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Katholische Kirche : Meisners Entscheidung ist ein Affront

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Joachim Kardinal Meisner. 
Der Papst spricht von Veränderungen und Reformen. In Köln sieht Kardinal Meisner aber keine Notwendigkeit, darüber zu sprechen. Dass er den „geistlichen Gesprächsprozess“ streichen will, widerspricht jedem Reformgeist. Anstoß, der Kommentar.  Von
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Vor schwierige Fragen gestellt, gerät das Offensichtliche manchmal zuallerletzt in den Blick. Dann aber erscheint es urplötzlich als das Zwingende schlechthin. Über den Kurs der katholischen Kirche in der Welt von heute können Kleriker, Theologen und Laien sich scheinbar unaufhörlich ereifern. Was nun der neue Papst wenige Tage vor seiner Wahl dazu gesagt hat, ist von so frappierender Klarheit und so einnehmendem Charme, dass sich so manche Debattenteilnehmer beschämt fragen müssen: Warum haben wir das nicht längst auch so gesehen?

Die Kirche, sagt Jorge Mario Bergoglio, krankt an Selbstbezogenheit und Narzissmus. Statt um sich selbst zu kreisen, müsse sie aus sich herausgehen an die Grenzen der menschlichen Existenz, die Grenzen „des Mysteriums der Sünde, des Schmerzes, der Ungerechtigkeit, der Ignoranz, der fehlenden religiösen Praxis, des Denken“ - kurz: an die Grenzen jeglichen Elends.  „Die um sich selbst kreisende Kirche glaubt – ohne dass es ihr bewusst wäre -, dass sie ihr eigenes Licht hat.“ Sie gebe dem Übel der „geistlichen Mondänität Raum“ und lebe nur, „damit die einen die anderen beweihräuchern“.

Diese Sätze haben im Präkonklave Eindruck hinterlassen bei den Kardinälen, weil Bergoglio sie mit einem biblisch gestützten und geistlich motivierten Ansatz schonungslos vor die Alternative kirchlicher Existenz stellt: „Es gibt die verkündende Kirche, die aus sich selbst herausgeht; und die mondäne Kirche, die in sich, von sich und für sich selbst lebt.“

Auf welcher Seite sich der neue Papst sieht und für welche Gestalt von Kirche er eintritt, wird  allein schon aus der Tatsache deutlich, dass er die Mitschrift seiner Kurzansprache mit ausdrücklicher Billigung zur Publikation freigegeben hat: Offensichtlich versteht der Papst den Text als Blaupause für sein Regierungsprogramm. Statt seinen Interpretationsschlüssel für Veränderungen und Reformen der Kirche zu verstecken und im erlauchten Kreis einer Hundertschaft von Kardinälen zu belassen, können nun alle Gläubigen, ja alle „Menschen guten Willens“ – wie es in päpstlichen Verlautbarungen gern heißt - daran teilhaben.

Franziskus macht so den Nachteil wett, den er gegenüber seinem Vorgänger Benedikt XVI. hatte. Als Kardinaldekan konnte Joseph Ratzinger vor seiner Wahl zum Papst mehrfach aufzeigen, wofür er als Pontifex stehen würde. Seine Kampfansage an die „Diktatur des Relativismus“ formulierte Ratzinger wenige Stunden vor dem Einzug der Kardinäle ins Konklave.

Gerade im Vergleich tritt Bergoglios Rede noch stärker hervor als das, was sie sein soll: ein Perspektivenwechsel. Ratzinger geißelte die Verderbtheit der säkularen Welt und sah die Kirche in dramatischer Weise den Bedrohungen durch alle möglichen „Ismen“ ausgesetzt: Eine ganze Kaskade „vom Marxismus zum Liberalismus bis hin zum Libertinismus, vom Kollektivismus zum radikalen Individualismus, vom Atheismus zu einem vagen religiösen Mystizismus, vom Agnostizismus zum Synkretismus“ ließ der spätere Papst 2005 über seine Zuhörer hinwegrauschen.

Bergoglio dagegen richtet den Blick darauf, wo die Kirche sich selbst und ihrer Botschaft im Weg steht. „Die egozentrische Kirche beansprucht Jesus für sich drinnen und lässt ihn nicht nach außen treten.“

Es wäre unfair, Benedikt als den – in Bergoglios Terminologie – Chef-Narzissten der Kirche abzustempeln, der mit glaubwürdiger und vernehmlicher Verkündigung des Evangeliums nichts im Sinn gehabt hätte. Und falsch wäre es auch, zu glauben, Papst Franziskus könnte dem Ruf seines Vorgängers zur „Entweltlichung“ der Kirche nichts abgewinnen könnte. Vielmehr schließt er mit der Formel von der „mondänen Kirche“ auch begrifflich an seinen Vorgänger an. Aber die Akzentuierung ist eine andere.

Bergoglios „Entweltlichung“ nimmt seinen Ausgangspunkt nicht bei den Defiziten der säkularen Welt und ihren Einflüssen auf die Kirche, sondern gleichsam bei einer psychiatrischen Diagnose innerkirchlicher Pathologien, die er im Wort „Narzissmus“ zusammenfasst. Nach seinen ersten Auftritten und der Festmesse zu seiner Amtseinführung liegt der Gedanke nahe, dass der Papst einen überästhetisierten, in liturgischen Luxus verliebten Gottesdienst auch als Merkmal der „mondänen Kirche“ versteht, die „in sich, von sich und für sich lebt“. Das erklärt dann auch unmittelbar, warum er so ostentativ auf prächtige Gewänder und Accessoires verzichtete.

Im „Rom des Nordens“ bleibt es beim alten Stiefel

Während nun der neue Stil in Rom zunehmend Kontur gewinnt, bleibt es im „Rom des Nordens“ beim alten Stiefel: Das Erzbistum Köln steigt aus dem Dialogprozess aus, mit dem die Bischofskonferenz 2010 auf die Krise des Missbrauchsskandals reagierte. Das zeitliche Zusammentreffen könnte symbolträchtiger nicht sein. Der Papst spricht von Veränderungen und Reformen. In Köln aber sieht Kardinal Meisner keine Notwendigkeit, darüber zu sprechen.

Gewiss, einige der „Reizthemen“, derer Meisner erklärtermaßen überdrüssig ist, haben etwas vom Narzisstisch-Selbstbezogenen, das der Papst beklagt. Aber viele Katholiken, die für stärkere Mitsprache von Laien, für Frauen in den Ämtern, für eine veränderte Sexualmoral eintreten, verbinden damit doch auch die Erwartung einer größeren Glaubwürdigkeit und Lebensdienlichkeit der kirchlichen Verkündigung. Darum ist es ein Affront, den angekündigten „geistlichen Gesprächsprozess“, dem die kirchenpolitischen Zähne ohnehin schon weitgehend gezogen worden waren, nun ganz und ersatzlos zu streichen.

Andererseits lässt sich Meisners Entscheidung auch als ein Schritt der Ehrlichkeit verstehen: Es kommt ihm und seinen Vertrauten eben nicht darauf an, was die Katholiken im Erzbistum denken und wünschen. Und schon gar nicht würde er es sich zu eigen machen wollen. Stattdessen soll der „Eucharistische Kongress“, Meisners Lieblingsprojekt zum Ende seiner offiziellen Amtszeit, zur Demonstration jener Katholizität werden, für die sein Herz schlägt: innerlich, andächtig, dem Lehramt treu. Nichts gegen Andacht und Gebet! „Unser Christsein wird heute nur in zweierlei bestehen“, hat schon Dietrich Bonhoeffer 1944 formuliert und als erstes – das Beten genannt. Aber dann hat er als zweites das „Tun des Gerechten unter den Menschen“  hinzugefügt. Wie die Kirche dafür am besten eingestellt und gerüstet ist, darüber müsste ein Bischof ständig mit dem Kirchenvolk Gespräche führen. Und keine Dialoge absagen.  

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