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Grossbritannien: Die Queen ist toll, Olympia egal

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Pomp, Regen, Fähnchen und Trompeten: Glücklich ein Land, dass sich in harten Zeiten selber feiern kann. Den leidgeplagten Nachbarn auf dem Kontinent haben die Briten derzeit eines voraus. Sie finden in quälender wirtschaftlicher Unsicherheit Zerstreuung in zwei rauschenden Sommer-Partys: dem Diamantenen Thronjubiläum der Queen, das am Dienstag nach vier Tagen mit einer Kutschenparade seinen Abschluss findet; und in den Olympischen Sommerspielen, die in sieben Wochen beginnen.

Aus der Ferne betrachtet, könnte man verleitet sein, in der kombinierten Herrlichkeit der beiden Lustbarkeiten, Jubiläum und Olympia, ein einziges großes Insel-Happening zu erkennen. Spötter sprechen von den „Jubilympics“. Der Premierminister jedenfalls hat die Hoffnung geäußert, das Festjahr 2012 könne zeigen, warum Großbritannien zurecht das Adjektiv „groß“ im Namen trägt.

Doch zu glauben, dass die beiden Ereignisse dasselbe Hochgefühl auslösen, hieße die Stimmung im Land zu verkennen. Die Briten haben zu Ehren der Queen in dieser Woche landesweit zweittausend Kilometer an Girlanden aufgehängt, die Supermarktkette Tesco vermeldete einen Rekordverkauf von zwei Millionen Champagnerflaschen, und 1,2 Millionen durchweichte Menschen sahen in London am Themse-Ufer bei strömendem Regen der königlichen Flottenparade zu. Im Gegensatz dazu spielen die Olympischen Sommerspiele in der öffentlichen Wahrnehmung keine große Rolle – sieht man vom Ärger über die Ticketzuteilung sowie unverschämte Streikdrohungen von Bahngewerkschaften ab.

Regelmäßig wiederkehrendes Ritual

So hat es den Anschein, als könnten sich die Briten in der Wirtschaftsrezession ausgerechnet für ein Thronjubiläum mehr erwärmen als für die Sommerspiele. Das ist in sofern schwer verständlich, als sich bei dem royalen Tamtam technisch um nichts anderes als um ein regelmäßig wiederkehrendes Ritual zur Zementierung eines ererbten Machtanspruches handelt. Ein Sportfest ist seiner Definition nach demokratischer, weniger elitär. Und trotzdem ist paradoxerweise die Monarchie, die in entbehrungsreichen Zeiten den Nerv des Volkes trifft.

Das hat mehrere Gründe. Zum einen hat Königin Elizabeth II. mit 86 Jahren ein Alter erreicht, in dem sie sich der Verehrung gewiss sein kann. Die meisten heute lebenden Briten haben nie ein anderes Staatsoberhaupt erlebt. Gemeinsam mit dem 90-jährigen Prinz Philip gilt sie als Nationalheiligtum.

Wichtiger aber ist, dass das Königshaus über die Jahrhunderte eine feine Antenne für die Stimmung im Land entwickelt hat. Elizabeth II. ist seit 60 Jahren ein Vorbild an moralischer Integrität, eisernem Pflichtbewusstsein und Durchhaltekraft. Von allen bunten Bildern desJubiläums-Spektakels wird vermutlich jenes in Erinnerung bleiben, wie die Monarchin am Sonntag vier Stunden lang bei acht Grad und Dauerregen im Stehen die Schiffsparade abnahm. Sie hat sich nicht einmal hingesetzt, keine Tasse heißen Tee verlangt und sich, als einzige Konzession ans Wetter, nur einen weißen Schal um die Schultern gelegt. Ihr Diamantenes Jubiläum selbst war für die Steuerzahler eine relativ preiswerte Angelegenheit. Fackeln wurden entzündet, Straßenfeste organisiert, die Flotte war durch private Spenden finanziert, und vor dem Buckingham-Palast gab es ein öffentliches Konzert. In der Kunst, notfalls ein Maximum an Prachtentfaltung mit einem Minimum an Neuausgaben zu erzeugen, ist das britische Königshaus in der europäischen Geschichte unübertroffen: Die notwendigen Pferde und Goldkuschen stehen ja bereits im Stall.

Olympia - ein rücksichtsloses Spektakel

Die modernen Olympischen Spiele hingegen, ein Sport- und Marketingspektakel, nehmen auf nichts Rücksicht - schon gar nicht auf den Verschuldungsgrad des Gastgeberlandes. Das Internationale Olympische Komitee, ein nicht demokratisch legitimiertes Gremium, ist niemandem verantwortlich, auch wenn der britische Staat 11,4 Milliarden Euro allein für neue Sportstätten verbaut. Mit leichtem Befremden hat die britische Öffentlichkeit zur Kenntnis genommen, dass die Olympische Familie sich in London eigene Fahrspuren reservieren lässt, während die Gastgeber sich in die U-Bahnen quetschen. Und dass vorgegeben ist, mit welcher Kreditkarte eines Exklusiv-Sponsors die Zuschauer ihre Eintrittskarten kaufen dürfen. Im Gegensatz zu den Windsors, so scheint es, regiert das IOC noch absolut.

Die Ironie besteht darin, dass auch Olympia einst ein hochflexibles Sportfest war. Die Nachkriegsspiele 1948 in London wurden mit Rücksicht auf die Knappheit vonGeld, Lebensmitteln und Unterkünften organisiert. Seitdem ist Olympia expandiert, während die Monarchie auf der Insel sich in jeder Beziehung einschränkte. Auch für diese Leistung feiert das Land die Queen mit etwas mehr Herzlichkeit.

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