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Heilige Messe: Wie viele Menschen erlöst Jesus?

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Papst Benedikt
Papst Benedikt.

Richtig oder falsch – das ist eine unbestreitbar wichtige Unterscheidung. Auf die Frage aber, ob sie auch beim Beten eine Rolle spielt, muss man erst mal kommen. In der deutschen katholischen Kirche wird das gerade heiß diskutiert: Papst Benedikt XVI. hat nämlich ultimativ verlangt, die Bischöfe müssten einen Gebetstext ändern – nicht irgendeinen, sondern die Worte Jesu beim letzten Abendmahl. Der Priester spricht sie in jeder Messe. An der wichtigsten Stelle also, sozusagen im Allerheiligsten der Eucharistiefeier, sollen die Wandlungsworte über den Kelch mit Wein künftig lauten: „mein Blut, das für euch und für viele vergossen wird zur Vergebung der Sünden“. Seit 1970 hatte es hingegen in der offiziellen Übersetzung des lateinischen Messbuchs „für alle“ geheißen.

Viele – das sind im Deutschen zweifellos weniger als alle. Genau darum dreht sich der Konflikt. Denn die Formel „für alle“ bringt eine ebenso entscheidende wie umstrittene Lehre des Zweiten Vatikanischen Konzils (1962 bis 1965) auf den Punkt: Die durch Jesus Christus gewirkte Erlösung gilt der ganzen Menschheit, nicht nur den Getauften oder gar ausschließlich den Mitgliedern der römisch-katholischen Kirche. Reaktionäre Splittergruppen haben diesen „Heilsuniversalismus“ stets bekämpft und als Häresie gebrandmarkt. Auf deren Internetplattformen brach prompt der Jubel los, kaum dass die Entscheidung des Papstes ruchbar geworden war. Da die Reintegration der erzkonservativen Piusbruderschaft in die katholische Kirche, ein erklärtes Ziel Benedikts, kurz bevorzustehen scheint, wirkt sein Brief an die deutschen Bischöfe just zu diesem Zeitpunkt so, als wedelte er freundlich nach rechts.

Dabei dringt der Vatikan schon seit längerem auf die Neufassung des Messtextes. Nachdem die deutschen Bischöfe jahrelang auf Zeit gespielt haben, greift nun das katholische Basta – auf gut Kirchenlateinisch: Roma locuta, causa finita. Entsprechend schmallippig fiel die Reaktion von Erzbischof Robert Zollitsch auf den Brief aus Rom aus: wichtiger Impuls, wertvoller Beitrag. Doch klar ist: Die Bischöfe können sich nicht länger winden, sie werden jetzt liefern müssen. Zieldatum: Advent 2013. Dann soll das katholische Gesang- und Gebetbuch „Gotteslob“ in revidierter Form erscheinen – und natürlich die vom Papst angeordnete Neuübersetzung des Messtextes enthalten.

Bruch im Zentrum des Heiligen

Ärger droht in den Gemeinden schon jetzt: Wenn Pfarrer X die noch gültige Variante „für alle“ betet, Mitbruder Y hingegen schon die künftige Version „für viele“ in den Messtext mogelt, wird das schnell zum „widersinnigen Lackmustest auf Rechtgläubigkeit stilisiert“ werden, kritisiert der Münsteraner Theologe Klaus Müller. Über Brisanz und Folgen seiner Entscheidung ist sich der Papst durchaus im Klaren: „Für den normalen Besucher des Gottesdienstes erscheint dies fast unvermeidlich als Bruch mitten im Zentrum des Heiligen. Sie werden fragen: Ist nun Christus nicht für alle gestorben? Hat die Kirche ihre Lehre verändert? Kann und darf sie das? Ist hier eine Reaktion am Werk, die das Erbe des Konzils zerstören will? Den Leuten solche Zweifel auszutreiben und ihnen „so bald wie möglich“ die päpstliche Lesart beizubiegen, das sei nun seine „dringendste Bitte“ an die Bischöfe, bescheidet Benedikt die „lieben Mitbrüder“.

Tatsächlich entspricht die Formulierung Jesu, sein Blut werde „für viele“ vergossen, dem Wortlaut der Bibel. Sich so exakt wie möglich an das Original zu halten, ist für den Papst ein Gebot nicht nur der Text-, sondern auch der Glaubenstreue. Philologisch stimmen die Theologen ihrem früheren Kollegen Joseph Ratzinger zu. Auch die wissenschaftlichen Bibelübersetzungen geben die betreffende Vokabel mit „viele“ wieder. Trotzdem sei das in der Sache nicht die angemessene Wiedergabe, sagt der Bochumer Neutestamentler Thomas Söding. „Viele Menschen“, das bedeutet im Deutschen, „eine ganze Menge“, aber halt längst nicht alle. Ganz anders in der Welt Jesu: Dort bezeichnete der Ausdruck „viele“ eine unübersehbare, unzählig große Schar – mithin „alle“.

Das mag ja alles stimmen, entgegnet der Papst. Doch so „wohl begründet“ diese Interpretation „war und bleibt“, sie sei eben doch schon freie Auslegung und nicht mehr nur die reine Übersetzung. Man kann diese Unterscheidung für künstlich halten. Doch verbindet sich hier die persönliche Jesus-Spiritualität des Papstes mit einem kirchenpolitischen Zeitgeist, der von autoritärer Straffung und Fixiertheit auf Rom geprägt ist: Was richtig ist, bestimmt der Vatikan.

Die Bischöfe haben nun den Schwarzen Peter: Sie müssen das, was sie sprachlich verändern, in Predigt und Katechese wieder zurücknehmen. „Eine unsinnige Schlacht“, sagt der Münsteraner Theologe Klaus Müller. Wenn doch am Ende herauskommen soll, dass Jesus „für alle“ Menschen gestorben und auferstanden ist, dann wäre es am besten, das wie bisher auch so zu sagen.

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