, wo einst die Schlacht von Worringen geschlagen wurde, ist es meist menschenleer. In dieser Einöde misst ein Mitarbeiter der Rhein-Energie den Grundwasserstand - und weiß nicht wieso.  Von
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Worringen

Gibt es einen Ort in Köln, an dem man mit hoher Wahrscheinlichkeit einen ganzen Tag lang niemanden trifft? Dieser könnte einer sein. Endlose Weiten zwischen Worringen und Fühlingen, ein paar Heuballen, die noch nicht abgeholt wurden, Rübenfelder, Wildnis und kein menschliches Leben außerhalb der Autos, die auf der Neusser Landstraße vorbeirasen. Am Straßenrand blühen wilder Fenchel, Schafgarbe und die gemeine Wegwarte. In dichten Büschen ließe sich säckeweise Holunder ernten. Das Hotel Matheisen hat einen Traktoranhänger mit Werbeplakat aufs trockene Feld gestellt: "Nächste links, dann 5. links, dann 1. links" steht drauf. Da soll es "himmlischen Spargel" geben. Das scheint eine Ewigkeit entfernt. Punktlandung im Nirgendwo.

Ein Defender Jeep schaukelt durch die Hitze übers abgeerntete Stoppelfeld. Ein Auto für die Wüste, sein Fahrer sucht Wasser. Rolf Lenz öffnet eine Luke mitten im Feld. Er misst für die Rhein-Energie den Grundwasserstand. 45 Messstellen fährt er heute an, dies ist die 15. Warum tut man sowas? Lenz macht das seit zwei Jahrzehnten und weiß es nicht. "Ich messe, und die Daten gehen dann ins Büro", sagt der gelernte Maschinenschlosser über seinen nach eigenen Angaben wenig spannenden Job. "Da sitzen Leute, die begabter sind als ich." Und was machen die mit seinen Messergebnissen? "Diagramme", sagt Lenz. Er hofft darauf, dass an der Anlegestelle der Rheinfähre nach Hitdorf der Eiswagen steht. Ein bisschen Abkühlung an diesem heißen Tag.

Ein Kreuz erinnert an einen schlimmen Unfall.
Ein Kreuz erinnert an einen schlimmen Unfall.
Foto: Bause

In der Ferne, etwa anderthalb Kilometer entfernt, erahnt man das Rheinufer. Man erkennt Leverkusener Häuser auf der anderen Rheinseite, ohne den Fluss zu sehen. Im Norden ragt hinter den Bäumen des Worringer Bruchs der Kirchturm von St.Pankratius vor den Schornsteinen der Chemiefirma Ineos in den Himmel. Auf der anderen Seite der Neusser Landstraße führt ein kleiner Pfad in ein Naturschutzgebiet. Sein Name "Am Blutberg" macht klar, dass man sich an einem historischen Ort bewegt. Dort, wo heute verlassene Jägerunterstände aus morschem Holz am Rand der Rübenfelder stehen, lagen am Abend des 5. Juni 1288 Hunderte Tote.

Werbung für himmlischen Spargel am Wegesrand.
Werbung für himmlischen Spargel am Wegesrand.
Foto: Bause

In der Schlacht von Worringen hatten die Ritter des Herzogs Jan von Brabant im Bündnis mit Kölner Bürgern und Bauern die Heerscharen des Erzbischofs Siegfried besiegt. Hier ist Köln von der Herrschaft durch den Erzbischof befreit worden. Der damalige König Rudolf von Habsburg hat es nicht geschafft, auch Kaiser zu werden - ganz im Gegensatz zu einem ehemaligen Bewohner des Dormagener Tierheims. Hendrick und Marianne Heller haben ihm den Namen "Kaiser" gegeben, weil er sich auf jeden Stuhl setzen müsse, den er erspähe. "Dann sitzt er da wie ein Herrscher auf einem Thron."

Der Staffordshire-Bullterrier schmeißt sich auf den Rücken und rollt über die spitzen Reste des abgemähten Felds. "Der war nur noch Haut und Knochen, man hat ihm drei Zähne ausgeschlagen, bevor er ausgesetzt wurde", sagt die 68-Jährige. Das Problem bei den sogenannten Kampfhunden seien immer die "am oberen Ende der Leine", meint ihr Mann. Es gebe Idioten, die zeigen wollen, dass sie eine Bestie beherrschen. "Doch dafür müssen sie aus dem Hund erst einmal eine Bestie machen."

Die Hellers wohnen in Bilderstöckchen, sind wegen des Hundes sogar umgezogen, weil ihr Vermieter keinen Hund im Haus haben wollte. Jeden zweiten Tag fahren sie in diese Einöde. Um mit dem Hund spazieren zu gehen, sei die Gegend ideal. "Total tote Hose hier", meint Marianne, während sie mit Kaiser von Hendrick Heller zum Gruppenbild aufgestellt wird. "Ein Hund und ein Drache auf einem Foto - das kriegen Sie in keinem Zirkus."

Zurück an der Neusser Landstraße erinnert ein Holzkreuz an einen der schlimmsten Unfälle der letzten Jahre. Am 8. Juli 2010 raste ein 18-Jähriger nach einer Feier um 2.45 Uhr mit vier Insassen gegen einen Begrenzungspfahl. Vanessa und Nadine, 23 und 18 Jahre alt, waren sofort tot. Fahrer und zwei weitere Begleiter wurden schwer verletzt. "In stillem Gedenken" steht auf einem Herz aus Stein neben Grablichtern und einer frischen Rose. Der Verkehr rauscht vorbei, als wenn nichts geschehen wäre. Rolf Hillger ist auf dem Weg zur Schicht bei Ineos - ein Exot an diesem Ort, denn der 53-Jährige fährt Rad. Er müsse etwas für die Gesundheit tun, sagt er in Eile. Die sechs, sieben Kilometer von Fühlingen nach Worringen sollen ein lädiertes Knie wieder fit machen. Er genieße das Leben fern der Stadtmitte, "Hier auf dem Land ist es doch wunderschön."

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