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Geburtenrate: Der Staat macht keine Kinder

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In kaum einem Land bewerten so wenige Menschen die Aussicht auf Kinder intuitiv positiv. Foto: dpa
Mit Bestechung, etwa in Form von staatlichen Zuwendungen wie dem Kindergeld, können die niedrigen Geburtenraten nicht gesteigert werden. Denn es fehlt grundsätzlich die positive Deutung eines Kindes als Glücksbringer. Hier gelten sie als Risikofaktor.  Von
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Kinder gelten in Deutschland als Risikofaktor. Sie kosten Geld, behindern die Karriere, rauben Nerven, weil sie krank werden und sich im Restaurant danebenbenehmen. Zugleich hallt durch jeden Wahlkampf die hohle Parole: „Kinder sind unsere Zukunft.“ Wie in dieser Woche gibt es deshalb nach jeder Studie über den niedrigen Kinderwunsch der Deutschen eine aufgeregte Debatte, die sich um alles Mögliche dreht. Nur leider nicht um Kinder.

Zuerst sind die Frauen schuld. Sie sind zu emanzipiert oder nicht emanzipiert genug. Dann fällt jemandem auf, dass die Zahl der kinderlosen jungen Männer höher ist als die der kinderlosen Frauen. Also wird das schrumpfende Vaterland als Nächstes ihnen zum Vorwurf gemacht. Sie sind zu sehr Mann oder zu wenig Mann. Am Ende einigen sich alle darauf, dass der Staat schuld ist. Wie immer.

Spätestens hier wird es entlarvend. Vom Kindergeld bis zur Beitragsfreiheit in der gesetzlichen Krankenkasse gibt es Tausende Maßnahmen, um Familien zu helfen. Natürlich kann immer noch mehr geholfen werden, aber die grundsätzliche Herausforderung kann der Staat niemandem nehmen: Kinderkriegen ist mit Risiken verbunden, mit Stress, mit Logistik – um nur die deutschen Luxusprobleme zu nennen, die Abermillionen Eltern auf der Welt gern hätten. In Deutschland werden nur knapp 1,4 Kinder pro Frau geboren. In den USA, die für soziale Wohltaten nicht berühmt sind, sind es 2,1. Das zeigt: Wir werden die Geburtenrate nicht durch staatliche Bestechung aufbessern.

Kinder gelten hierzulande als Hindernis

Die neue Studie des Bundesinstituts für Bevölkerungsforschung widmet sich denn auch einem ganz anderen Faktor: dem Glück. In kaum einem Land bewerten so wenige Menschen die Aussicht auf Kinder intuitiv positiv. Nicht einmal jeder Zweite zwischen 18 und 50 glaubt, dass ein Baby die Lebensfreude steigern könnte. Kinder gelten hierzulande als Hindernis, nicht als Startblock fürs Glück. Diese Erkenntnis kann man mit allerlei Zahlen und Daten versuchen zu rationalisieren. Im Kern ist die Entscheidung für oder gegen Kinder in der Ersten Welt im 21. Jahrhundert aber eine emotionale – und persönliche. Es ist das Recht jedes Einzelnen, nicht Mutter oder Vater zu werden, selbst dann, wenn es möglich wäre. Wir sind zum Glück niemandem Rechenschaft über unsere Lebensplanung schuldig.

Interessant ist aber, dass offenbar viele bei ihrer Entscheidung gegen Familie ein schlechtes Gewissen haben. So lässt sich erklären, dass laut der Studie zwei Drittel der westdeutschen Frauen ihre Kinderlosigkeit mit den hohen Erwartungen an die Mutterschaft begründen, die sie eh nicht erfüllen könnten – und deshalb ganz vermeiden. Wer dieses vorgeschobene Argument ernst nimmt, sollte einfach gar nicht mehr aufstehen. Die Welt ist voller Erwartungen, die man kaum erfüllen kann, im Beruf ebenso wie in der Partnerschaft. Vielleicht steckt in unserer Gesellschaft eben doch zu viel „german angst“, dieses Gefühl, dass alles schlechter wird und jede Bewegung riskant ist. Vermutlich sind viele auch Egoisten oder zu feige, Freiheit und Flexibilität aufzugeben und Verantwortung für andere zu übernehmen.

Am wahrscheinlichsten ist aber, dass wir uns angewöhnt haben, Kinder vor allem mit Problemen zu verbinden – und eben nicht mit dem Gefühl, wie viele Probleme in der Umarmung unwichtig werden, die man nur durch die vorbehaltlose Zuneigung eines Kindes spüren kann. Klingt kitschig, ist aber so. Für mehr Kinder mangelt es hier nicht an Geld. Sondern an Liebe.

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