29.09.2016
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Cilly Aussem: Gedenken an Kölns Wimbledonsiegerin

Cilly Aussem

Zierlich, elegant, bewundert in ganz Europa: Cilly Aussem. (Bild: Ullstein)

Mit dem Gedenken an ihre erste und einzige Wimbledon-Siegerin geht die Stadt Köln sehr zurückhaltend um. Cilly Aussem, die am Sonntag 100 Jahre alt geworden wäre, ist zwar Mitglied der Hall of Fame des deutschen Sports, die Post widmete ihr 1988 eine Briefmarke der Serie „Frauen der deutschen Geschichte“, der Tennis-Bund gab einem Turnier ihren Namen, und es gibt im Land einige Straßen und Plätzen, die nach Cilly Aussem benannt sind. Nur nicht in Köln. Am Sonntag (15 Uhr) wird es auf der Anlage des KTHC Rot-Weiß Köln, für den sie spielte, eine Gedenkfeier geben.

1931, im Alter von 22 Jahren und 57 Jahre vor Steffi Graf, gewinnt die Tochter eines wohlhabenden Kaufmanns und einer künstlerisch vielseitig interessierten Mutter das Damen-Einzel von Wimbledon, 7:5, 7:5 im bisher einzigen rein deutschen Finale gegen Hilde Krahwinkel. Eine Sensation ist das nicht. Aussem kommt als französische und deutsche Meisterin und mit einer Reihe anderer Titel als Empfehlung nach Wimbledon, dass damals noch nicht zu London gehört. Nach ihrem Triumph dort ist sie Zweite der Weltrangliste.

Die Grundlagen haben ihr in Köln bei Rot-Weiß Köln die Trainer Roman Naujuch und Willy Hannemann beigebracht. Den Durchbruch zur Weltspitze schafft sie unter Anleitung des US-Spitzenspielers Bill Tilden. Den treffen Mutter und Tochter Aussem bei einem Turnier an der Riviera, wo Helen Aussem den Star fragt, ob er seiner Tochter helfen könnte. „Ja, gnädige Frau, wenn Sie den nächsten Zug nach Deutschland nehmen“ antwort Tilden.

Helen Aussem nimmt die Unverschämtheit hin und entlässt die Tochter aus der mütterlichen Obhut. Der Wimbledon-Sieg 1931 ist die Krönung der Zusammenarbeit mit dem 16 Jahre älteren Tilden, mit dem sie auch im Mixed gemeinsame Erfolge feiert. Kölns Oberbürgermeister Konrad Adenauer telegrafiert: „Cilly, ihre Heimatstadt ist stolz auf Sie.“

Zierliche Person

Aussem war eine zierliche Person, nur 1,53 Meter groß, eine Schönheit mit langem dunklem Haar und großen Augen, gebildet und ohne Allüren. Wimbledon-Chronistin Norah Gordon Cleather beschreibt die Kölnerin als „Pin-up-Girl“ ihres Sports, die allerdings wütend werden konnte, wenn sie auf dem Platz von einer Konkurrentin modisch ausgestochen wurde. Postkarten mit ihrem Bild sind damals ein Renner.

Nachteile durch ihre geringe Körpergröße macht Aussem durch Laufstärke, Präzision und Ballgefühl wett. Damals musste man nicht mit 200 km / h aufschlagen, um eine Chance zu haben. Aussems Waffe ist ihre flache Vorhand, gefürchtet sind ihre Stopp-Bälle. Die Presse feiert sie als „Herzkönigin“ und „Balletttänzerin“. Gemeinsam mit Gottfried von Cramm bildet sie ein erstes deutsches Traum-Duo des Tennis wie später Becker / Graf.

Immer wieder allerdings hat Aussem mit gesundheitlichen Problemen zu kämpfen. Wegen ihrer empfindlichen Augen muss sie sich vor den Spielen oft in abgedunkelten Räumen aufhalten. Nach dem Wimbledonsieg geht sie auf Südamerika-Tournee und kehrt mit einer verschleppten Blinddarm-Entzündung und einem Leberleiden zurück. Nach zwei Jahren Pause versucht sie ein Comeback, doch ganz an die Spitze kommt sie nicht mehr zurück. 1935 beendet sie im Alter von 26 ihre Karriere.

Im selben Jahr später lernt Cilly Aussem beim Skilaufen den italienischen Grafen Fermo Murari dalla Corte Brà kennen und heiratet ihn ein Jahr später. Als Gräfin Cäcilie Editha Murari dalla Corte Brà folgt die Kölnerin dem Diplomaten für zwei Jahre nach Italienisch-Somaliland in Ostafrika. Dort erkrankt sie an Malaria. Davon erholt sich Cilly Aussem nie mehr ganz. Die letzten 20 Jahre ihres Lebens verbringt sie zurückgezogen auf dem gräflichen Anwesen in Portofina / Italien. Inzwischen fast erblindet, stirbt die erste deutsche Wimbledonsiegerin am 23. März 1963 nach einer Leberoperation.