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Kommentar zu London: Ein Smartphone findet sich immer

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Filmausschnitt eines Amateurvideos: Mit noch blutigen Händen lässt sich der Londoner Attentäter von einem Amateurfilmer interviewen. Foto: REUTERS
Der Attentäter von London hat offenbar die mediale Inszenierung eiskalt kalkuliert und lässt sich noch mit blutigen Händen von einem Passanten in einem Handyvideo interviewen — um als Held zu gelten. Anstoß, der Kommentar.  Von
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Die Szene bekommt das besonders Schockierende durch ihre scheinbare Normalität. Ein wütender Mann wird gefilmt, Passanten drängen sich eilig vorbei. Es sieht beinahe so aus, wie eine Londoner Straßenszene so aussehen mag.
Aber der Mann hat blutige Hände.

Er trägt ein Messer mit sich und ein Fleischerbeil. Er hat gerade auf einer Straße der britischen Hauptstadt einen Mann buchstäblich zerhackt, wie Augenzeugen berichten. Der Täter erklärt in die wackelige Kamera eines Amateurfilmers, er bedaure, dass Frauen und Kinder dies mit ansehen mussten. Aber in seinem Land müssten sie dies auch.

„Wir schwören beim allmächtigen Allah, wir hören nie auf, Euch zu bekämpfen, bis Ihr uns in Ruhe lasst“, sagt er in die Kamera. „Auge um Auge, und Zahn um Zahn.“ Sein Mittäter schlendert auf der anderen Straßenseite hin und her. Wie Passanten berichten, haben sie „Allah ist groß“ gerufen, als sie auf den Getöteten einstachen und -schlugen. Das Opfer, das wurde inzwischen bestätigt, ist ein britischer Soldat.

Seit Wochen fürchteten britische Sicherheitskräfte einen Anschlag in London. Der Kampf westlicher – auch deutscher – Soldaten gegen die Taliban in Afghanistan und vor allem die zivilen Opfer, die dabei immer wieder zu beklagen sind, befördern den blanken Hass bei denen, die sich im Westen in ihren religiösen Überzeugungen und auch gesellschaftlich wie wirtschaftlich benachteiligt fühlen. Dieser Hass, geschürt von radikalen Islamisten in Moscheen und im Internet, führt dazu, dass sich Menschen zu jedweder Gewalttat berechtigt fühlen. Erst recht, wenn sie wirren Gedanken folgen.

Die beiden Männer, da können wir sicher sein, werden alsbald international gefeiert werden von den Radikalen im Geiste. Von denen, die Muslime ohnehin für die besseren Menschen halten. Von denen, die die westliche Lebensart, deren Freiheit sie gerne für die Verbreitung ihres Hasses nutzen, verachten. Sie haben – wie die Attentäter von Boston – eiskalt berechnet, dass ihre Tat ungebremst in die Öffentlichkeit kommt. Offenbar muss man heute davon ausgehen, dass sicher immer jemand findet, der mit dem Smartphone die Erklärungen eines blutverschmierten Gewalttäters aufnimmt (und dann möglicherweise meistbietend verhökert).

Die Täter wurden durch die Polizei schwer verletzt. Wenn sie überleben, werden sie vermutlich ihren Heldenstatus, den sie in ihren Kreisen erreichen, genießen. Egal, ob sie für den Rest ihres Lebens hinter Gittern landen. Möglicherweise dachten sie, sie hätten nichts zu verlieren, aber das Recht, im Kampf zu sterben. Dabei sind sie nichts als zwei ganz normale vom Hass verblendete Killer. Das zeigt das ganze Drama: Es kann sich jederzeit überall wiederholen.

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