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Kommentar: Das Relikt Lukas Podolski

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Lukas Podolski beim Training.  Foto: dpa
Lukas Podolskis große Zeit im Elitezirkel des deutschen Fußballs scheint mit nur 27 Jahren vorbei zu sein. Dieser rapide Bedeutungsverlust geht einher mit einem atemberaubenden Zuwachs ernsthafter Konkurrenten.  Von
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Köln

Es ist gut möglich, dass der Fußball-Profi Lukas Podolski am Dienstagabend in Nürnberg sein 109. Länderspiel für Deutschland absolvieren und auf Platz drei der ewigen Rangliste vorrücken wird – hinter Lothar Matthäus (150 Länderspiele) und Miroslav Klose (126), aber vor allen anderen, die jemals das Trikot mit dem Adler auf der Brust getragen haben. Das ist eine fantastische Bilanz, die aber nichts daran ändert, dass Lukas Podolskis große Zeit im Elitezirkel des deutschen Fußballs vorbei ist. Mit 27 Jahren.

Man mag das beklagen oder nicht, die Fakten sprechen hier eine brutale Sprache. 25 Länderspiele hat der Stürmer in den letzten beiden Jahren absolviert, in 21 davon wurde er eher früh aus- oder eher spät eingewechselt. Spuren hat Podolski in diesen Spielen kaum hinterlassen. Zwei Treffer und ein Assist in zwei Jahren sind gemessen an seinem ehemaligen Schnitt von 0,5 Toren pro Länderspiel eine erschreckende Quote. Dass er in dieser Zeit nur eine Vorlage gab zum Tor eines Mitspielers, macht den Trend noch deutlicher.

Dieser rapide Bedeutungsverlust geht einher mit einem atemberaubenden Zuwachs ernsthafter Konkurrenten. Zunächst schien nur der Leverkusener André Schürrle eine Bedrohung für Podolskis Stammplatz auf der linken Angriffsseite. Inzwischen wurde der Leverkusener als Herausforderer abgelöst von Marco Reus und, je nach taktischer Ausrichtung, Mario Götze. Aber damit nicht genug.

Als alle diese Spieler in Kasachstan wegen Formschwäche (Schürrle), Sperre (Reus) und anderer Aufgaben (Götze) nicht in Frage kamen, ließ Bundestrainer Joachim Löw den Schalker Julian Draxler von Beginn an spielen. Und wenn sich der 19-Jährige nicht eine Gehirnerschütterung zugezogen hätte, wäre Podolski kaum in den Genuss von 71 bedeutungslosen Minuten im Dress der DFB-Elf gekommen.

Der Wechsel vom geliebten, aber ihn sportlich jahrelang stark unterfordernden 1. FC Köln zum vermeintlichen Weltklub FC Arsenal mit dem Supertrainer Arsène Wenger schien noch einmal eine Chance für Podolski, fußballerisch in eine neue Dimension vorzudringen. Es scheint, als habe sie getrogen. Der Rheinländer ist im Norden Londons zwar beliebt, darf angemessen spielen und auch Tore erzielen.

Aber Arsenal gehört schon lange nicht mehr zu den englischen Top-Vereinen. Und Wenger nutzt für seine Zwecke nur Podolskis jedem bekannte Spezialfähigkeiten - die Schnelligkeit und den fantastischen linken Fuß. Eine Umerziehung oder Weiterentwicklung ist nicht zu beobachten.

Man braucht schon sehr viel Fantasie, um für diesen Spieler einen Weg zurück in die sportliche Unverzichtbarkeit unter Joachim Löw zu sehen. Lukas Podolski war ein Phänomen, als er in einer Zeit der Depression und spielerischen Armut zum deutschen Idol aufstieg und die Massen bei der WM 2006 begeisterte. Er ist sich und seinem geradlinigen Fußball, der nur mit Toren und Vorlagen einen Sinn ergibt, so treu geblieben, dass es eine Freude wäre, wenn die Zeit nicht die Angewohnheit hätte, fortzuschreiten.

So jedoch wirkt Lukas Podolski wie ein fröhliches Relikt, das seine Länderspielstatistik aus purer Gewohnheit durch Kurzeinsätze immer weiter in die Höhe treiben kann. Das ist nicht schlimm, aber es ist des Spielers, den wir einst in ihm gesehen haben, auch nicht würdig.

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