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Kommentar: Verstörender Rigorismus der Kirche

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Im Oktober 2011 führten fundamentalistische Christen eine Spitzel-Aktion in einem katholischen Krankenhaus durch. Foto: dpa
Weil es den Grundsätzen der Kirche widerspreche, dürfen katholische Kliniken Vergewaltigungsopfer nicht über die Pille danach aufklären. Erklären lässt sich das nur mit Abgebrühtheit, Lebensferne und Weltfremdheit. Anstoß, der Kommentar.  Von
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Köln

Noch stürmen in Deutschland christliche Abtreibungsgegner keine Kliniken oder bedrohen Gynäkologen wie in den USA. Aber Mahnwachen selbst ernannter „Lebensschützer“ hat es auch in Köln schon gegeben. Dabei gibt es subtileren und wirkungsvolleren Druck als Flashmobs vor Krankenhäusern: Kirchlichen Mitarbeitern droht die fristlose Kündigung, wenn sie Abtreibungen vornehmen oder daran mitwirken. Im Erzbistum Köln ist der Begriff inzwischen offenbar so weit gefasst, dass er sogar eine Aufklärung über die „Pille danach“ einschließt.

Schwere Vorwürfe gegen Kölner Kliniken

Die Stellungnahme der Kirche zum aktuellen Fall einer Schwangeren, die in kirchlichen Krankenhäusern noch nicht einmal auf Vergewaltigungsspuren untersucht wurde, ist verräterisch: Selbstverständlich sei jede Form von „Heilbehandlung“ nach wie vor möglich. Alles, was eine Schwangerschaft künstlich verhindert oder durch medizinischen Eingriff beendet, ist nach katholischem Verständnis aber keine Heilbehandlung, sondern eine der schwersten Sünden überhaupt.´

Anerkennung verdient, wer das hohe Gut des Lebens achtet und ungeborene Kinder schützen will, die schwächsten Glieder in der Kette des Lebens. Gut, dass die Kirche dafür eintritt. Etwa 100.000 Abtreibungen in Deutschland pro Jahr sind eine Zahl, die beunruhigt – zumal wenn sich damit der Verdacht verbindet, der Abbruch einer Schwangerschaft in frühen Stadien mit der bloßen „schonenden“ Einnahme einer Tablette könnte eine probate Form der Familienplanung sein.

Sie reiten Prinzipien

Dass die Kirche einer vergewaltigten Frau aber sogar die „Pille danach“ samt Information hierüber verweigert wissen will, obwohl das Präparat nach dem Stand der Forschung nicht einmal kontrazeptiv im engeren Sinne wirkt, sondern nur den Eisprung und damit eine mögliche Befruchtung verhindert – dieser Rigorismus ist mindestens so verstörend wie die Schocker-Bilder abgetriebener Föten. Die Kirche lehrt: Jedes Kind ist Frucht der Liebe Gottes und – im besten Fall – der Liebe zwischen Mann und Frau. Wie das mit Vergewaltigung vereinbar sein soll, mit Wunden an Leib und Seele, die womöglich ein Leben lang schwären – das bleibt das Geheimnis einer zölibatären Priesterkaste, ihrer Moralisten und Juristen. Sie reiten Prinzipien („Abtreibung ist Todsünde“) und vergessen darüber die Menschen.

Der Paragraf 218 nimmt Bürgerinnen, die als Opfer sexueller Gewalt eine Schwangerschaft abbrechen, von strafrechtlichen Sanktionen aus. Weil der Gesetzgeber es für unzumutbar hält, dass die Frau unter solchen Umständen ein Kind zur Welt bringen soll. Damit ist der Staat der bessere Seelsorger als die katholische Kirche. Sie hat die „kriminologische Indikation“ nie als Rechtfertigung einer Abtreibung gelten lassen. Die Not der Frau zu übergehen und die Folgen für ihr Leben, das Leben des Kindes und seiner Familie auszublenden – das ist eine menschenfeindliche Moral, zu deren Verteidigung und arbeitsrechtlicher Durchsetzung es einer gehörigen Portion Abgebrühtheit und Lebensferne bedarf.

Die Klinikverantwortlichen im Kölner Fall sprechen jetzt von einem fatalen Missverständnis ihrer Angestellten. Das lässt zumindest ahnen, wie der Druck des kirchlichen Arbeitgebers natürliche oder professionelle Reflexe ausschaltet. Ein Arzt ist dafür da, zu helfen, nicht seinen Arbeitsvertrag herunterzubeten. Und wenn er der vergewaltigten Frau die „Pille danach“ – aus Überzeugung oder zum Erhalt seines Jobs – schon nicht selbst verschreibt oder verabreicht, so muss er sie doch behandeln, ihr sagen, was es mit der „Pille danach“ auf sich hat und wie sie das Präparat bekommt. Das ist das Mindeste, was Staat und Gesellschaft auch in einem kirchlichen Betrieb mit „Tendenzschutz“ erwarten dürfen und verlangen müssen.

Über den pastoralen Schaden des aktuellen Skandals braucht sich die nicht-kirchliche Öffentlichkeit eigentlich keine Gedanken zu machen. Das ist die Sache Kardinal Meisners und seiner Leute. Aber in einer Zeit, in der die Fälle sexuellen Missbrauch durch Geistliche die Abgründe des katholisch-klerikalen Komplexes offen gelegt haben, sollte die Kirche nicht ausgerechnet im Bereich der Sexualmoral ihre vermeintliche Macht proben und sich als Hüterin einer  (ja, was eigentlich?) „reinen Lehre“ aufspielen.

 

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