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Solinger Anschlag: „Ich bin Deutscher - und du?“

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Hans-Peter Kilgus (NS-Dok), Mirza Odabasi (Filmemacher), Albrecht Kieser, freier Journalist, Nick Wolff (Filmemacher) und Fatih Cevikkollu (Comedia, Schauspieler, Autor) diskutierten im Jugendzentrum Northside mit Jugendlichen über Rassismus.  Foto: Philipp Haaser
Die Schüler im Jugendzentrum Northside müssen erst mal Schlucken, als sie auf der Leinwand sehen, wie Mevlüde Genç den Brandanschlag auf ein Solinger Mehrfamilienhaus berichtet. In dieser Nacht sterben fünf ihrer Liebsten.  Von
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Als Mevlüde Genç auf der Leinwand von der Nacht des Brandanschlags in Solingen erzählt, müssen viele der Schüler im Jugendzentrum Northside erst mal schlucken. Im Film 93/13 von Mirza Odabasi beschreibt die in der Türkei geborene Frau, die 1993 fünf ihrer Liebsten verloren hat, wie sie unter einem Fenster ihres brennenden Hauses steht. Im Haus eingeschlossene Familienmitglieder werfen einen Säugling aus dem dritten Stock zu ihr hinunter, sie versucht, ihn mit ihrem Rock aufzufangen. Ihre Enkelin springt aus dem Fenster und stirbt noch in dieser Nacht. Der Schmerz hält sie immer noch gefangen, 20 Jahre danach. Und dennoch wünscht sie sich sehnlichst ein tolerantes Zusammenleben von Menschen verschiedener Herkunft in Deutschland.

Fünf Menschen starben

Northside-Mitarbeiter Nabaz Saied hatte die Idee zu einer Veranstaltung zum Gedenken an die Opfer des Anschlags. Er knüpfte Kontakt zu Odabasi und lud den Comedian, Schauspieler und Autor Fatih Çevikkollu ein, der ebenfalls im Film zu Wort kommt. „Soviel Aufwand lohnt sich nur, wenn auch zahlreiche Jugendliche etwas davon haben“, sagt Saied, der auf die Schulen zuging und sie bat, an der Veranstaltung teilzunehmen. Den Anwesenden ging es darum, die Erinnerung an die Ereignisse Anfang der 1990er Jahre wachzuhalten. „Es ist so, dass da fünf Menschen gestorben sind“, hat Mirza Odabasi seinem Film als Erläuterung vorausgeschickt. Er zeigte ihn vor Schülern der Heinrich-Böll-Gesamtschule und der Waldorfschule.

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 Melvüde Genc berichtet über ihre schrecklichen Erlebnisse.
Melvüde Genc berichtet über ihre schrecklichen Erlebnisse.
Foto: Mirza Odabasi

Der 25-jährige gebürtige Remscheider studiert in Düsseldorf Kommunikationsdesign, war fünf Jahre alt, als die Anschläge im benachbarten Solingen türkische Einwanderer in Angst und Schrecken versetzten. „Ich habe das damals nicht begriffen, wollte aber die Fahne meines türkischen Lieblingsfußballvereins nicht mehr aus dem Fenster hängen“, erinnert er sich. Im ganzen Land war er für den Film mit seinem Kommilitonen Nick Wolff unterwegs. Cem Özdemir, Michel Friedman, Musiker in Berlin und Stuttgart, Wissenschaftler – Wolff und Odabasi lassen zahlreiche Zeitzeugen zu Wort kommen, überwiegend aus Einwandererfamilien. Auch einen Ausschnitt aus Çevikkollu erstem Fernsehauftritt zeigen sie. Mit blau verspiegelter Sonnenbrille rappt er sich in einer Live-Sendung von 1993 die Wut von der Seele. „Wir Türken haben damals einfach nicht stattgefunden“, sagt Çevikkollu rückblickend im Film.

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Film besticht durch Erzählweise

Mit seinem Film 93/13 unternimmt Mirzad Odabasi (25) eine Spurensuche. Der Sohn türkischer Einwanderer besuchte Zeitzeugen. Einige ziehen eine direkte Linie zu den Taten der rechtsextremen Terroristen des NSU. Das Gespräch mit Mevlüde Genç bezeichnete Odabasi als das wahrscheinlich wichtigste Interview seines Lebens. Odabasi und Nick Wolff drehten mit einer digitalen Spiegelreflexkamera. Stimmungsvolle Detailaufnahmen und intime Porträt-Einstellungen wechseln sich im Film ab. Orientalisch gefärbte elektronische Musik unterstreicht die emotional dichte und unaufgeregt entschleunigte Erzählweise. (phh)

Fatih Cevikkollu
Fatih Cevikkollu
Foto: Mirza Odabasi

Im Jugendzentrum Northside fordert er nach dem Film Stellungnahmen von den Schülern. „Ich bin Deutscher“, stellt er sich vor und fragt in den Raum: „Wer bist du?“ Als er nach dem Migrationshintergrund der Anwesenden fragt, heben einige die Hand. Nach und nach erzählen sie von ihren ganz alltäglichen Rassismuserfahrungen, diskutieren, wo Rassismus anfängt. Sind Polenwitze rassistisch? Ist der Busfahrer, der nicht auf die fremd aussehenden Fahrgäste wartet, ein Nazi? Wenn eine Frau auf der Straße ihre Tasche in die andere Hand nimmt, bevor sie den Migranten passiert, ist das ein Zeichen für Rassismus? Und der Nachbar, der fragt, ob der schwarze deutsche Junge nach der Scheidung seiner Eltern wieder zurück nach Afrika gegangen ist – meint der es vielleicht gar nicht böse? Für Çevikkollu ist die Sache klar: „Jemanden aufgrund seiner Herkunft zu diskriminieren – das ist Rassismus.“

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Hans-Peter Killguss von der Informations- und Bildungsstelle des NS-Dokumentationszentrums arbeitete nach Film und Diskussionsrunde mit den Schülern. „Uns geht es um Gewalt von Neonazis und inwiefern sie sich auf den historischen Nationalsozialismus beziehen“, erläuterte er. Angesichts der Nazi-Szene in Esch und Pesch stelle sich die Frage, was man dagegen tun könne, im Kölner Norden ganz konkret.

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