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Gezi-Park: Erdogan muss Demokratie lernen

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Die Demonstranten vom Gezi-Park verweisen mit Flaggen auf das Erbe des Staatsgründers Kemal Atatürk. Foto: AFP
Es gab Zeiten, da galt Tayyip Erdogan als weltoffener Reformer. Doch kaum regt sich Kritik, mutiert er zum autoritären Führer. Noch hat er es in der Hand, den Konflikt nicht auf die Spitze zu treiben. Er muss es nur wollen. Anstoß, der Kommentar.  Von
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Wer die Website der türkischen Regierungspartei AKP anklickt, sieht als erstes Recep Tayyip Erdogan. Jovial die Arme ausbreitend steht er vor einer bunten Gruppe meist jüngerer Frauen, mehrheitlich ohne Kopftuch. Von ihnen kann man sich einige gut unter den Demonstranten vorstellen, die der Ministerpräsident gerade in Istanbul und anderswo niederknüppeln lässt. Dass er einmal als durchaus weltoffener Reformer galt – diese Seite seiner politischen Persönlichkeit mag der starke Mann am Bosporus offenbar immer noch nicht vollständig vergessen machen. Aber es fällt immer schwerer, sie ihm abzunehmen.

Dieser autoritäre Zug verbindet Erdogan übrigens mehr als ihm bewusst sein dürfte, mit Kemal Atatürk, dem Vater der modernen weltlichen Türkei, die er in ein islamisches Gewand kleiden möchte. Derlei Autoritarismus ist populär in der Türkei. Nach wie vor. Auf jeden Fall mehr, als die Tränengas verhangenen Bilder nahe legen, die wir täglich in den Medien wahrnehmen. Demokratie und Toleranz sind zarte Pflanzen in diesem so dynamisch sich entwickelnden Land. Diktatur und Gewaltanwendung haben Tradition im politischen Leben der Türkei. Auch dass eine Opposition sich so friedlich erhebt wie die überwiegend jungen Menschen im Gezi Park, ist keineswegs selbstverständlich.

Haben wir es nach der „Arabellion“ nun mit dem Beginn eines „1968“ oder eines „1989“ in der islamischen Welt zu tun? So könnte ihr die Türkei auf ganz andere Weise zum Vorbild werden, als Erdogan das einst propagiert hat. Auf jeden Fall tut sich ein Konflikt auf zwischen Alt und Jung, zwischen Stadt und Land, zwischen Moderne und Tradition. Noch hat Erdogan es in der Hand, ihn nicht auf die Spitze zu treiben. Er muss es nur wollen. Andernfalls stehen der Türkei lange und harte Auseinandersetzungen bevor, in denen er als Sieger keineswegs feststeht.

 

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