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Kommentar zu Gauck: Die Rückkehr der Würde

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Bundespräsident Joachim Gauck und seine Lebensgefährtin Daniela Schadt bei ihrer Ankunft in Äthiopien mit Protokollchef Mihretab Mulugeta.  Foto: dpa
Joachim Gauck ist seit einem Jahr Bundespräsident. Er hat dem Amt Würde zurückgegeben. Und er hat um Verständnis für die Politiker geworben – obwohl ihm das einiges abverlangt. Seine Loyalität zur Kanzlerin offenbart Professionalität. Kommentar.  Von
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Köln

Den ersten Jahrestag seiner Wahl zum Bundespräsidenten verbringt Joachim Gauck in Äthiopien. Anlass der Reise ist das 50-jährige Bestehen der Afrikanischen Union; der deutsche Präsident möchte dem Kontinent als erstes Staatsoberhaupt seinen Respekt erweisen. Das erinnert an seinen Vor-Vorgänger Horst Köhler, der eine besondere Leidenschaft für Afrika entwickelt hatte. Und der ohne seinen bis heute nicht recht begründeten plötzlichen Rücktritt im Mai 2010 noch immer präsidieren würde.

Damit begann eine elende Phase des höchsten deutschen Staatsamtes. Köhlers Nachfolger Christian Wulff trieb den Niedergang auf eine für bundesdeutsche Verhältnisse bis dahin so unvorstellbare Weise voran, dass ernsthaft diskutiert wurde, ob die Republik überhaupt noch eines Präsidenten bedarf.

Mit Wahrhaftigkeit und Authentizität

Diesen Trümmerhaufen fand Joachim Gauck vor einem Jahr vor. Seine erste und wichtigste Aufgabe war, dem Amt sein Ansehen und seine Würde zurückzugeben. Man kann heute eindeutig sagen: Das hat er geschafft, mit Bravour. 77 Prozent der Deutschen sind mit seiner Arbeit zufrieden. Wie hat er das geschafft? Die Schlüsselworte für Erfolg in der Politik sind Wahrhaftigkeit und Authentizität. Die Menschen nehmen Joachim Gauck ab, dass er es ernst meint mit dem, was er sagt und wie er es sagt.

Es ist ihm hoch anzurechnen, dass er sein Ansehen nicht auf Kosten anderer mehrt. Es wäre für ihn ein Leichtes, aus der weit verbreiteten Politikverdrossenheit Kapital zu schlagen. Zum Beispiel die rhetorisch schwache Kanzlerin zu überstrahlen mit seiner Redekunst, sie herauszufordern mit seiner Fähigkeit, komplizierte Dinge mitreißend oder anrührend zu schildern. So etwas haben sie in der Union befürchtet, deren Kanzlerin einiges versucht hat, seine Wahl zu verhindern.

Loyalität gegenüber der Kanzlerin

Joachim Gauck hat all das nicht getan. Er hat der Versuchung widerstanden, allzu sehr zu glänzen, was er eigentlich doch sehr gerne tut und wozu dieses Amt einige Gelegenheit bietet. Er hat sich stattdessen an die mühselige Arbeit gemacht, um Verständnis für die Politiker, ihre Anliegen, ihre Probleme zu werben. Das ist ein ehrenwerter Dienst an der Demokratie, der Gauck einiges abverlangt. Der darunter leidet, dass er nicht mehr so frei und offen reden kann wie früher, weil jedes seiner Worte darauf geprüft wird, ob es nicht doch eine versteckte Attacke gegen Merkel enthält, ob es nicht gegen irgendeine Regel der politischen oder diplomatischen Contenance verstößt. Gauck ist in einem Maße loyal gegenüber der Kanzlerin, wie viele es ihm nicht zugetraut haben. Er zeigt gerade ihr, wie ein guter Präsident agiert - nicht populistisch und überempfindlich wie Köhler und nicht fremdgesteuert und vom Glanz der neuen Rolle geblendet wie Wulff - die beiden Männer, die durch Merkels Willen Präsidenten geworden und gescheitert sind.

Es bleiben noch vier Jahre

Doch führt das auch zu Defiziten. Die groß angekündigte Europarede ist zum Beispiel eben nicht so brillant ausgefallen, wie ein Joachim Gauck sie auch hätte halten können - wenn er jetzt nicht so viele Rücksichten nähme.

So sehr er die Regierenden beruhigt hat durch seine moderate Amtsführung, so sehr hat er jene enttäuscht, die seine Kandidatur geradezu enthusiastisch gefeiert haben. Jene, die von ihm die Rundumerneuerung der gestörten Beziehungen zwischen Regierenden und Regierten erwarten. Er verstehe sich als Übersetzer zwischen Politikern und Bürgern, hat Gauck gesagt. Das ist schon viel, aber doch nicht genug für einen Mann seines Anspruchs. Gleichwohl: Joachim Gauck hat im ersten Amtsjahr viel erreicht. Ihm bleiben noch vier Jahre, um aus dem Amt noch mehr zu machen.

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