Chorweiler
Blumenberg, Chorw., Esch/Auw., Fühlingen, Heimers., Lindw., Merkenich, Pesch, Roggend., Seeberg, Volkh., Worringen

Vorlesen
1 Kommentare

Urban Gardening: Vom Dachgarten in die Küche

Erstellt
Magdalene Plautz entfernt sorgfältig die Stielansätze der Tomaten, damit sie gut zu pürieren sind.  Foto: Waldschmidt
Die gärtnernden Senioren aus dem Marie-Juchacz-Altenzentrum in Chorweiler sind stolz auf ihren eigenen Dachgarten und verarbeiten schon die ersten Ernte-Erfolge. Doch manchmal gibt es auch Kämpfe um das Gemüse.  Von
Drucken per Mail
Chorweiler

Prall, rund und rot, so müssen Fleischtomaten aussehen, und genauso reifen sie derzeit im Dachgarten des Marie-Juchacz-Altenzentrums heran. Seit April wird dort Gemüse angebaut, in transportablen Kunststoffkörben, die auf etwa einen Meter Höhe gestapelt sind – also bequem zu erreichen auch für die Rollstuhlfahrer und Rollatorengänger unter den Senioren. Das Urban-Gardening-Projekt war eine Idee der Heimleitung und wird von den Hausbewohnern mit viel Enthusiasmus angenommen – rund 20 sind als Hobbygärtner aktiv.

Mehr dazu

Es ist Tomatenzeit, also wird Tomatenmarmelade eingekocht. „Die schmeckt nicht nur gut zu Fleisch oder Fisch, sondern sogar auf Stutenbrot mit Butter“, sagt Ute Klostermann. Die Betreuungsassistentin leitet seit 2012 im Haus eine Koch- und Einweckgruppe, an der sich in wechselnder Besetzung rund zehn Seniorinnen regelmäßig beteiligen. Derzeit entsteht ein Kalender für 2014 mit lauter Einmachrezepten. Die vorher in der eigenen Versuchsküche erprobt werden. Selbstverständlich unter Verwendung von Saisongemüse aus dem Dachgarten – Ehrensache!

Mit Eifer bei der Sache

Für die Tomatenmarmelade werden ein Kilo Früchte gebraucht, doch leider sind nicht genügend reif geworden – die Natur arbeitet nun mal nicht auf Kommando. Ein Zukauf aus dem Supermarkt war also unvermeidlich. Als sie das gesteht, lacht Ute Klostermann (56) verlegen, es scheint ein wenig an ihrem Hausfrauenstolz zu nagen. Dabei beweist sie ja damit eigentlich nur ihr Improvisationstalent. Überbrühen, häuten, zerkleinern, pürieren, würzen: die Arbeitsschritte, bevor der Sud im Topf auf dem Herd zehn Minuten lang unter Rühren mit Gelierzucker einkochen muss.

Tomatenmarmelade – Das Rezept

Für etwa sechs Gläser werden gebraucht ein Kilo Tomaten, ein Kilo Gelierzucker, Saft einer Zitrone, ein Esslöffel Orangenlikör, ein halber Teelöffel Zimt, eventuell eine Prise Salz. Tomaten einritzen, mit kochendem Wasser überbrühen, häuten, zerkleinern, den Stielansatz entfernen. Dann die Masse pürieren und würzen, den Gelierzucker zugeben, unter Rühren zehn Minuten kochen. Anschließend in heiß ausgespülte Gläser füllen, verschließen und auf den Kopf stellen.

Unter Einkochen versteht man das Sterilisieren von Lebensmitteln. Zumeist verwendet man dafür einen extra Einkochtopf, in dem die gefüllten Weckgläser auf bis zu 100 Grad Celsius erhitzt werden. Beim Einmachen dagegen werden die Zutaten lediglich pasteurisiert, sodass bei dieser Methode mit einer weniger langen Haltbarkeit zu rechnen ist.

Der Einmach-Kalender 2014 erscheint zum Martinsmarkt im Juchacz-Zentrum am 10./11. November. Im vergangenen Jahr erarbeitete die Seniorengruppe ein Kochbuch mit Traditionsrezepten wie Erbsensuppe, Rinderrouladen, Arme Ritter, Prinzregententorte. Unter dem Titel „Lieblingsessen aus Omas Küche – heute so gut wie damals“ ist der Band (Ringbindung, 32 Rezepte, 40 Seiten) nach wie vor an der Rezeption des Marie-Juchacz-Zentrums, Rhonestraße 5, zu kaufen zum Preis von fünf Euro. (kaw)

Die Seniorinnen sind mit Eifer bei der Sache, auch wenn die Finger nicht mehr so flink sind wie in jungen Jahren. Gertrud Marek (92) zum Beispiel schneidet nur mit einer Hand, ihr linker Arm ist in Folge eines Schlaganfalls gelähmt. Christine Wolber (85) schwelgt in Erinnerungen: „Gut einlegen lassen sich auch Eier, Soleier gab’s früher in Kneipen gegen den Kater, ich hab’ sie auch oft auf Kreuzfahrtreisen gegessen, damit ich nicht seekrank wurde.“

Zu viele Kartoffeln geerntet?

Magdalene Plautz ist nicht ganz so fröhlicher Stimmung. Sie hat sich über einen Hausbewohner geärgert. Der arbeitet beim Gartenprojekt nicht mit, transportierte aber dennoch kürzlich eine überdimensional große Menge Kartoffeln von der Terrasse ab: „Er hatte den Karton auf dem Schoß. Und als er mich sah, sauste er mit seinem Rollstuhl in den Aufzug, ohne mich zu grüßen.“ Wer wie viel von welchem Beet nehmen darf – die Frage beschäftigt die Seniorengärtner schon von Anfang an. Die Hausleitung hat zwar verfügt, dass alle im Haus, Mitarbeiter und Bewohner, ernten dürfen. In der Praxis ist das aber für einige Garten-Aktivisten wie Magdalene Plautz ein wunder Punkt, entwickeln sie doch automatisch zu den von ihnen betreuten Beeten ein Gefühl der Verantwortung. Und erleben es dann als schmerzlich, wenn die ungefragt geplündert wurden. „Was soll das?“, fragt die 77-Jährige missbilligend. „Es gibt hier im Heim doch genug zu essen.“

Sie steht jetzt an der Spüle, wäscht die Gläser ab, in kochend heißem Wasser. Dann füllt Ute Klostermann die brodelnde Tomatenmasse ein, schraubt sie blitzschnell zu. Kopfüber müssen die vollen Marmeladengläser nun eine Weile ruhen, damit sich ein Vakuum bildet und die Deckel luftdicht schließen. Apropos Dachgarten. „Ich habe da gestern einen schönen, großen, reifen Kürbis gesehen“, sagt Klostermann. Also los in den fünften Stock. Ausufernd kriecht das Kürbisgrün bis runter auf den Betonboden. Jedoch: „Schon weg!“ Eine leere Stelle klafft. Jemand war schneller. Einen Speiseplan machen und dann wie auf Bestellung die benötigte Menge ernten wollen – das klappt im Juchacz-Garten nun mal nicht. Spontaneität ist gefragt.

Hintergrund: Urban Gardening

Gemüse mitten in der Stadt anzubauen, liegt im Trend, ist aber kein neues Phänomen: Praktiziert wurde es immer wieder in Notzeiten, etwa nach dem zweiten Weltkrieg. Auch die Schrebergartenbewegung hat eine lange Tradition seit 1860. Neu ist allerdings, dass auch in Deutschland junge Städter eine Gartenleidenschaft entwickeln und das in einen agrarpolitischen Zusammenhang stellen.

Die Bewegung des Urban Gardening entstand in den USA und Großbritannien. Vorläufer war das Guerilla Gardening. Anfang der 1970er Jahre begannen Aktivisten in New York, verwahrloste Brachen zu begrünen. Später entstanden Gemeinschaftsgärten, die mittlerweile von der New Yorker Stadtverwaltung offiziell gefördert werden. Der Brite Richard Reynolds griff 2004 die Idee des illegalen Gärtnerns wieder auf und machte Furore, indem er Verkehrsinseln in London durch heimliche Aussaat zu üppig wuchernden Biotopen umwandelte.

Pionierprojekt des Urban Gardening in Deutschland war der Prinzessinnengarten in Berlin-Kreuzberg, der 2009 angelegt wurde. Er ist Vorbild auch für die Chorweiler Gärtner, wie Verena Köhne, Projektleiterin im Marie-Juchacz-Zentrum, erläutert. In Berlin ist auf einer rund 6000 Quadratmeter großen, von der Stadt gepachteten Brachfläche ein Mitmachgarten entstanden. Wer Gemüse mitnehmen möchte, zahlt Geld. Da der Pachtvertrag immer nur ein Jahr läuft, ist die Arbeitsweise auf Mobilität abgestellt: Die Pflanzen wachsen in tragbaren Kisten, Kunststoffboxen und Reissäcken und könnten an einen anderen Ort versetzt werden.

Dass Gärtnern in der Großstadt unter dem neuen, englischsprachigen Begriff ausgerechnet von einer Generation als schick entdeckt wird, die gestern noch die eigenen Eltern dafür verachtete, dass sie den Rasen vor dem Reihenhäuschen stets akkurat trimmten, ruft auch Spötter auf den Plan. Selbst in den „ranzigsten Berliner Bars“ werde neuerdings ernsthaft über Schädlingsbekämpfung debattiert, seufzte etwa der Zeit-Journalist David Hugendick. (kaw)

Auch interessant
KVB Fahrplan
Start
Ziel
Datum
Zeit
 
Videos
FACEBOOK
Blog
Digitale Themen
Das Logo von Rheinklick

Mini-Coding-Schulungen, Analysen oder Veranstaltungen, hier geht es um Themen rund um die digitale (Kölner) Szene.

Weitere Serien
Nachwuchs-Autoren

Szene, Lifestyle, Trends, coole Events: Schüler, Studenten und Auszubildende schreiben für junge Leute.

Kleinanzeigen
ipad
Tablet-Ausgabe

Jetzt noch lokaler und umfangreicher: Der „Kölner Stadt-Anzeiger“ für das Tablet lädt zur Erlebnisreise durch die Themen des Tages ein. Jetzt 20 Tage lang gratis testen!