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Kommentar zu Fatih Akin: Der politische Intellektuelle lebt

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Der Regisseur Fatih Akin Foto: dpa
In den 60er und 70er Jahren kam es oft vor, dass sich Intellektuelle zu politischen Sachverhalten äußerten. Heute ist das zwar selten geworden, doch die Zustände in der Türkei brechen das Schweigen: Bei Fatih Akin, aber auch bei anderen Mutigen. Ein Kommentar.  Von
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Der Typ des sich politisch einmischenden Intellektuellen – in der Bundesrepublik hatte er seine Hochzeit in den 60er und 70er Jahren. Heute ist er außer Kurs gekommen – was viele Gründe hat: Die Intellektuellen haben sich mit ihrem Mitsprache- bis Mitregierungsanspruch intellektuell oft peinlich überhoben. Vor allem aber sind die Dinge kompliziert geworden. Sicher: Für die Finanzkrise und die Spaltung der Gesellschaft mag jemand Schuld tragen, aber die ist nicht so einfach zu personalisieren wie in früheren Zeiten, da es leichtfiel, auf Feindbilder rituell einzudreschen – Franz Josef Strauß zum Beispiel.

Nicht in Deutschland, aber in der und rund um die Türkei kehrt in diesen Tagen der politische Intellektuelle zurück – der deutsch-türkische Filmregisseur Fatih Akin hat soeben in einem offenen Brief an Staatspräsident Gül dessen Schweigen zu der exzessiven Polizeigewalt in Istanbul scharf kritisiert. Nun geht es hier auch nicht um Finanzspekulation, sondern um einen sehr konkreten Sachverhalt: Der türkische Premier Erdogan lässt legitime zivilgesellschaftliche Proteste gegen seine Politik brutal niederknüppeln. Da fällt die Parteinahme vom Menschenrechtsstandpunkt aus nicht schwer, sie spricht für sich selbst.

Aber nicht nur „Auslandstürken“ wie Dogan Akhanli und eben Akin sind aktiv geworden. Diesbezüglich mag man sagen, dass es sich vom sicheren Port aus leicht den Mund aufmachen lässt. Indes tun auch prominente Künstler wie Orhan Pamuk und Zülfü Livaneli, die in der Türkei geblieben sind, vernehmlich kund, was sie von Erdogans Weise der Machtausübung halten. Das nötigt Bewunderung ab, denn mit diesem Mut stehen sie in ihrem Land stets mit einem Bein im Gefängnis. Das ist ein Unterschied zu den deutschen 70ern – um den niemand die Türkei beneiden muss. Wie heißt es schon bei Brecht: „Unglücklich das Land, das Helden nötig hat!“

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