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„Unsere Mütter, unsere Väter“: Wir armen Täter

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Volker Bruch (l.) in der Rolle des Wilhelm Winter und Tom Schilling als sein Bruder Friedhelm Winter in „Unsere Mütter, unsere Väter“ Foto: dpa
Der ZDF-Dreiteiler „Unsere Mütter, unsere Väter“ wird viel gelobt, ja geradezu gefeiert als gelungene Spielfilmvariante deutscher Vergangenheitsbewältigung. Doch das Lob ist unverdient. Anstoß, der Kommentar.  Von
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Alle deutschen Juden hatten ein Geschäft. Sie waren korrekt, anständig und hatten für Deutschland im Ersten Weltkrieg an der Front gekämpft. Es gab exakt so viele Juden in Deutschland, dass jeder andere Deutsche genau einen jüdischen Freund hatte, und dieser Freund wurde dann entweder verraten oder von seiner arischen Geliebten gerettet, indem sie mit einem wichtigen Nazi schlief. Solche Klischees lernen wir in jedem deutschen Film über die Nazizeit.

Auch der viel gelobte Dreiteiler "Unsere Mütter, unsere Väter" ist da keine Ausnahme. Mag sein, dass diesmal nicht alle Schauspieler mitspielen, die sonst immer mitspielen. Aber sonst: Eine Aneinanderreihung von Klischees, erzählt in plumpen Dialogen und platten Bildern, ohne Hintersinn, verkitscht, und vor allem, was moralisch das Schlimmste ist, voll pathetischem Selbstmitleid. Denn es geht in drei Teilen um nicht weniger, als uns zu erklären, wie aus guten Deutschen böse Deutsche wurden.

Die Antwort jedoch ist mitnichten die Enthüllung des letzten großen Tabus, wie man anhand des Tam-Tams um eine Moralpredigt in dreifacher Spielfilmlänge denken könnte. Da kann das ZDF noch so viel Eigenwerbung in seinen eigenen Nachrichtensendungen platzieren: Die Moral aus dem Film, der schon als moderne Variante von "Holocaust" gefeiert wird, ist altbekannt und ganz deutsch-einfach: Der böse Krieg war's.

Deshalb muss die Schmonzette 1941 anfangen, nicht vorher. Plötzlich, zwei Jahre, nachdem der Krieg offenbar vom Himmel gefallen war, änderte sich alles. Sogar die anständige Wehrmacht, die bis dahin unter penibler Einhaltung der Haager Landkriegsordnung nur mal anständig Osteuropa annektieren wollte, blieb unter dem allgemeinen Druck und dem Befehlsnotstand in Russland nicht immer sauber. Selbst Soldaten, die lesen und schreiben konnten und Bücher mitnahmen an die Front, um dort einen bedeutungsschweren Satz nach dem anderen abzusondern, so wie der sensible der beiden ungleichen Hauptfiguren-Brüder, kannten plötzlich keine Skrupel mehr.

"Wir alle sind durch den Zweiten Weltkrieg entmenscht worden", schreibt der Historiker Arnulf Baring. So argumentiert er unter großer Zustimmung in der Runde bei "Markus Lanz", die am Dienstagabend den Spielfilm endgültig mit einem staatsbürgerlichen Bildungsauftrag überpinselt. Genau hier jedoch funktioniert der Film über deutsche Schuld als Mittel der Entschuldigung. Denn es ist ja der Krieg, der "macht" und "uns alle entmenscht".

Das genaue Gegenteil stimmt: Der Krieg macht nicht. Er wird gemacht, von Menschen. Und es sind nicht "alle Menschen", die sich "entmenschen", sondern nur ein Teil der Menschen. Der Holocaust und der Vernichtungskrieg der Deutschen in Osteuropa waren geplante und vorab festgelegte Kriegsziele. Da rutschte nicht irgendwann jemandem mitten im Kriegsgetümmel die Hand aus. Während deutsche Polizisten und Soldaten Kriegsgefangene erschossen oder zwangen, sich zu Tode zu schuften, taten britische Soldaten dies eben nicht. Während deutsche Offiziere den Befehl ausgaben, Zivilisten einfach zu erschießen und ukrainische Hilfspolizisten mit Feuereifer Juden aufspürten, gaben amerikanische Offiziere solche Befehle eben nicht – und die Dänen lieferten ihre Juden eben nicht aus. Warum war das so?

Swing am letzten Abend

Diese Frage beantwortet die für 15 Millionen Euro Gebühren wiedergekäute deutsche 0815-Moral aus dem Horror des Zweiten Weltkriegs nicht. Sie bleibt beim pauschalen "Nie wieder Krieg" stehen, sie klärt nichts auf, sie verschleiert sogar. Denn diese Moral ist die einfachste Art, darüber hinweg zu sehen, dass es auch im Krieg mitunter eine Seite geben kann, die völlig zu Recht Krieg führt – und dass wir Deutschen in jenem konkreten Krieg auf der anderen, der absolut falschen Seite standen. Die meisten Nationen haben in ihrer Geschichte Kriege geführt. Viele haben sich furchtbar schuldig gemacht dabei, oder machen das immer wieder, von Vietnam bis Grosny. Aber einzig und allein die deutsche Nation hat im 20. Jahrhundert einen Krieg geführt, um auf Grundlage einer Entmenschlichungs-Ideologie ganze Völker systematisch auszulöschen und zu diesem Zweck den Mord an Zivilisten in den industriellen Komplex der eigenen Wirtschaft zu integrieren.

Darüber verrät uns der ZDF-Film zumindest in Teil 1 und 2 sehr wenig. Stattdessen zeigt er uns fünf junge Deutsche – darunter ein Jude, dessen Vater eine Schneiderei besitzt und im Ersten Weltkrieg gekämpft hat – die begeistert Swing hören, am letzten Abend, bevor der Krieg die schlechten Seiten aus ihnen hervorbringt. Ohne Krieg hätte es was werden können mit uns und den Juden, soll das wohl heißen, mit unseren Müttern und Vätern, aber der Krieg hat sie schuldig gemacht. Und weiter soll das wohl heißen: Wir sollten auch die menschlichen Tragödien nicht vergessen, die Schuld erst hervorbringen.

Ein Film, der in die Zeit passt

Ausgerechnet eine Gesellschaft, in der im Eifer des Gefechts schon mal jeder amerikanische Investor als Heuschrecke und jeder Waffenbesitzer als potenzieller Amokläufer diffamiert wird, ist nun zur besten Sendezeit mit sich selbst gnädig. Kein Verbrechen in dem Dreiteiler dürfte irgendeinem Deutschen vor dem Fernseher neu sein. Neu ist auch nicht, dass viele die Verbrechen offenbar derart faszinieren, dass wir immer wieder neue Filme über die Verbrecher machen. Die meisten Deutschen leugnen den Holocaust nicht. Das ist gut, auch moralisch. Weniger gut ist, dass Deutschland seine Vergangenheit offenbar inzwischen so sehr bewältigt hat, dass es selbst seinen früheren Opfern und Befreiern schon wieder Predigten in Sachen Menschenrechte halten kann.

Deshalb ist dieser ZDF-Dreiteiler auch kein Tabubruch, nichts, das wider den Stachel löckt, sondern etwas, das wie die Faust aufs Auge in die Zeit passt mitsamt dem Appell, der von dieser besonderen Form der Vergangenheitsbewältigung ausgeht: Wir als Nachgeborene sollen nicht leichtfertig den Stab brechen über die Denunzianten, die Kriegsgewinnler und Arisierer, die Feiglinge und die Mörder, aus deren Reihen viele – nicht alle! – unserer Mütter und Väter und Literaturnobelpreisträger stammen. Denn ihre Schuld luden sie unter besonderen Umständen auf. Umstände werden gemacht. Vom Krieg.

"Unsere Väter, unsere Mütter" ist ein TV-Hype ohne neue Erkenntnisse und mit einem zweifelhaften moralischen Unterton, den man trotz aller ernsthaften Versuche, den Opfern die Empathie der Zuschauer zu sichern, nicht überhören kann. Er lautet, zusammengefasst: Wir Täter hatten's auch nicht leicht.

Der dritte Teil Ein anderes Land“ läuft am Mittwoch, den 20. März, 20.15 Uhr, im ZDF.

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