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Gastbeitrag: Entfesselte Demokraten

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Ägyptenproteste
Hundertausende protestieren gegen die Regierung Mubarak. (Bild: dpa)

Die Tatsache, dass die westlichen Regierungen sich auf die Seite der ägyptischen Freiheitsbewegung schlagen, sollte nicht verschleiern, dass sie in Wirklichkeit Angst vor jedweder Art demokratischer Bewegung haben. Befreiungsbewegungen werden trotz aller wohlfeiler Rhetorik im Westen mit Skepsis betrachtet. Denn sie bringen Unsicherheit, Dynamik und kritische Fragen - alles Dinge, die dem modernen Demokratieverständnis des Westens zuwiderlaufen.

Demokratie wird hierzulande in erster Linie als eine Regierungstechnik verstanden und umgesetzt. Direkte Beteiligung ist eher unerwünscht. Am deutlichsten ist dies auf der europäischen Ebene ausgeprägt: Hier operiert mit der EU-Kommission ein Apparat, der ohne direkte Rechenschaftspflicht gegenüber einem "europäischen Wahlvolk" auskommt.

Vergleicht man diese Demokratie westlicher Prägung mit dem, was sich in Ägypten ereignete, wird deutlich, warum es westlichen Regierungsvertretern angst und bange werden konnte. Die Sorge, in Ägypten könnten islamistische Kräfte die Demokratiebewegung missbrauchen, war ein vorgeschobenes Argument. Es trat schnell in den Hintergrund, als man sich in der Hoffnung bestätigt sah, dass die Moslembruderschaft potenzielle Ansprechpartner im Ringen um die Kontrolle der Massen sein könnten. Denn diese Massen sind es, die in den Machtzentren der Welt tatsächlich Unruhe auslösen: Sie bilden eine offenkundig unpolitische Bewegung, die einem Staatsapparat durch gewaltfreien Widerstand Paroli bot - und dies ausgerechnet in einem Land, das noch vor wenigen Wochen in einer Art politischem Wachkoma lag.

Von dieser demokratischen Bewegung ist das, was wir im Westen unter "geordneten demokratischen Verhältnissen" verstehen, nicht nur Lichtjahre entfernt - sie stellt zugleich eine Bedrohung dar, da hier reale Menschen eine spontane Dynamik verbreiten, die sich schwer kontrollieren lässt. Über Jahre hinweg wurden Konflikte in erster Linie dadurch befriedet, dass man versuchte, die Konfliktparteien voneinander fernzuhalten. Versöhnung und Verständigung schien zum Scheitern verurteilt. Dass gerade die arabische Welt das Gegenteil bewies, droht das westliche Demokratie- und Menschenbild noch stärker als ein begrenztes zu entblößen.

Die Frage lautet nun häufig, ob "Arabien Freiheit kann". Aber wer stellt diese Frage? Denn "Stuttgart 21" hin, "Wutbürger" her - was hierzulande als Ausbruch aus der politischen Lethargie gefeiert wird, ist in Wahrheit Ausdruck aktiver Politikverdrossenheit. Was Demokratie und Bürgerbewegung anbelangt, sind nicht die Araber die eigentlichen Wachkoma-Patienten - sondern wir.

Matthias Heitmann (39) ist freier Autor in Frankfurt. Neben zahlreichen politischen Publikationen und Blog-Beiträgen hat Heitmann unter anderem auch das Buch Mythos Doping verfasst.

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