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Europa: Nazi-Schublade für Deutsche

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Angela Merkel
Die Kanzlerin in SS-Uniform in einer griechischen Zeitung. (Bild: dpa)

Um ehrlich zu sein: So richtig gerne mag ich Kartoffeln eigentlich nicht. Mein lächerlich kleiner Vorrat fristet ganz hinten im Vorratsschrank ein trauriges Schattendasein neben kiloweise Pasta, Reis und Couscous. Mein Kartoffelkonsum ist wohl ungefähr vergleichbar mit meinem jährlichen Verzehr von Sauerkraut. Warum also gerade „Kartoffel“ und „Kraut“ meinen europäischen Freunden gerne mal als Schimpfwort für Deutsche über die Lippen geht, kann ich persönlich nicht nachvollziehen. Wenn ich es aber mit dem vergleiche, was ausländischen Journalisten und Demonstranten derzeit zu Deutschland einfällt, nehme ich doch lieber die Lebensmittel-Beschimpfungen.

Da druckt eine griechische Tageszeitung Angela Merkel in Uniform und mit Hakenkreuzbinde ab und titelt dazu in Anspielung auf den deutschen Einfluss in Sachen europäischer Sparpolitik: „Memorandum macht frei“. Doch auch die deutsche Öffentlichkeit hält sich mit Pauschalaussagen nicht zurück: So wird etwa Francesco Schettino, der Kapitän der untergegangenen „Costa Concordia“, als Parade-Italiener porträtiert. Waghalsig, immer auf „bella figura“ bedacht, nie um eine faule Ausrede verlegen. Zwei Beispiele, die zeigen, dass es schlicht einfacher ist, Menschen in eine Schublade zu stecken. Und dass diese Schublade für Deutsche leider immer noch prall mit Anspielungen auf Nazi-Zeiten gefüllt ist.

Graben zwischen europäischen Nachbarländern

Dabei geht nichts weiter an der Realität vorbei als dieser derzeit öffentlich ausgehobene Graben zwischen europäischen Nachbarländern. Das wird mir beispielsweise jede Woche auf den Erasmus-Partys meiner englischen Austauschuniversität deutlich: Da feiern Deutsche mit Griechen, Engländer mit Franzosen und Italiener mit Spaniern. Dabei erkennt man höchstens am Akzent – und vielleicht noch an den Tanzeinlagen – wer woher kommt.

Statt also die überholten Stereotypen aus der journalistischen Mottenkiste zu ziehen, sollten die Verfasser so nutzloser Überschriften lieber mal auf einen Caipirinha vorbeikommen. Vielleicht würde ich ihnen als deftige Grundlage dafür vorher sogar Kartoffelpüree mit Sauerkraut zubereiten. Die Autorin (21) gehört zum „Junge Zeiten“-Team der Redaktion Rhein-Erft. Die Mitarbeiter gestalten in ihrer Freizeit die Jugendseite des „Kölner Stadt-Anzeiger“, die jeden Donnerstag erscheint.

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