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Kommentar: Die Palästinenser, das vergessene Volk

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Palästinenserpräsident Mahmud Abbas Foto: afp
Die Lösung der Palästina-Frage, angeblich doch die Mutter aller Fragen im Mittleren Osten, war nie so uninteressant wie heute. Nun hat Präsident Abbas mit dem Verzicht aufs „Rückkehrrecht“ seiner Familie etwas sehr Mutiges getan. Ein Kommentar.  Von
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Was ist eigentlich aus den Palästinensern geworden? Der über Jahrzehnte medial am stärksten beobachtete Konflikt - der zwischen Israelis und Palästinensern - ist aus dem Fokus gerutscht. Und damit die Palästinenser. Der Kampf um einen eigenen Staat ebenso wie die Unterdrückung durch ihre eigenen Führer hätte sie für einen Frühling besonders prädestiniert. Doch der Arabische Frühling ist ausgerechnet an ihnen vorübergegangen.

Die verfassungsgemäßen Wahlen sind seit bald vier Jahren überfällig. Die Hamas-Diktatur in Gaza ist intakt. Frauen merken es täglich, die Jugend ohne Perspektive ebenso. Es gibt vom Wochenende ein Foto, das über einer engen Häuserzeile in Gaza den Rauchschweif einer Rakete zeigt, die gerade auf Israel abgeschossen wurde. Sie verletzte auf der anderen Seite der Blockade vielleicht Israelis, die sich nicht in den wenigen verbleibenden Sekunden in Sicherheit bringen konnten.

Und diese Rakete provozierte eine Reaktion: Israels Armee schießt wie jede andere Armee dorthin zurück, von wo feindliches Feuer kommt. Dort aber leben nicht die Terroristen, die mit dem Segen der Regierung die Rakete abfeuern, sondern normale palästinensische Bürger. Sie dienen der Hamas so als menschliche Schutzschilde. Mehr noch: als - sterbende - Statisten für dramatische Nachrichtenbilder, die in den Augen der Welt den Opferstatus der Palästinenser im Nahost-Konflikt manifestieren. Ein zynischer Propaganda-Effekt.

Was aber, wenn diese Bilder keiner mehr druckt, weil die Welt woanders hinguckt: nach Syrien, nach Ägypten? Die Lösung der Palästina-Frage, angeblich doch die Mutter aller Fragen im Mittleren Osten, war nie so uninteressant wie heute. Die Welt da draußen hat von Finanzkrise bis Afghanistan andere Probleme. Selbst die Israelis beschäftigen sich längst mehr mit dem Iran und dem eigenen Sozialstaat.

Abschied von einer Lebenslüge

Vor diesem Hintergrund hat Palästinenserpräsident Mahmud Abbas etwas sehr Mutiges getan, als er in einem Interview auf sein "Rückkehrrecht" ins Haus seiner Familie verzichtete. Damit weicht er eine Haltung auf, die auf palästinensischer Seite das größte Hindernis für Frieden mit Israel ist - das falsche Versprechen, Millionen Nachkommen der im Krieg 1948 geflohenen oder vertriebenen Palästinenser hätten das Recht, in Gebiete zurückzukehren, die längst zu Israel gehören.

Dies würde das Ende des jüdischen Staates bedeuten. Zugleich ist dieser Revisionismus für die Palästinenser zur Katastrophe geworden. Denn während Flüchtlinge weltweit - darunter Hunderttausende Juden, die aus arabischen Staaten flohen oder vertrieben wurden - in einer neuen Heimat neu anfangen und Entschädigungsansprüche, wenn überhaupt, gerichtlich regeln, hat sich um die Palästinenser eine von westlichen Steuern finanzierte Flüchtlingshilfe-Industrie gebildet.

Sie haben ein exklusives UN-Hilfswerk und pro Kopf mehr internationale Hilfe bekommen als die Deutschen nach dem Marshallplan. Trotzdem - oder deshalb? - leben Millionen Palästinenser seit Jahrzehnten in Flüchtlingslagern, arm, diskriminiert und hasserfüllt dank der Propaganda, an diesem Zustand seien nur die Zionisten schuld, die man bald besiegen wird.

Abbas leiser Abschied von einer Lebenslüge und der Alltag von Gaza ermöglichen einen Blick auf die Wirklichkeit: Es gibt nur ein Volk auf der Welt, das die Palästinenser aus ihrem Elend erlösen kann. Die Palästinenser.

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