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Urban Gardening: Ausflug in den wilden Garten

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Interesse genauso wie Skepsis spiegelt sich in den Gesichtern von Anna Zowada (l.), Ilse Wilbertz (M.) und Anna Fiedler, als Stefan Rahmann ihnen die Grundzüge des Neuland-Gartenprojekts erläutert. Foto: Waldschmidt
Der Neuland-Garten in Bayenthal ist eines von vielen „Urban Gardingen“-Projekten in Köln. Freizeitgärtner können hier ihr eigenes Gemüse anbauen und sich miteinander austauschen. Kreatives Durcheinander ist durchaus gewünscht.  Von
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Bayenthal/Chorweiler

Das nennt man wohl einen Zusammenprall der Kulturen. Neugierig betreten die Senioren aus dem Marie-Juchacz-Zentrum den Neuland-Gemeinschaftsgarten an der Koblenzer Straße – eine Brache, auf der in mobilen Hochbeeten Gemüse angebaut wird. So weit die Information vorab. Erwartet haben die Besucher aus Chorweiler aber wohl etwas ganz anderes als das, was sich ihnen darbietet. Auf der rotsandigen Fläche – der Boden stammt von einem Tennisplatz und ist eine Spende – reiht sich Holzverhau an Holzverhau, aus krummen Brettern hastig zusammengenagelt: Die Hochbeete. Mit Folie ausgekleidet und mit Erde befüllt, wachsen darin die Pflanzen. Auch das Gewächshaus ist aus Abfallholz gezimmert. Drumherum stehen, scheinbar planlos abgestellt, Tontöpfe, Plastikwannen, Reissäcke, aus denen ebenfalls das Grün sprießt. Spontane Reaktion der Senioren: Ablehnung.

Kein Wunder vielleicht, sind sie als ehemalige Kriegskinder doch selbst mit Mangel und oft auch in Armut aufgewachsen, sie kannten noch Plumpsklo, Zinkbadewanne, Kohleofen und mussten vielfach bei der Feldarbeit helfen. Umso mehr bevorzugen sie heute fabrikneue Dinge und moderne Technik. Magdalene Plautz (77) jedenfalls nimmt kein Blatt vor den Mund: „Wenn ich ganz ehrlich sein soll, mir gefällt’s nicht.“ Auch Anna Zowada ist geschockt. „Wie sieht’s denn hier aus!?“ Der Garten sei ihr „zu wild“, begründet die 83-Jährige. „Bei uns ist es viel schöner, sauberer, ordentlicher“, sagt sie voller Stolz.

Gemüse wächst in Gefäßen

„Bei uns“ – damit meint sie die Dachterrasse des Juchacz-Zentrums, dort stehen seit April ebenfalls Hochbeete. Rund 20 Hausbewohner ziehen hier ihr eigenes Gemüse. Die Heimleitung ließ dafür nagelneue Kunststoffkörbe in Reih und Glied aufstellen. In jedem Beet wächst immer nur eine Gemüsesorte, fein säuberlich mit einem Schild gekennzeichnet. Auch wenn die Gärten in Bayenthal und Chorweiler völlig verschieden sind – sie verdanken ihre Existenz beide der Urban-Gardening-Bewegung, die vor einigen Jahren von Großbritannien nach Deutschland schwappte. Grundprinzip ist, dass das Gemüse nicht im Erdboden angebaut wird, sondern in transportablen Gefäßen.

60 bis 80 machen mit

Der Gemeinschaftsgarten in Bayenthal besteht seit Juli 2011 auf dem früheren Gelände der Dom-Brauerei, die 2006 abgerissen wurde. Bei Neuland arbeiten derzeit 60 bis 80 Menschen mit. Es werden zudem regelmäßig Seminare und Vorträge veranstaltet. (kaw)

www.neuland-koeln.de

André Jörg und Verena Köhne vom Juchacz-Zentrum hatten sich für ihr Projekt von Dirk Kerstan, dem Neuland-Koordinator, beraten lassen und mit ihm die Besichtigung in Bayenthal verabredet. Doch nun fehlt er, wegen Krankheit, wie sich herausstellt. Stefan Rahmann – 50-jähriger Freizeitgärtner und Journalist von Beruf –, der gerade das neu errichtete Gewächshaus inspiziert, übernimmt kurzerhand die Führung. Das hat durchaus etwas Symbolhaftes. Denn beim Neuland-Garten, der mit seinem kreativen Durcheinander an die Studenten-WGs der 80er Jahre erinnert, gehört das Improvisierte, Spontane zum Programm. Jeder Interessierte darf mitmachen. Die Regel: Wer hier arbeitet, erntet kostenfrei. Wer aber nur Gemüse mitnimmt, zahlt. Man verstehe sich vor allem auch als „Wissensallmende“, erklärt Rahmann. Das bedeutet, dass die Aktivisten ihre Kenntnisse unentgeltlich untereinander tauschen.

Anregungen für Zuhause

Dass die Chorweiler Senioren eine eher kritische Haltung einnehmen, scheint ihn vor allem zu amüsieren. „Wenn man sie hört, machen wir hier alles falsch“, sagt er belustigt. Diese Einstellung sei ihm aber vertraut, werde doch auch bei Neuland eine lebhafte Debattenkultur gepflegt. Beim Gärtnern sei es ähnlich wie beim Fußball: Jeder ist Experte. Bei den wöchentlichen Vereinstreffen flögen manchmal die Fetzen. „Alles wird ausdiskutiert, das beginnt schon bei der Frage, welche Erde verwendet werden soll.“

Die Besucher lauschen ihm jetzt aufmerksam. Weil der Neuland-Verein gemeinnützig ist, muss sparsam gewirtschaftet werden – deshalb die Verwendung von Abfallholz, erklärt Rahmann. „Auch die Samen gewinnen wir meistens selbst.“ Eine einzige Tomate ergebe mitunter bis zu 250 Kerne. Vor kurzem sei ein Referent aus Hamburg da gewesen und habe gezeigt, wie man Terrapret, sogenannte schwarze Erde vom Amazonas, herstellt. „Das ist mineralstoffreiche Humuserde, die ist ganz selten und teuer“, wirft Anna Fiedler kenntnisreich ein. Anna Zowada wiederum interessiert sich für Baumzweige von alten Apfelsorten in einer Wanne. Ihr ist aufgefallen, dass einige erblüht sind. Sie sollten dringend auf eine Mutterpflanze aufgepfropft werden, empfiehlt sie. Und Ute Klostermann, die im Juchacz-Zentrum die Einmachgruppe leitet, wendet sich an Magdalene Plautz: „Das handgemachte Windspiel unter dem Zeltdach – das ist eine schöne Idee! Sowas könnten wir für unsere Terrasse auch basteln!“ Einige nützliche Anregungen nehmen die Seniorengärtner also doch mit nach Hause.

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