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Kommentar zum Autonomen Zentrum: Kalk braucht Freiräume für Kreative

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Die ehemaligen KHD-Kantine in der Wiersbergstraße, wo das Autonome Zentrum bisher untergebracht war. Foto: Michael Bause
Nach Kündigung des Mietvertrages muss das Autonome Zentrum die ehemalige KHD-Kantine in Kalk bis Ende Juni räumen. Bisher hat der Stadtteil von dem Zentrum profitiert. Stadt und Politik sollten einen neuen Standort suchen. Anstoß, der Kommentar  Von
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Hochgerüstete Polizeihundertschaften, Räumfahrzeuge, vermummte Demonstranten auf Barrikaden – die Bilder aus der Kalker Wiersbergstraße aus dem April 2011 sind noch gut in Erinnerung. Genau wie die Einigung in letzter Minute: Einige Politiker und ein engagierter Polizeidirektor hatten besonnen und klug eine Einigung vermittelt, durch die die Besetzung legalisiert wurde. Das Autonome Zentrum konnte seine Arbeit fortsetzen – auf der Basis eines Mietvertrags mit der Sparkasse, deren Tochter sich jahrelang nicht um die ehemalige KHD-Kantine gekümmert hatte. Weil es danach etwas ruhiger um das Projekt wurde, war ein unverstellter Blick auf das möglich, was im Kölner Autonomen Zentrum passiert. Auch mancher, der die Betreiber vorher als linke Chaoten betitelt hatte, musste einräumen, dass sich hier ein nicht kommerzielles Angebot etablierte, das einer Stadt wie Köln gut zu Gesicht steht: ein selbstverwaltetes Kulturzentrum, durch und durch politisch, mit Platz für viel Spinnerei und Experimente, ein Ort zum Partymachen und Diskutieren, Kunst und Kultur jenseits des Mainstreams, anders und für viele sehr unbequem. So ein Non-Profit-Zentrum gehört zu einer vitalen Großstadt, die Vielfalt zum Aushängeschild machen will.

Das gefällt nicht jedem. Die politische Provokation von Linksaußen, aber vor allem die Angst vor Dingen, die man nicht kennt und die ein Stadtviertel verändern, haben zu zum Teil heftigen Gegenreaktionen geführt. Die Nachbarschaft in Kalk blieb gespalten, beide Volksparteien gingen auf Distanz, um bloß nichts zu riskieren. Dabei haben es ihnen die Betreiber des Autonomen Zentrums leicht gemacht, weil sie immer wieder Kooperationen verweigerten und es zeitweise nicht schafften, mit dem großen Zustrom umzugehen, der eben immer auch für Belästigungen und Ärger sorgte. Auch die lange Zeit zur Schau getragene strikte Weigerung der Betreiber des Zentrums, über alternative Standorte nachzudenken, war nicht hilfreich.

Alle müssen sich ein bisschen bewegen

Auch wenn es mancher Kalker aus seinem sehr persönlichen Blickwinkel nicht nachvollziehen kann oder will: Sein Stadtteil hat vom Autonomen Zentrum profitiert. Kalk gilt als nächstes Ziel der kreativen „Pioniere“, wie Soziologen die Vorboten der Aufwertung eines Stadtquartiers nennen. Der Stadtteil entwickelt sich vom Opfer des industriellen Niedergangs zum aufstrebenden urbanen Viertel. Dazu braucht es Freiräume für Kultur, Experimente und Existenzgründungen. Das wird eine kluge Stadtplanung berücksichtigen müssen. Sie muss mit den vorhandenen Entwicklungspotenzialen umgehen können. Und dazu gehört eben nicht nur ein Autonomes Zentrum. Im Kalker Süden stoßen verschiedene Ziele der Stadtentwicklungsplanung aufeinander: Die geplante Schulerweiterung ist genauso wichtig wie den Erhalt und die Schaffung von Arbeitsplätzen. Auch das Anlegen von Grünflächen gehört zur Stadtentwicklung – erst Recht in diesem dicht bebauten Gebiet. Die ehemalige KHD-Werkskantine steht der großflächigen Lösung der Stadtplaner für den gebeutelten Kalker Süden im Weg.

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Die dreimonatige Kündigungsfrist bietet noch einmal die Chance, nach Alternativen für das Autonome Zentrum zu suchen. Es ist in Köln viel von so genannten Zwischennutzungen von ehemaligen Industriebrachen und –hallen die Rede. Den vielen Worten sind bislang wenige Taten gefolgt. Stadt und Politik sind aufgefordert, nach Standorten für ein Autonomes Zentrum zu suchen – in der Kalker Nachbarschaft, genau wie im Rest der Stadt. Aber auch die Betreiber des Zentrums müssen sich bewegen. Die Energie, die nun in die Entwicklung von seltsamsten Formen des Widerstands gegen die Räumung gesteckt wird, kann man auch dafür einsetzen, eine neue Bleibe zu finden. Eine Eskalation kann verhindert werden, wenn sich alle ein bisschen bewegen.

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