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Urban Gardening: Gartenglück über den Dächern

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Anna Zowada entnimmt den Thymian, um ihn in die Erde zu setzen.  Foto: Waldschmidt
Auf dem Dach des Marie-Juchacz-Zentrum bauen Senioren Gemüse und Kräuter an. Ein Trend, der vielen Stadtbewohnern gefällt. Worauf man beim Säen, Jäten und Ernten in der Stadt achten soll, erfahren Sie in unserer neuen Serie.  Von
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Regenwürmer in der Erde? Fehlanzeige. „Vielleicht sollten wir uns ein paar per Post zuschicken lassen“, scherzt André Jörg, wirtschaftlicher Leiter im Marie-Juchacz-Zentrum, während er Pflanzentöpfe verteilt. Hoch oben auf dem Dach des Altenheims gärtnert neuerdings ein Senioren-Team. Ob mit oder ohne Regenwurm, wird sich in den nächsten Monaten noch herausstellen. Das Gartenprojekt startete kürzlich mit der Umwidmung einer Grünfläche im Innenhof zur kleinen Streuobstwiese – dort stehen jetzt Obstbäume und Beerensträucher.

Neue Serie für Hobbygärtner

Welche Gartenerde eignet sich für Hochbeete, welche Gemüsesorten vertragen sich und welche nicht, wie können Schädlinge ferngehalten werden, wie oft muss gegossen werden?

In den kommenden Monaten wird der „Kölner Stadt-Anzeiger“ die Senioren des Marie-Juchacz-Zentrums nach ihren Erfahrungen als Hobbygärtner fragen und in lockerer Folge über die weitere Entwicklung des Grünprojekts über den Dächern von Chorweiler berichten.

Etwa 20 Heimbewohner beteiligen sich. Die einen kümmern sich als Baumpaten um die Obstwiese; die anderen bauen selbstständig Gemüse an. Dafür wurde jetzt auf der Dachterrasse ein mobiler Gemüsegarten angelegt. Urban Farming heißt das Vorhaben. Der Begriff stammt aus der Urban-Gardening-Bewegung, die ihren Ursprung in Großbritannien und den USA hat und jetzt offensichtlich auch in den hiesigen Seniorenheimen angekommen ist. Typisch für Urban Gardening: Es wird in mobilen Behältern angepflanzt, in Reissäcken oder Kunststoffkörben. Auch Betonflächen können so für den Gemüseanbau genutzt werden. Darüber hinaus haben solche Hochbeete den Vorteil, dass sie rückenfreundlich sind – schließlich müssen sich die Gärtner bei der Arbeit nicht allzu oft bücken.

50 Korbbeete mit Gemüse und Kräutern

Die ersten Gemüsepflanzen sind gepflanzt.
Die ersten Gemüsepflanzen sind gepflanzt.
Foto: Waldschmidt

Auf dem Dach des Juchacz-Zentrums stehen mehrere aus Kunststoffkörben zusammengesetzte Beet-Türme, als Sockel dienen Holzpaletten. Jedes Hochbeet umfasst zwölf Plastikkörbe nebeneinander, alle mit einer wasserdurchlässigen Folie ausgelegt und mit krumigem Torf-Muttererde-Gemisch befüllt. Insgesamt sollen es mehr als 50 Korbbeete werden. Ganz unten im Behälter lagert Tongranulat. „Das hilft, Staunässe zu verhindern“, erläutert André Jörg. Ein Brett wurde an die Mauer geschraubt, dort hängen Gartengeräte in knalligen Farben: Schippen, Hacken, Rechen, eine Blumenschere. Auch Arbeitshandschuhe und Schürzen hat die Hausleitung an die Seniorengärtner verteilt. Margarete Becker (87) findet das urkomisch: „Nein, früher zu Hause habe ich nie eine Schürze getragen, da bin ich einfach ohne nachzudenken von der Küche in den Garten gerannt“, sagt die Seebergerin und lacht. Die Gemüsesorten für den Dachgarten haben die Senioren selbst ausgesucht: Rhabarber, Kartoffeln, Sellerie, Spitzkohl, Kopfsalat etwa stehen parat und viele, viele Kräuter.

Gartenregel Nummer eins: Immer mit der Witterung gehen, nie dagegen! Angesichts dunkler, heranziehender Wolken wird Anna Zowada (83) denn auch unruhig. „Ich muss mit dem Pflanzen fertig sein, bevor es regnet!“ Eilig macht sie sich ans Werk, als erstes nimmt sie sich zwei Thymian-Stöcke vor: Erde auflockern, Loch ausheben, den Pflanzenball vorsichtig dem kleinen Topf entnehmen und dann in das Erdloch betten – nicht zu fest, sondern mit Gefühl. Gartenregel Nummer zwei: Sei nett zu deinen Pflanzen! „So, mein Thymian, ich wünsch’ dir viel Glück“, liebkost Anna Zowada noch zum Schluss das Junggrün. „Daraus will ich mir Tee zubereiten, Thymian hilft gegen chronischen Husten.“

Gärtnern für Stadtkinder

Griffbereit: Die Gartengeräte
Griffbereit: Die Gartengeräte
Foto: Waldschmidt

In Schlesien sei sie aufgewachsen, ihre Eltern hätten einst einen Garten gehabt, daher kämen ihre Kenntnisse, die sie auch gern weitergibt. „Oh je, doch nicht den Keim nach unten in die Erde“, sagt Anna Zowada zu Verena Köhne gewandt, die gerade Pflanzkartoffeln der Sorte Cilena setzt. „Ich bin Stadtkind und habe leider gar keine Ahnung von Gartenarbeit“, gesteht Köhne lachend. Im Juchacz-Zentrum ist sie als Koordinatorin zuständig für Marketing und Design. Optimistisch meint sie: „Ach, die Kartoffelkeime werden schon selbst den Weg wieder durch die Erde nach oben finden!“

Hintergrund: Urban Gardening

Gemüse mitten in der Stadt anzubauen, liegt im Trend, ist aber kein neues Phänomen: Praktiziert wurde es immer wieder in Notzeiten, etwa nach dem zweiten Weltkrieg. Auch die Schrebergartenbewegung hat eine lange Tradition seit 1860. Neu ist allerdings, dass auch in Deutschland junge Städter eine Gartenleidenschaft entwickeln und das in einen agrarpolitischen Zusammenhang stellen.

Die Bewegung des Urban Gardening entstand in den USA und Großbritannien. Vorläufer war das Guerilla Gardening. Anfang der 1970er Jahre begannen Aktivisten in New York, verwahrloste Brachen zu begrünen. Später entstanden Gemeinschaftsgärten, die mittlerweile von der New Yorker Stadtverwaltung offiziell gefördert werden. Der Brite Richard Reynolds griff 2004 die Idee des illegalen Gärtnerns wieder auf und machte Furore, indem er Verkehrsinseln in London durch heimliche Aussaat zu üppig wuchernden Biotopen umwandelte.

Pionierprojekt des Urban Gardening in Deutschland war der Prinzessinnengarten in Berlin-Kreuzberg, der 2009 angelegt wurde. Er ist Vorbild auch für die Chorweiler Gärtner, wie Verena Köhne, Projektleiterin im Marie-Juchacz-Zentrum, erläutert. In Berlin ist auf einer rund 6000 Quadratmeter großen, von der Stadt gepachteten Brachfläche ein Mitmachgarten entstanden. Wer Gemüse mitnehmen möchte, zahlt Geld. Da der Pachtvertrag immer nur ein Jahr läuft, ist die Arbeitsweise auf Mobilität abgestellt: Die Pflanzen wachsen in tragbaren Kisten, Kunststoffboxen und Reissäcken und könnten an einen anderen Ort versetzt werden.

Dass Gärtnern in der Großstadt unter dem neuen, englischsprachigen Begriff ausgerechnet von einer Generation als schick entdeckt wird, die gestern noch die eigenen Eltern dafür verachtete, dass sie den Rasen vor dem Reihenhäuschen stets akkurat trimmten, ruft auch Spötter auf den Plan. Selbst in den „ranzigsten Berliner Bars“ werde neuerdings ernsthaft über Schädlingsbekämpfung debattiert, seufzte etwa der Zeit-Journalist David Hugendick. (kaw)

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