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Kommentar: Augstein — Im Zweifel ahnungslos

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Jakob Augstein, Journalist und Verleger. Foto: dpa
Man fragt sich, was Jakob Augstein die Prominenz verschafft, zu den zehn Wortführern des Antisemitismus gerechnet zu werden. Reicht es an die Muslimbrüder heran, an Fakten wenig orientierte Besinnungsprosa zu schreiben? Anstoß, der Kommentar  Von
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Jährlich veröffentlicht das Simon-Wiesenthal-Center in Los Angeles die Urheber der schlimmsten antisemitischen Zitate der vergangenen zwölf Monate. Für 2012 findet sich auf dieser traurigen und, man muss wohl sagen, ziemlich willkürlichen und deshalb fragwürdigen Hitliste auch der deutsche Journalist Jakob Augstein wieder. Er nimmt den neunten Rang ein; vor ihm liegen der iranische Präsident Mahmud Ahmadinedschad und, auf Platz eins, die ägyptischen Muslimbrüder. Was hat der nach eigener Einschätzung „im Zweifel linke“ Augstein verbrochen, um mit diesen Zeitgenossen in eine Reihe gestellt zu werden?

Für den Rabbiner Abraham Cooper, der die Liste beim Wiesenthal-Center erstellt, hat Augstein die Grenze der drei „D“ überschritten, die zwischen Israelkritik und Antisemitismus verläuft: Doppelter Standard bei der Beurteilung Israels im Vergleich zu anderen Ländern, Dämonisierung und Delegitimierung Israels. So hatte Augstein in seiner Kolumne auf „Spiegel Online“ Günter Grass applaudiert, der in seinem Gedicht „Was gesagt werden muss“ von einem atomaren Erstschlag Israels gegen den Iran fabuliert. Überhaupt setzt sich Augstein häufig und, wie er findet, kritisch mit Israel auseinander, wobei sich seine Einsprüche mitunter durch Ahnungslosigkeit disqualifizieren. So schreibt er am 19. November 2012 über „Ultraorthodoxe oder Haredim“: „Diese Leute sind aus dem gleichen Holz geschnitzt wie ihre islamistischen Gegner. Sie folgen dem Gesetz der Rache.“

Keine Bombenleger

Nun mögen Haredim mit ihren Stirnlocken, Bärten und der mittelalterlichen Kleidung in Augsteins Augen vielleicht rückständig wirken – Bombenleger sind diese äußerst frommen Juden ganz sicher nicht. Sie gehen oft nicht einmal zum Militär, und einen Staat Israel kann es für viele von ihnen erst geben, wenn der Messias erscheint. Den sehen sie in Netanjahu eher nicht. Indem er sie alle in einen Topf wirft, die Haredim, die Ultraorthodoxen, die Islamisten, bedient Augstein ein auch im linken Milieu gepflegtes Klischee, wonach in jedem Strenggläubigen ein Gotteskrieger steckt. Ob das gleich antisemitisch ist?

Die Debatte darüber jedenfalls verlässt, wie so häufig beim Thema Antisemitismus, den Boden des Rationalen. So bezeichnet der Journalist Henryk M. Broder Augstein als „Dreckschleuder“ und „Überzeugungstäter“, „der nur dank der Gnade der späten Geburt um die Gelegenheit gekommen ist, im Reichssicherheitshauptamt Karriere zu machen.“ Während sich Augstein einer Verschwörung von Fundamentalisten gegenübersieht und damit Antisemitismus zumindest befördert, packt Broder reflexhaft die Nazi-Keule aus. Neben der Spur sind beide.

Bei alldem aber fragt man sich, was Augstein die Prominenz verschafft, zu den zehn Wortführern des Antisemitismus gerechnet zu werden. An Fakten wenig orientierte Besinnungsprosa zu schreiben, reicht das an Ahmadinedschad und die Muslimbrüder heran? Der eine will immerhin die iranische Atombombe bauen, Letztere regieren Ägypten und hetzen seit Jahrzehnten gegen Israel. Man sollte das Wort Antisemitismus nicht vorschnell gebrauchen, das entwertet seine Brisanz.

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