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Urban Gardening: Senioren züchten eigenes Gemüse

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Anna Zowada begutachtet die Petersilie. Foto: Karine Waldschmidt
Im Marie-Juchacz-Zentrum wird ein Teil der Gemüse und Kräuter, die die hauseigene Kantine verarbeitet, von den Bewohnern auf dem Dach angebaut. Rund 20 Senioren Senioren kümmern sich liebevoll um die Pflänzchen in ihrem Dachgarten.  Von
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Auf der Dachterrasse im Marie-Juchacz-Zentrum herrscht Hochbetrieb. Die Gartengruppe trifft sich: Rund 20 Heimbewohner beteiligen sich seit April an einem Grün-Projekt und ziehen hier Gemüse. Nun wandern die Senioren an den Hochbeeten entlang, begutachten die Gewächse, beratschlagen, was als nächstes zu tun ist. Andere haben sich bei Kaffee und Kuchen gemütlich unter der bedachten Veranda niedergelassen – ausgerechnet unter einem rosengemusterten Emailschild, auf dem der Spruch prangt: „Ein Garten entsteht nicht dadurch, dass man im Schatten sitzt.“ Neuerdings hängt es über der Werkzeugwand; eine Bewohnerin hat es gestiftet. Es wirkt wie eine Mahnung, die Zügel bloß nicht schleifen zu lassen.

Gemüseanbau bedeutet Arbeit, die Natur gibt den Rhythmus vor. In den Beeten grünt es in allen Schattierungen, üppig glänzend, prall und fett. Dicht an dicht stehen etwa Sellerie, Erbsen, Kohlrabi, Gurken, Weißkohl, Eisbergsalat, grüner Salat. Vor allem die Salatköpfe haben kaum noch genügend Platz, um weiter wachsen zu können. Das Zauberwort der Stunde lautet also: Pikieren – vereinzeln. Doch macht man das normalerweise mit ganz jungen Sämlingen: Vorsichtig zerteilt, werden sie mit Hilfe eines Pflanzstabs einzeln zurück in die Erde gebettet. „Oh je, die Erbsen stehen viel zu dicht, eigentlich ist es schon zu spät, sie jetzt auseinanderzureißen“, sagt Anna Zowada von der Gartengruppe erschrocken. Bei den Kartoffeln ist sogar Gefahr in Verzug, sie ranken so hoch, dass sie dringend gehäufelt werden müssen: Die Erde um die Pflanzen herum soll angehoben werden, damit die verborgen heranwachsende Knolle kein Sonnenlicht aufnimmt. Sonst bildet sich Solanin, das färbt die Kartoffel grün und ist giftig.

Kräuter und Gemüse für die Kantinenküche

Auch die Kräuterstöcke, die Anna Zowada beim letzten Mal pflanzte, gedeihen prächtig. Sie zupft ein paar Thymianblättchen ab, behutsam, als fürchte sie, der Pflanze weh zu tun. Dann fällt ihr Blick auf den Schnittlauch. Den hatte sie vor Wochen ebenfalls gesetzt. Nun sind die Halme abrasiert, regelrecht geköpft. Der Anblick scheint die 83-Jährige zu schmerzen. Wer hat das getan? Der Blick wandert zu Werner Mehlem, dem Küchenleiter.

Gartenlexikon N-P

Nematoden: Fadenwürmer, auch Älchen genannt. Es gibt Arten, die Pflanzen schädigen, aber auch Arten, die durchaus nützlich sind, da sie andere Schädlinge vertilgen. Die Biogärtnerei setzt sie in der Schädlingsbekämpfung ein.

Pikieren: Haben Sämlinge erste Blätter gebildet, müssen sie ausgedünnt werden, damit sie sich entfalten können. Das überzählige Junggrün wird samt Wurzeln herausgezogen oder abgezwickt. Bevor die Pflänzchen in gebührendem Abstand neu in die Erde gesetzt werden, bohrt man mit Hilfe eines Pikierstabs das Pflanzloch vor.

(kaw)

Mit Kochmütze auf dem Kopf, steht er, baumlang und weiß gekleidet, zwischen den Hochbeeten und konferiert mit André Jörg, dem wirtschaftlichen Leiter des Juchacz-Zentrums. Nach dem Schnittlauch befragt, berichtet Mehlem unbekümmert, ja, den habe er kürzlich fürs Salatbüfett verwendet. Er kennt da wohl keinerlei Sentimentalität, für ihn sind Gemüsepflanzen nur Produkte, die zur späteren Verarbeitung bestimmt sind. Und überhaupt: Im Umgang mit den Pflanzen zeigen sich ganz individuelle Charakterzüge bei den Hobbygärtnern. Anna Zowada etwa nimmt sie offenbar zuvorderst als Lebewesen wahr, nähert sich ihnen mit Respekt und Achtsamkeit. Es hat den Anschein, als würde sie kaum zu ernten wagen. Ob sie schon Thymian für den Tee gepflückt habe, wie beabsichtigt? Schüchtern schüttelt sie den Kopf.

Alle Bewohner profitieren von der Ernte

Etlichen Salatköpfen aber ist ihr Schicksal schon gewiss. Wie der Schnittlauch werden sie wohl in der Kantinenküche enden. „Wenn wir Gemüse vom Dach nehmen, vermerken wir auf der Speisekarte extra, dass die Zutaten aus hauseigenem Anbau stammen“, sagt Mehlem gut gelaunt. Täglich produziert das Kantinenteam rund 550 Mahlzeiten. Was der Seniorengarten abwirft, deckt also nur zu einem ganz geringen Teil den Bedarf an Lebensmitteln.

Dass am Ende alle im Haus, egal ob Bewohner oder Mitarbeiter, von der Ernte profitieren, soll auch so sein, betont Projektleiterin Verena Köhne: „Jeder darf mitnehmen.“ Mehrere Hochbeete stehen auf der Dachterrasse noch leer. Anna Zowada hat ein Tütchen mit Radieschen-Samen dabei. Auch Ilse Wilbertz holt jetzt ein Samentütchen hervor und beginnt, die vernachlässigte Blumenrabatte vor der Balkonbrüstung aufzuharken. „Ich säe Ringelblumen gegen Nematoden“, sagt sie. Nema – was? „Das sind winzige Schädlinge, weißlich, mit vielen Beinchen.“

In den kommenden Monaten wird der Kölner Stadt-Anzeiger in lockerer Folge über die Entwicklung des Grün-Projekts über den Dächern von Chorweiler berichten.

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