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Kommentar: Ein Witz mit Brüderle

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FDP-Fraktionschef Rainer Brüderle.  Foto: dpa
Ist Rainer Brüderle ein Lustmolch? Ein Herrenwitz? Und wenn ja: Ist er damit ein Anschlag auf die Moderne? Die Geschichte des „Stern“ ist mindestens so unseriös wie Brüderles angebliche Sprüche an einer Hotelbar. Anstoß, der Kommentar  Von
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Ein Minister fährt im Fahrstuhl eines Sendestudios mit einer Mitarbeiterin des Senders. Beim Smalltalk teilt er ihr mit, er sei heterosexuell – das sei gewissermaßen sein Hobby. Oder: Ein Funktionär einer wichtigen deutschen Lobbygruppe erzählt in der Maske anzügliche Witze. Oder: Ein Minister prahlt hörbar mit der Figur einer ansonsten nicht besonders fähigen Assistentin. Oder: Ein Bundeskanzler gräbt bei einer Betriebsbesichtigung eine TV-Reporterin an. Wer in der Hauptstadt als Journalist arbeitet, kennt eine Menge solcher Geschichten. Alles andere wäre eine Sensation. Denn in Parteien, Parlamenten und Chefbüros sitzen zwar viele höfliche, gut erzogene und diskrete Männer, aber es gibt auch einige – insbesondere ältere – Herren darunter, die sich wie Kneipenrüpel benehmen, sobald eine attraktive Frau in ihrer Nähe auftaucht. Vielleicht haben sie nie gelernt, dass Flirten und Angraben zwei unterschiedliche Formen der Annäherung sind. Vielleicht haben sie diesen Unterschied auch irgendwann im Zusammenspiel von Testosteron, Macht und Abwesenheit von zu Hause vergessen.

Es könnte sein, dass Rainer Brüderle einer dieser Politiker ist. Ein Porträt in der aktuellen Ausgabe des Magazins „stern“ legt das nahe. Weit mehr noch: Es beschreibt ihn als einen besonders schweren Fall, einen „spitzen Kandidaten“, „heiter bis zotig“ und vernichtet ihn bereits mit der Überschrift. Die Charakterisierung des FDP-Spitzenkandidaten steht unter dem Titel „Der Herrenwitz“. Das so aufzuschreiben, ist kein Tabubruch. Bei all der Zeit, die Politiker und Journalisten miteinander verbringen, wissen sie viel über Stärken und Schwächen der anderen. Wenn ein Politiker eine Ehekrise hat, wer seine Mitarbeiter triezt, wer säuft – man ahnt es, tratscht. Auch Journalisten benehmen sich daneben, ihr Verhalten ist aber selten Gegenstand öffentlicher Debatten. Über Politiker jedoch taucht ab und zu etwas als Andeutung in Artikeln oder Hintergrundgesprächen auf. Aber „Der Herrenwitz“ ist von anderer Qualität. Dies ist keine Zwischen-den-Zeilen-Botschaft mehr. Der Text soll ein direkter Angriff auf die Integrität eines Politikers sein. Munition sind gesammelte Anekdoten, die anzuführen nicht wirklich für den Artikel sprechen: Herr Brüderle soll doch tatsächlich in einem Landwirtschaftsbetrieb den hängenden Euter einer Milchkuh als „Körbchengröße 90 L“ bezeichnet haben. Die entscheidende rhetorische Patrone ist da von anderer Qualität: die Autorin Laura Himmelreich schildert eine persönlichen Begegnung an einer Hotelbar. Brüderle lobt angeblich extrem plump die Oberweite der Journalistin („Sie könnten auch ein Dirndl füllen“) und antwortet so anzüglich wie schlagfertig auf Himmelreichs Erwiderung, er sei Politiker und sie Journalistin: „Verfallen nicht alle Politiker Journalistinnen?“

Wenn es so gelaufen ist, dann hat sich Brüderle unangemessen verhalten. Da gibt es nichts zu verharmlosen. Damit muss eine 29-Jährige nicht rechnen, wenn sie mit einem Politiker an der Bar steht. Frauen haben gerade in von Männern dominierten Welten einen Anspruch darauf, respektvoll behandelt zu werden. Genau an diesem Punkt aber geht es darum, ob der Text im „Stern“ über Brüderle etwas Persönliches ist oder ob er eine gesellschaftliche Frage anschneidet: Werden Frauen in den Sphären der Politik so schlecht behandelt, dass es Zeit wurde, dies ins Zentrum eines Porträts über einen Spitzenpolitiker zu stellen? Oder steht Brüderle als Ausnahme für jene Lustmolche, die es immer weniger, aber leider überall gibt?
Diese Lesart ist wahrscheinlicher. Der Text ist deshalb ein Angriff auf die Grenze, die das private und das öffentliche Dasein von Politikern mit gutem Grund trennt. Zumal im aktuellen Fall zwei besondere Gesichtspunkte dazu kommen, die die Geschichte unseriös machen.

Rainer Brüderle ist, erstens, nie als Moralapostel in Erscheinung getreten, der – anders als Politiker wie Horst Seehofer – den Wählern ein konservativ-christliches Ehe- und Familienbild verkaufen will. Wenn so jemand heimlich in Berlin eine Affäre hat, dann kann dies durchaus politisch sein. Bei Brüderle ist dies nicht der Fall. Zweitens ist die Darstellung dieses Heranwanzens an der Bar komplett einseitig. Frau Himmelreich erinnert sich an einen Dialog, der trotz allem nie mehr wurde als ein Dialog. Ein Dialog, der ein Jahr alt ist und den Brüderle nicht bestätigt. Wollen wir als Journalisten ebenso wie als Leser und Wähler, dass das ohnehin nicht immer saubere Geschäft Politik schlammig und schmierig wird, weil jeder dumme Spruch bei einer Betriebsbesichtigung oder am Abend nach dem Parteitag noch Monate danach in Zeitungen auftauchen kann?

Ein Vorfall, der keine juristische Relevanz hat, wird ein Jahr danach für eine groß vermarktete Geschichte hervorgekramt. Sie kommt pünktlich zur Ernennung eines neuen Chefredakteurs und zur Ernennung des betroffenen Politikers zum Spitzenkandidaten. Dieser Politiker gehört der ohnehin unbeliebten FDP an. Ob sie je über einen Grünen erschienen wäre? Und schließlich: Sie trifft den Menschen Brüderle mutmaßlich nicht nur in seiner politischen Rolle, sondern dezidiert privat. Denn Brüderle ist verheiratet und man darf davon ausgehen, dass seine Frau lesen kann, dass sie Freundinnen hat, Nachbarn, einen Frisör – kurz: lauter Menschen kennt, die mit ihr darüber reden werden, mit welchen Argumenten das Magazin „Stern“ die folgende Ankündigung unterfüttert. „Ausgerechnet Rainer Brüderle, 67, soll die FDP in den Wahlkampf führen. Ein Anschlag auf die Moderne.“ 

In dieser Form ist die Geschichte des „Stern“ näher an der Denunziation als an seriösem Journalismus. Sicher, in Berlin müssen Politiker mehr Transparenz und härtere Fragen ertragen als im beschaulichen Bonn. Das ist richtig so. Aber etwas Respekt, ein wenig Zurückhaltung beim Urteilen über den anderen, sollte sich der politische Betrieb erhalten. Das gilt für Politiker – aber auch für Journalisten.  

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