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Deutschland an Weihnachten: Merkel, die Schutzmantelmadonna

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Angela Merkel vor dem Weihnachtsbaum im Bundeskanzleramt. Foto: dapd
Ins Politische übersetzt, ist Kanzlerin Angela Merkel mit ihrem Programm derzeit deutlich näher an der Weihnachtsbotschaft als Bundespräsident Joachim Gauck. Die Kanzlerin inszeniert sich konsequent als Schutzmantelmadonna der Deutschen.  Von
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Friede auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen. Altertümelnd und doch vertraut klingen die Worte der Engel von Bethlehem. Frieden. Zur Zeit Jesu galt das als höchstes Glück und meistenteils als unerreichbare Verheißung. Darum setzten die Menschen der Antike solch große Hoffnung auf den Kaiser Augustus mit seiner Ideologie der „Pax Romana“. Frieden bedeutete ein Leben in Ruhe und Sicherheit.

Bald 70 Jahre nach dem Ende des Krieges in Mitteleuropa treibt uns hier die Sehnsucht nach Frieden nicht so existenziell um wie die Menschen anderer Epochen oder Weltgegenden. Geblieben aber ist uns das Verlangen nach Sicherheit. Die Euro- und Finanzkrise lässt uns den Mangel spüren. Wir stellen fest, wie schwierig es ist, sich vor dem Verlust an Sicherheit zu schützen – materiell wie emotional. In dieser Situation trifft die Weihnachtsbotschaft auf ähnlich bedürftige Hörer wie vor 2000 Jahren. Sie führt auf die Fragen: Was ist uns wichtig? Worauf wollen und können wir uns verlassen?

Die Antwort darauf muss nicht die christliche sein. „Mensch, werde wesentlich“, hat im 17. Jahrhundert der Dichter und Mystiker Angelus Silesius formuliert, „denn wenn die Welt vergeht, / so fällt der Zufall weg. / Das Wesen, das besteht.“ Nachdem die Welt nun am 21. Dezember nicht vergangen ist, dürfen wir wohl auch auf ihren weiteren Bestand hoffen. Trotzdem gilt es mit Silesius’ Worten, in all den Zufälligkeiten unseres Alltags zu dem vorzustoßen, was unser Leben trägt: die Nähe der Menschen, die wir lieben; die Verantwortung für jene, die uns anvertraut sind; die Sorge für eine Welt, die wir – und sei es auch nur im mikroskopischen Bereich – besser machen können, als sie ist.

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Das ist das Wesentliche. An Weihnachten zelebrieren wir es oder machen uns auf die Suche danach mit allerlei Ritualen, die oft sehr persönlicher Natur sind.

Als das Fest der Geborgenheit für alle Verunsicherten und Schutzbedürftigen passt Weihnachten politisch heute weit besser zu Angela Merkel als zu Joachim Gauck, auch wenn seine erste Weihnachtsansprache als Bundespräsident auffallend deutlich das Motiv von Unsicherheit und Friedenssehnsucht aufnimmt. Sonst sind Gaucks Reden meist durchdrungen vom Pathos der Freiheit, die vom Einzelnen und der Gesellschaft Mut fordert, Risikobereitschaft – also gerade die Preisgabe von Sicherheiten. Damit aber steht der Präsident gegen das Grundgefühl des Volkes. Kaum jemand sonst führt derzeit so wie er das Wort der Freiheit im Munde. Bei der Partei, der sie den Namen gibt, ist sie degeneriert zur Freiheit, den eigenen Vorsitzenden zu demontieren. Gauck ahnt offenbar die Distanz zu seinem Freiheitsideal. Er sucht sie zu verringern, indem er wieder und wieder die eigene Befreiungsgeschichte erzählt mit Mauerfall und deutscher Einheit.

Merkel dagegen, zeitweilig selbst als neue Liberale unterwegs, inszeniert sich inzwischen konsequent als Schutzmantelmadonna der Deutschen. Zum einen, weil ihr schöner Traum vom freien Spiel der (Markt-)Kräfte in bösem Erwachen geendet ist; zum anderen, weil ein Gefühl von Geborgenheit nun wirklich das Letzte sein dürfte, was die Bürger – vor die Wahl des nächsten Bundeskanzlers gestellt – mit Merkels Herausforderer Peer Steinbrück verbinden dürften. Dass Merkels CDU gegen die SPD einmal unter dem Motto „Freiheit statt Sozialismus“ angetreten war, das wirkt aus heutiger Sicht wie eine Erinnerung an das politische Pleistozän.

Jenseits des politischen Streits führt Weihnachten aber unvermutet auf einen tieferen Zusammenhang zwischen Freiheit und Sicherheit. „Du kannst nie tiefer fallen als in Gottes Hand“, lautet die Zeile eines evangelischen Kirchenlieds. Zwar ätzte schon Friedrich Nietzsche, dass die Jünger Christi viel zu unerlöst aussähen, als dass er ihrer Botschaft glauben könnte. Trotzdem ist genau das mit „Erlösung“ gemeint: die Gewissheit, dass unser Leben gut ausgeht.

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