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Kommentar zum Autonomen Zentrum: Wo bleibt der Aufschrei?

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Der Eingangsbereich des Autonomen Zentrums in der Wiersbergstraße in Kalk. Foto: Arton Krasniqi
Der Konflikt um das AZ in Köln-Kalk läuft aus dem Ruder. Alles was dort aufgebaut wurde, verliert gerade seine Legitimation. Doch der bürgerliche Protest gegen die Radikalisierung im Autonomen Zentrum findet nicht statt.  Von
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Köln

Rechtsextreme verkleben die Wohnungstür des links-alternativen Kabarettisten Jürgen Becker. Im Internet wird er angeprangert und höhnisch wird dazu aufgerufen, ihn zu „besuchen“ und sein Haus zu „verschönern“. Praktisch, dass daneben Beckers Anschrift steht. An anderer Stelle wird der „Struggle“ beschworen – die schwarzen Südafrikaner nannten ihren bewaffneten Freiheitskampf so. Was geschähe wohl in Köln? Irgendetwas zwischen Menschenkette, Arsch-huh-Konzert oder Marsch gegen rechts.

Nun ist dies dem Kölner Oberbürgermeister und zwei Kommunalpolitikern widerfahren. Warum? Weil sie als Institution und/oder politische Person dafür stehen, dass das Autonome Zentrum (AZ) in Köln-Kalk von seinen Bewohnern geräumt wird. Deren Mietvertrag, seinerzeit öffentlich verhandelt, ist ausgelaufen. Das ist das „Vergehen“. Deshalb werden Internet-Pranger sowie Angst- und Einschüchterungsstrategien in Stellung gebracht.

Öffentlicher Aufschrei? Fehlanzeige. Von vereinzelten Wortmeldungen aus dem bürgerlichen Kernmilieu abgesehen, herrscht Formulierungsschwäche. Der erwähnte Jürgen Becker muss in einer Stellungnahme das Bedrohungsszenario erst einmal ins Lächerliche ziehen. Sein Rollenkonflikt steht stellvertretend für weite Teile der linken Stadtgesellschaft, die allenfalls mit den Achseln zuckt. Zumindest die Polizei deutet die Zeichen, wie man es sollte: als Bedrohungstatbestand. Im Internet ticken geistige Zeitbomben. In Köln-Kalk läuft gerade etwas gewaltig aus dem Ruder. Sicher mag die Mehrzahl der jugendlichen Besetzer im Kalker Zentrum friedlich sein, sicher mögen sie Theateraufführungen proben, Kurse geben wie in der VHS, Fahrräder reparieren und ebenso sicher haben sie brav-bürgerlich Nebenkosten für die leerstehende Kantine bezahlt. Doch ebenso sicher sind sie bestenfalls nicht mehr Herr im Haus, springen ihnen Kräfte bei, die ihre eigenen Ziele verfolgen und für die das Autonome Zentrum nur Mittel zum Zweck für eigene Konflikt-Fantasien mit dem Staat ist.

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Eine Stadt wie Köln braucht Nischen, und wenn es gut läuft, dann hat sie Platz für ein Zentrum wie das in Kalk. Dann kann tatsächlich Kreativität in einem Freiraum sprießen, nehmen junge Menschen eine Auszeit und werden andere in kritischen Lebenssituationen aufgefangen. In Mülheim gibt es seit Jahrzehnten so etwas, die Sozialistische Selbsthilfe Mülheim (SSM). Sowenig man politische Ansichten der dort Verantwortlichen teilen mag, so anerkennenswert ist, was dort buchstäblich aufgebaut und saniert wurde. Dieser Respekt geht so weit, dass die SSM handfeste Unterstützung selbst aus CDU-nahen Kreisen erfuhr. Sie hat Sprecher, Struktur und folgt Regeln.

Doch alles, was bisher in Köln-Kalk aufgebaut wurde, verliert gerade seine Legitimation. Jetzt, wo ein klares Signal gegen gezielte Gewalt gefordert ist, hört man nichts. Stattdessen werden in selbstvergessener Betroffenheitslyrik die Opfer zu Tätern stilisiert und nimmt eine intellektuelle Stadtgesellschaft es hin, dass der demokratische Reflex, Gewalt von rechts zu verurteilen, entwertet wird. Was ist solcher Protest wert, wenn er politischer Opportunität unterworfen ist und zur sinnfreien Attitüde verkommt? Wer spricht mit denen, die gerade in Kalk Barrikaden bauen? Es sollten die sein, die jetzt schweigen. Auf sie hört man in Kalk am ehesten.

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