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Gewachsenes Armutsrisiko: Not ist kein Randproblem

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Eine Essensausgabe für Bedürftige Foto: dpa
In unserer Wohlstandsgesellschaft wächst das Risiko, arm zu werden. Arm ist hier natürlich im vergleich zu Entwicklungsländern relativ, doch bedeutet sie hier oft eher gesellschaftliche Ausgrenzung. Die Ursachen sind vielfältig, eine sind zu geringe Löhne.  Von
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Der Slogan früherer Jahrzehnte hat an Strahlkraft eingebüßt. In den 60er Jahren galt die Bundesrepublik als Wohlstandsgesellschaft, in der die große Mehrheit der Bevölkerung sorgenfrei leben und optimistisch in eine noch bessere Zukunft blicken konnte. Not war ein Randproblem. Dieses Bild hat sich verändert, wie die immer zahlreicher werdenden Studien zum Thema Armut zeigen.

Natürlich ist die Bundesrepublik in der Summe weiter eine Wohlstandsgesellschaft. Aber die komfortabel ausgestattete Mittelschicht nimmt ab. Die Aufstiegschancen sind geringer geworden. Manches große Vermögen wächst weiter, und gleichzeitig nimmt die Zahl derer zu, die armutsgefährdet sind. Die Schere geht auseinander. Armut rückt vom Rand der Gesellschaft in Richtung Mitte. Immer mehr Menschen sind betroffen. Jeder siebte Bundesbürger gilt inzwischen als armutsgefährdet. Für eine der stärksten Wirtschaftsnationen ist das erschreckend.

Armut ist ein relativer Begriff. In Industrienationen leben Arme materiell bessergestellt als Menschen mit kleinen Einkommen in Entwicklungsländern. Dafür leiden sie oft eher unter gesellschaftlicher Ausgrenzung. Das ist nicht minder schmerzlich als Einkommensarmut.
Ob diese angemessen definiert wird durch die in Europa übliche Messlatte, ist diskussionswürdig. Demnach gilt als arm, wer in seinem Land über weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens verfügt. Die Mitte ist für die Statistiker nicht der Durchschnittswert, sondern eine Linie, oberhalb der 50 Prozent der Einkommen liegen und darunter die anderen 50. Wächst die obere Gruppe, steigt also automatisch die Armutsschwelle. Damit werden Menschen rechnerisch arm, die es bisher nicht waren und deren Situation unverändert ist.

Strukturell angelegte Armut

Es gibt aber auch Indizien, die eindeutig belegen, dass Armut ein nicht zu leugnendes Problem ist. Dafür steht die hohe Zahl von Hartz-IV-Beziehern, das enorme Armutsrisiko Alleinerziehender und vor allem ihrer Kinder. Verdoppelt hat sich die Zahl der älteren Menschen, deren Rente so gering ist, dass sie zusätzlich staatliche Hilfe benötigen. Diese Grundsicherung beziehen zwar nur 2,5 Prozent der Rentner. Aber selbst der wissenschaftliche Beirat des Wirtschaftsministeriums, der in dieser Woche nichts von wachsender Altersarmut wissen wollte, schließt eine Verdoppelung langfristig nicht aus.

Die Ursachen für zunehmende Armut sind vielfältig. Deshalb ist an mehreren Stellschrauben zu drehen. Alleinerziehenden helfen am ehesten mehr Kita-Plätze und der Ausbau des Ganztagsschulbetriebs. Dann können sie in Vollzeit arbeiten. Die meisten Alleinerziehenden sind Frauen. Sie sollten dann auch wie ihre männlichen Kollegen bezahlt werden.

Sozialpolitisch ist nicht akzeptabel, dass Vollzeitkräfte mitunter Löhne bekommen, die zum Leben nicht reichen. Hier ist Armut strukturell angelegt. Politik und Tarifparteien müssen solche Auswüchse der eigentlich richtigen Reformen auf dem Arbeitsmarkt beseitigen. Damit würden sie auch dafür sorgen, dass Armut im Alter nicht so wächst, wie es zu befürchten ist. Denn höhere Einkommen sorgen für bessere Renten. Die Parteien sollten zudem im Kampf gegen Altersarmut ihren Wettlauf um immer neue Modelle einstellen und sich auf Bewährtes besinnen: Etwa die in den 90er Jahren abgeschaffte Rente nach Mindesteinkommen wieder einführen.

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